Arme Bauern und immer mehr Milliardäre: Chinas soziale Ungleichheit wächst
Die Reformen unter Deng wurden maßgeblich von der Landbevölkerung mitgetragen
(Bild: a little snail/Shutterstock.com)
Während Chinas Bauern von ihrer Rente kaum leben können, geht die soziale Schere auseinander – und eine Erbschaftssteuer lässt auf sich warten. Eine Analyse.
Im März hat der Nationale Volkskongress, das chinesische Parlament, eine Rentenerhöhung von monatlich nur 20 RMB oder etwa 2,50 Euro für die Landbevölkerung beschlossen. Viele Delegierte hatten vorher eine Erhöhung von bis zu 500 RMB monatlich gefordert. 2024 betrug die Mindestrente winzige 123 RMB. In diesem Jahr liegt die Mindestrente bei 163 RMB. Die Mindestrente ist regional differenziert. 2024 lag die durchschnittliche Rentenzahlung bei ungefähr 180 RMB im Monat.
Damit hat ein Landbewohner nach Eintritt des offiziellen Rentenalters - bei Männern bislang mit 60, jetzt steigt es in kleinen Schritten auf 63 - insgesamt weniger als 3.000 RMB oder umgerechnet ca. 250 Euro im ganzen Jahr. Das reicht nicht zum Leben.
Zwei Rentensysteme
Ältere Landbewohner bekommen im Durchschnitt weniger als ein Zehntel der Rente eines früheren Angestellten des Privatsektors in den Städten. Diese lag 2023 nach Daten aus der Stadt Yingtan in der chinesischen Provinz Jiangxi in Südwest-China monatlich bei knapp 2.400 RMB, für Staatsangestellte sogar bei über 5.000 RMB. Dorfbewohner in der Umgebung bekamen gerade 207 RMB monatlich.
Die Ausgabenseite: Nach einer im Herbst 2024 veröffentlichten offiziellen Erhebung beliefen sich die jährlichen Ausgaben eines älteren Landbewohners auf über 6.700 RMB. Die Basis-Rente plus garantierte Pachteinnahmen decken also kaum 40 Prozent der regelmäßigen Ausgaben eines älteren Dorfbewohners in China. Die Bauern können auch im Rentenalter nicht aufhören zu arbeiten. Außerdem zahlen die Kinder in den Städten: Sie unterstützen monatlich ihre armen Eltern in den Dörfern.
China hat zwei staatliche Rentensysteme: Die Beschäftigten im Privatsektor, die Staatsangestellten und die Beschäftigten der Staatsunternehmen zahlen in eine gesetzliche Rentenversicherung, gestaffelt nach Einkommen etc. Ihre Rente richtet sich nach Beitragsjahren und der Höhe ihrer Einzahlungen. Erst seit 2009 gibt es auch eine aus dem Staatshaushalt finanzierte Basisrente für die Bauern und für die noch auf dem Land registrierten, aber in den Städten lebenden Arbeitsmigranten. Durch individuelle Zuzahlungen kann die Basisrente aufgebessert werden.
Auf dem Land leben in China derzeit 180 Mio. Menschen im Rentenalter und mit Anspruch auf staatliche Basisrente. Hinzu kommen hunderte Millionen Arbeitsmigranten in den Städten, die offiziell noch als Landbewohner registriert sind und in den Dörfern oft Häuser und ein Stück Land zum Bewirtschaften haben. Auch sie haben mit Erreichen des offiziellen Rentenalters Anspruch auf die staatliche Basisrente. Aber weil sie so niedrig ist, bleiben sie in den Städten und arbeiten weiter.
Die mickrige Anhebung der staatlichen Basisrente hilft nicht bei der Überwindung der Konsumschwäche der chinesischen Gesellschaft. Es ist vor allem keine Anerkennung der gesellschaftlichen Leistung, die Chinas Bauern für die Gesellschaft erbracht haben. Denn mit ihrer Arbeit und mit dem von ihnen geschaffenen Mehrprodukt haben sie die Basis für die rapide Industrialisierung und Urbanisierung des Landes gelegt. Die chinesische Revolution war eine Bauernrevolution.
