Chinas erster zugelassener Gehirn-Chip fordert Neuralink heraus
(Bild: pheng INTHACHACK / Shutterstock.com)
China lässt weltweit erstmals einen Gehirn-Chip für den kommerziellen Einsatz zu. Das Gerät soll Gelähmten helfen. Peking will Neuralink Konkurrenz machen.
Ein chinesisches Medizintechnik-Unternehmen darf ab sofort einen Chip vermarkten, der Gedanken in Bewegungen übersetzt.
Wie die South China Morning Post (SCMP) kürzlich berichtete, erhielt Neuracle Medical Technology (NMT) von der chinesischen Nationalen Medizinproduktbehörde (NMPA) grünes Licht für den kommerziellen Vertrieb seines Gehirn-Computer-Schnittstellen-Systems.
Es ist das erste Mal weltweit, dass eine Behörde ein solches Implantat nicht nur für Studien, sondern als reguläres Medizinprodukt freigibt. Ärzte können es nun gezielt Patienten mit Rückenmarksverletzungen verschreiben.
Wie der Chip Gedanken in Handbewegungen übersetzt
Das Implantat hat etwa den Durchmesser einer Münze, arbeitet kabellos und sitzt auf der Hirnrinde – also der äußeren Schicht des Gehirns. Anders als bei Konkurrenzprodukten dringt es nicht ins Gewebe ein.
Sensoren auf der Oberfläche fangen elektrische Impulse ab, die entstehen, wenn ein Patient an eine bestimmte Bewegung denkt. Eine Software dekodiert diese Signale und leitet daraus konkrete Steuerbefehle ab – etwa für eine robotergestützte Hand oder eine Prothese.
Bislang kamen solche Gehirn-Computer-Schnittstellen – international als "Brain-Computer-Interfaces" (BCI) bekannt – ausschließlich in Forschungslaboren und klinischen Studien zum Einsatz.
Mit der Freigabe als verschreibungsfähiges Produkt ändert sich der Status der Technologie grundlegend: Sie rückt in eine Kategorie mit etablierten Implantaten wie Herzschrittmachern.
Pekings strategischer Griff nach der Neurotechnologie
Die Zulassung fällt nicht zufällig in eine Zeit, in der Peking massiv in Zukunftstechnologien investiert. Die Regierung formulierte bereits 2023 das Ziel, bis 2030 mindestens zwei bis drei international wettbewerbsfähige Firmen im BCI-Bereich aufzubauen – als direkte Antwort auf Elon Musks US-Unternehmen Neuralink.
Dafür verkürzt der Staat Genehmigungsverfahren, finanziert klinische Tests mit und öffnet privaten Geldgebern den Zugang zur Branche.
Wie stark das Kapital bereits fließt, zeigt das Beispiel StairMed Technology aus Shanghai. Das Start-up schloss kürzlich eine Finanzierungsrunde über umgerechnet 72,6 Millionen US-Dollar ab, angeführt von Alibaba. Auch Tencent stieg ein. Innerhalb eines Jahres überstieg die Gesamtfinanzierung des jungen Unternehmens damit die Schwelle von einer Milliarde Yuan.
Rivale StairMed setzt auf noch kleinere Elektroden
Während NMT seinen Chip auf der Hirnoberfläche platziert, wählt StairMed einen invasiveren Weg – ähnlich wie Neuralink. Hauchdünne, flexible Elektroden dringen direkt ins Hirngewebe ein.
Nach Firmenangaben messen sie nur ein Fünftel der Neuralink-Elektroden und sind um ein Vielfaches weicher, was Gewebeschäden minimieren soll. Für die Implantation genügt eine Schädelöffnung von lediglich drei bis fünf Millimetern.
Ab Mitte 2026 will StairMed eine umfangreiche klinische Studie mit rund 40 Teilnehmern starten. Das Unternehmen rechnet damit, bis Jahresende 2026 seinen Chip mehr Patienten implantiert zu haben, als Neuralink bislang in seinen Studien verzeichnet hat.
Potenzial weit über die Motorik hinaus
Langfristig sehen Fachleute in der Technologie weit mehr als eine Hilfe für gelähmte Gliedmaßen. Künftige Anwendungen könnten die Wiederherstellung von Sprache und Sehvermögen umfassen oder bei neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie und Parkinson zum Einsatz kommen.
Auch an Konzepten zur Gedächtnisunterstützung und direkter Kommunikation zwischen zwei Gehirnen wird geforscht – diese Szenarien bleiben allerdings vorerst Gegenstand der Grundlagenforschung.