West-Eliten haben Angst vor TikTok: Was ist das Geheimnis der Chinesen?

Ein Mädchen vor dunkelrotem Hintergrund mit einem Smartphone in der Hand, worauf "TikTok" zu lesen ist.

Bild: Ti Vla, Shutterstock.com

Geopolitik und Medientricks einer global erfolgreichen Tanzfilm-App – auch für die AfD bei Jungwählern. Ist die Jugend in Gefahr?

TikTok, die chinesische Kurzfilm-App mit sehr jungem Publikum, hat für Aufsehen und Kontroversen gesorgt. Wollten Marxisten einst "die Verhältnisse zum Tanzen bringen", scheint dies TikTok zu gelingen: Immer mehr Politiker machen sich dort beim hilflosen Versuch einer Anbiederung bei der Jugend lächerlich -teils tatsächlich tanzend.

Aktuell machen auch noch Berichte über die Dominanz rechtspopulistischer TikToks der AfD die Runde. Man sieht darin eine Erklärung für den überraschenden Erfolg der AfD bei Jungwählern in neuesten Umfragen.

ZDF-Politclown Oliver Welke amüsierte sich über SPD-Kanzler Scholz auf TikTok, wo dessen Aktentasche mehr Charisma habe als der Kanzler selbst. In Welkes Satire-TikTok (so nennt man auch die einzelnen Kurzvideos) spuckt Scholzens Tasche dabei plötzlich Cum-Ex-Akten aus.

Politiker auf TikTok: Zwischen Engagement und Peinlichkeit

Damit hat Welke die Medienästhetik von TikTok besser begriffen als das Social-Media-PR-Team im Kanzleramt: Es geht zentral um überraschende, manchmal schockierende visuelle Wendungen, Transformationen und Effekte.

TikTok ist mit 120 Milliarden Dollar Umsatz und Milliarden Nutzern weltweit heute als einziger Global Player auf dem Social-Media-Markt kein Unternehmen aus den USA. Die App hat selbst dort, im Mutterland der digitalen Plattformen, beachtliche 170 Millionen User, meist Teens und Twens.

Doch über 90 Prozent der TikTok-Nutzer in den USA nutzen auch YouTube (Google), 80 Prozent Instagram und 68 Prozent Facebook, beide von Zuckerbergs Meta-Konzern.

TikTok: Eine globale Macht abseits der USA

Die Plattform steht im Fokus von Debatten in den USA und gerade im Digitalbereich sehen Forscher weitreichende geopolitische Konflikte voraus (Schmalz 2023, siehe Literaturliste am Ende des Artikels).

Unter westlichen Strategen schwenkt man derzeit, auch unter dem Eindruck wachsender finanzieller Stärke Pekings, von Dominanz im Finanzsektor zurück zur klassischen Geopolitik.

Stimmen aus China betonen dagegen das Streben nach ökonomischer Kooperation statt geopolitischer Durchsetzung:

Kurz nachdem es Japan überholt hatte und 2010 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen war, begann China den Druck der geopolitischen Konkurrenz durch die "Pivot to Asia"-Strategie der Obama-Regierung zu spüren. (...)

Der wichtigste Faktor, der aus chinesischer Sicht zur Instabilität der Beziehungen zwischen den Großmächten geführt hat, ist, dass die USA China als "langfristigen Konkurrenten" ins Visier nahmen und alle Mittel außer militärischen einsetzen, um China niederzukonkurrieren.

Hongjian Cui, Telepolis

Was ist neu bei TikTok?

Die laut gewordenen Klagen über TikTok reichen auch hierzulande von Spionage über mangelnden Jugendschutz bis zur Erzeugung von Abhängigkeit der Nutzer. Das alles ist nicht neu auf dem Social-Media-Markt.

Facebook hatte diverse Skandale, habe die französischen Gelbwesten in eine Filterblase gelockt (Breljak/Mühlhoff 2019), spioniere seine Nutzer aus, manipuliere ihre Gefühle, Meinungen und sogar Wahlentscheidungen (O’Neil 2017).

Auch bei Instagram sah man die Jugend in Gefahr, Suchteffekte und etwa das Triggern von Anorexie bei jungen Mädchen. Seit dem Start von Instagram sei in Miami z.B. die besonders gefährliche Schönheits-OP Butt-Lift um 200 Prozent häufiger geworden.