Entgegen der marxistischen Orthodoxie hat die KPCh in dem riesigen Agrarland mit nur wenigen Industriezentren erfolgreich die Bauern für eine neue Gesellschaft mobilisiert. Chinas Industrialisierung konnte nur aus dem agrarischen Mehrprodukt finanziert werden. In den letzten Jahrzehnten gab es vor allem unter den städtischen Eliten Diskussionen über die soziale Lage der Bauern. Die Reformen in den 80er Jahren fanden auch deswegen so große Unterstützung, weil sie die Einkommen der Bauernfamilien deutlich erhöht haben.
Aber obwohl das chinesische Parlament in diesem Jahr keine wesentliche Steigerung der Basisrenten beschlossen hat, steht das Thema in der chinesischen Öffentlichkeit inzwischen ganz oben auf der Agenda.
Wachsende Ungleichheit und reiche Erben
Vor 40 Jahren war China ein weitgehend egalitäres Land. Private oder gar ererbte Vermögen gab es kaum. Die Wohnungen in den Städten gehörten staatlichen Einheiten. Privilegierte Positionen etwa im Beamtenapparat materialisierten sich in bevorzugtem Zugang zu Wohnungen oder auch Urlaubseinrichtungen.
Die unter Deng Xiaoping ab etwa 1980 losgetretenen marktwirtschaftlichen Reformen setzten ein kapitalistisches Akkumulationsregime in Gang. Das hat binnen weniger Jahrzehnte China nicht nur zur weltgrößten Volkswirtschaft (nach Kaufkraftparität berechnet) gemacht, sondern auch eine extreme soziale Differenzierung produziert: eine Klassengesellschaft mit enormen Unterschieden zwischen Arm und Reich.
Nach der neoliberalen Theorie, die in den 90er Jahren auch in China populär war, sollten zuerst einige wohlhabend werden. Später werde die Mehrheit der Gesellschaft schon folgen.
Eines der Ergebnisse dieses großen sozialen Experiments: Allein im letzten Jahr hat Chinas Volkswirtschaft 70 neue Milliardäre produziert. Nach Daten der Bank UBS gibt es jetzt insgesamt 470 Milliardäre mit einem Gesamtvermögen von ca. 1,8 Billionen Dollar. Zum Vergleich: In den USA gibt es nach der gleichen Quelle 920 Milliardäre.
Chinas Besonderheit: Bislang gab es dort keine ererbten Vermögen. Praktisch alle chinesischen Milliardäre sind selbst 'aufgestiegen’. Es sind auch viele Frauen unter ihnen. Doch auch die reichsten Chinesen - die Alterskohorte, die seit den 80er Jahren mit der Zulassung privater Unternehmen ihre Reichtümer angehäuft hat - werden älter. Fast die Hälfte der Chinesen mit einem Vermögen von mindestens fünf Mrd. RMB, umgerechnet 720 Mio. Dollar, ist heute 60 oder älter. 2016 waren es erst 23 Prozent. In den nächsten 10 Jahren werden vermögende Chinesen mehr als zwei Billionen Dollar vererben.
Die Konzentration der Vermögen in China hat dramatisch zugenommen. Nach Schätzungen der World Inequality Database von Thomas Piketty entfiel 2024 auf das oberste Prozent aller Haushalte 30 Prozent und auf die obersten zehn Prozent der Haushalte 68 Prozent des Gesamtvermögens. 1995 lagen die entsprechenden Anteile noch bei 16 bzw. 41 Prozent (Economist, 14.3.26). Eine der Folgen: Erbschaftsstreitigkeiten nehmen sprunghaft zu. In den zehn Jahren von 2005 bis 2016 wurden weniger als 90.000 Fälle gezählt. Von 2016 bis 2025 hat sich die Fallzahl fast verfünffacht.
Der jetzt stattfindende Vermögenstransfer ist bislang steuerfrei. 1950 wurde bei der Schaffung eines neuen Steuersystems auch eine Erbschaftssteuer diskutiert. Die Idee wurde damals verworfen, die KP wollte die wirtschaftliche Erholung nach dem langen Bürgerkrieg nicht gefährden. 1993 und 2013 stand die Einführung einer Erbschaftssteuer erneut auf der Tagesordnung. 2025 betonte der Volkskongress zwar die Wichtigkeit einer Erbschaftssteuer, verschob aber die Einführung, auch aus Sorge vor Kapitalflucht. Denn trotz strenger Kapitalverkehrskontrollen finden reiche Chinesen immer wieder Wege, ihr Geld aus dem Land zu schaffen.