Auch bei TikTok herrschen Jugend- und Schönheitskult, werden Nutzerprofile angelegt, etwas Besonderes sind nur chinesische Herkunft und globaler Erfolg der App. Protzerei mit Status und Luxus ist vielleicht bei der App aus der kommunistischen Volksrepublik etwas weniger zentral.

Aber erotisierte Körperbilder und food porn statt echter Pornografie gibt es auch bei TikTok, dazu Myriaden Clips zu allem von Politik bis Putzfimmel, Influencer:innen und Horror-Effekte inklusive (Otto 2023).

Die Body-Genres Horror und Pornografie gelten als Kern der affektiven Subjektbildung, schon in vordigitalen Medienrevolutionen der 1980er-Jahre (Pletz 2020). Die Durchsetzung der Digitalität hat die Karten seitdem neu gemischt und die Subjekte neuen Risiken des Zugriffs durch die Macht der Medien ausgesetzt.

"Suchtgefährdend": Die Verbotsdrohung

Die EU-Kommission droht TikTok aktuell mit dem Verbot einiger Features, denn die Belohnungsfunktion einer nur in Spanien und Frankreich erhältlichen Variante der App sei womöglich suchtgefährdend.

Bei TikTok-Lite, einer schlanken Version der App, werden Benutzer im "Task and Reward"-Programm mit TikTok-Bitcoins belohnt, wenn sie Videos gucken, liken oder kommentieren. Diese Coins kann man in Gutscheine für Produkte aus Online-Shops umtauschen, was Nutzer:innen bindet und süchtig macht.

Auch das ist nichts Neues, ähnlich binden Facebook, LinkedIn, Airbnb ihre Nutzer und erzeugen digitale Hörigkeit (Jorinde Schulz 2019).

TikTok scheint, wohl mit KI-Einsatz, die individualisierte Fütterung der Nutzer mit Angeboten optimiert zu haben (Dean 2023, Smith 2021). ByteDance-Gründer Zhang Yiming will bei KI-Anwendungen ganz vorne mit dabei sein und TikTok dürfte ein Anwendungsfeld sein.

Ist es schlimmer, wenn diese Zwänge aus China kommen?

Auch bei Tiktok werden also Kommunikation und Beziehungen der Nutzer kapitalisiert (Barth/Alton-Scheidl 2007), die Psyche infiltriert (Löchel 2023) und das Verhalten manipuliert (Carstensen 2023). Ist es schlimmer, wenn diese Zwänge aus China kommen?

Oder finden einige es nur schlimmer, dass Chinesen diese Machtmittel inzwischen besser zu beherrschen scheinen als Westkonzerne?

China-Phobiker Trump: Angst vor TikTok

In den USA gibt es Verbote und US-Behörden drängen den chinesische Mutterkonzern ByteDance zum Verkauf der App. Der notorische China-Phobiker Donald Trump hatte TikTok schon früh und lautstark der kommunistischen Spionage im Dienste Pekings bezichtigt, allerdings ohne Beweise vorlegen zu können.

Wie Trump ging es wohl auch seinem Amtskollegen Narendra Modi eher nicht um den Schutz demokratischer Wahlen, als er schon 2020 TikTok in Indien verbieten ließ; 2023 folgten Washington, London und die EU dem starken Mann in Dheli insoweit, als sie TikTok von Diensthandys ihrer Beamten verbannten (Otto 2023).

USA: Gekränkte Eliten

Am härtesten wird die Debatte wohl in den USA geführt, vielleicht weil dortige Eliten sich durch den Erfolg der Chinesen gekränkt fühlen. In den USA droht man mit einem Verbot von TikTok, dessen Mutterkonzern ByteDance unter Druck gesetzt wird, die profitable App an ein US-Unternehmen zu verkaufen.

TikTok wehrte sich mit einer Gegen-Kampagne und verschickte an die mehr als 170 Millionen US-TikToker Benachrichtigungen mit der Aufforderung, bei ihrem Kongressabgeordneten über den entsprechenden Gesetzesentwurf zu protestieren.