In der öffentlichen Wahrnehmung werden die sozialen Unterschiede als zunehmend zementiert wahrgenommen. Echte Aufstiegschancen gibt es nicht mehr. Chinas große soziale Erzählung der letzten Jahrzehnte, die Erzählung vom Aufstieg aus bitterer Armut durch harte Arbeit, zieht offenbar nicht mehr unter denen, die in den 90er Jahren und später geboren sind. Zu diesem Fazit kommt eine chinesische Studie, die in englischer Übersetzung vorliegt.
Wie geht die KPCh mit den extremen sozialen Widersprüchen um?
Im chinesischen Internet zirkulierte schon 2014 ein viel gelesener anonymer Post über die sozialen Klassen und Schichten in China.[4] Die soziale Zuordnung basiert nicht nur auf Kriterien wie Einkommen und Vermögen, sondern auch auf politischen Beziehungen.
Zur Oberschicht an der Spitze der Gesellschaft gehören neben der herrschenden Elite von vielleicht 6.000 Menschen (Politbüro, wichtige Minister, Provinzchefs, Milliardäre, Unternehmenschefs) etwa 10 Mio. Privilegierte und schließlich über 100 Mio. Wohlhabende: Parteikader auf lokaler Ebene, erfolgreiche Unternehmer, Hochschullehrer, Ärzte, Anwälte, Ingenieure …
Darunter steht der Analyse in dem Post zufolge eine riesige Mittelschicht von 200 bis 300 Mio. Menschen. Es sind normale Staatsbedienstete, Angestellte in der Staats- und Privatwirtschaft, die Masse der Ärzte und Anwälte und Ingenieure, zudem kleine Unternehmer. Zur zahlenmäßig größten sozialen Gruppe mit etwa 500 Mio. Menschen gehören Fabrikarbeiter, kleine Ladenbesitzer, Stadtbewohner mit einfachen Jobs sowie reiche Bauern. Sie können sich das Leben in Chinas mittelgroßen Städten und auch in den Metropolen leisten.
Zur Unterklasse mit ca. 400 Mio. Menschen zählen einfache Bauern sowie Arbeitsmigranten in den Sweatshops und in der Plattform-Ökonomie. Ganz am Ende der sozialen Skala stehen ca. 100 Mio. Menschen, arbeitslose Stadtbewohner und arme Bauern in entlegenen Regionen.
Welche Veränderungsprozesse haben die Sozialstruktur der Gesellschaft seitdem beeinflusst? Erstens hat das enorme Tempo der Urbanisierung des Landes, die Migration von den Dörfern in die städtischen und industriellen Zentren des Landes, deutlich abgenommen. Noch 1980 lebten 80 Prozent der Chinesen auf dem Land, heute leben mehr als zwei Drittel in den Städten.
Zweitens hat die Konzentration von hohen Einkommen und Vermögen weiter zugenommen. Mindestens bis 2020, als die Immobilienkrise begann, hat sich der materielle Aufstieg von vielen Millionen chinesischen städtischen Haushalten weiter fortgesetzt. Und damit haben sich die Lebensumstände für die meisten Chinesen weiter verbessert. Die Verbreitung von privaten Pkws ist ein Indiz dafür ebenso wie der dramatische Anstieg der relativen Lohnkosten im Vergleich zu anderen Ländern.
Schließlich hat der Siegeszug der Plattform-Ökonomie in China die Zusammensetzung der arbeitenden Klassen und ihre soziale Absicherung dramatisch verändert. Nach Daten der offiziellen chinesischen Statistik ist ein Viertel aller Arbeitnehmer heute in der Plattform-Ökonomie beschäftigt. Diese neuen Formen der Prekarität sind gesellschaftlicher Sprengstoff. Darauf hatte der chinesische Ministerpräsident schon 2020 in seinem Arbeitsbericht hingewiesen.
Offensichtlich werden die zunehmenden sozialen Widersprüche auch von der KP und den Regierungsebenen diskutiert. Aber offensichtlich ist auch, dass es (noch?) keine Mehrheiten gibt, an den Verhältnissen etwas zu ändern.
Wolfgang Müller, Sozialwissenschaftler und Informatiker, hat Ende der 1970er Jahre mehrere Jahre in China gelebt. Seitdem befasst er sich mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes. Die letzten 15 Jahre seines Berufslebens arbeitete er für die IG Metall. Die Langfassung seiner Analyse erschien in der Zeitschrift Sozialismus 5/26.