Die Plattform lud seine Nutzer gleich dazu ein, die Abgeordneten mit wenigen Tastendrücken telefonisch zu erreichen, woraufhin Kongressbüros mit Anrufen überflutet wurden.

Schock

Maria Cantwell, demokratische Senatorin und Vorsitzende des Handelsausschusses im Senat, war nach der Aktion von TikTok schockiert: Sensible Daten von US-Bürgern wären "durch ausländische Gegner" ausgenutzt worden. TikTok habe jedoch diese Bedenken stets zurückgewiesen und betont, dass ByteDance zu 60 Prozent westlichen Investoren gehört und seinen Sitz auf den Cayman Islands in der Karibik hat.

Kritiker argumentieren dagegen, dass die chinesischen Gründer mit ihrem Anteil von 20 Prozent die Kontrolle über das Unternehmen behalten und ByteDance eine große Zentrale in Peking unterhält. Trotzdem fragen sich viele, wie fair ein Verbot wäre:

Es zeigt sich immer wieder, dass China gedrängt wird, westlichen Vorgaben zu folgen, und sobald es dies erfolgreich tut, mit aller Macht bekämpft wird. Dieses Spiel läuft derzeit im Falle von TikTok in den USA und zeichnet sich in Europa bei den Handelsplattformen Temu, Shein und auch AliExpress ab.

Christoph Jehle, Telepolis

Verliert Biden mit TikTok die Jugend?

Vor allem jüngere US-Bürger lehnen jedoch ein TikTok-Verbot ab: Während insgesamt 31 Prozent der Befragten kein Verbot wollen, sind es bei den 18- bis 34-Jährigen sogar 48 Prozent.

Bei den über 65-Jährigen dagegen nur elf Prozent. Bei TikTok-Nutzern sind rund zwei Drittel der Meinung, dass die Regierung die Social-Media-App nicht verbieten sollte. Dazu kommt: Vor allem bei den Jungwählern, die überproportional TikTok nutzen, hat Biden Probleme.

In der Umfrage lag seine Zustimmungsrate bei den 18- bis 34-Jährigen nur noch bei 33 Prozent, sieben Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnitt dieser Altersgruppe.

Weniger aufgeregt nimmt Brüssel TikTok ins Visier: Das EU-Gesetz über digitale Dienste (DSG) trat 2022 in Kraft und gilt ab Anfang 2024 als in der gesamten Europäischen Union anwendbar, was auch die Transparenzpflichten für TikTok betrifft.

Die mangelhafte Transparenz von Algorithmen

Kritisiert wird die mangelhafte Verständlichkeit der Angaben in TikTok-Unternehmensberichten, d.h. die mangelhafte Transparenz von Algorithmen, Datenhaltung und Inhaltsmoderation, aber auch Schleichwerbung sowie ethnische und andere Diskriminierungen:

Not only the "Black" community, but also transgender communities encounter such challenges. TikTok has admitted suppressing content from "Black, disabled, and LGBTQ creators".

Nicht nur die "schwarze" Gemeinschaft, sondern auch Transgender-Gemeinschaften sehen sich solchen Herausforderungen gegenüber. TikTok hat zugegeben, dass es Inhalte von "schwarzen, behinderten und LGBTQ-Autoren" unterdrückt.

Lisa Kosters und Oskar J. Gstrein

Viel westliche Kritik konzentriert sich auf den Algorithmus von TikTok, der – angeblich im Gegensatz zu anderen Social-Media-Plattformen – die Verbraucher gezielt ansprechen und ihr Engagementverhalten beeinflussen würde (Smith 2021; Kosters/Gstrein 2024, p.125); Jorinde Schulz hat jedoch schon 2019 beschrieben, wie andere Plattformen, z.B. Facebook, LinkedIn, Airbnb, seit Langem genau dies ebenfalls tun.

Einschränkung der Redefreiheit

Trotz Protesten hat der US-Kongress sein Anti-TikTok-Gesetz inzwischen beschlossen, um die Plattform zum Verkauf an US-Firmen zu zwingen. TikTok will sich juristisch dagegen wehren und hat gute Chancen.

Selbst das Wall Street Journal verweist für ein Verbot auf eine Einschränkung der Redefreiheit.