Telematik im Auto: Wenn jede Fahrt Folgen für die Autoversicherung hat
(Bild: TY Lim / Shutterstock.com)
Moderne Fahrzeuge sammeln Standorte, Bremsverhalten und sogar Mimik. Die Daten landen bei Brokern und treiben Versicherungsprämien nach oben.
Ein US-Autofahrer staunte nicht schlecht: 130 Seiten mit detaillierten Aufzeichnungen jeder einzelnen Fahrt, die er und seine Frau über sechs Monate unternommen hatten. Der Datenbroker LexisNexis hatte sie gespeichert – geliefert von General Motors, direkt aus dem vernetzten Fahrzeug.
Seine Kfz-Versicherung war zuvor um 21 Prozent teurer geworden. Wie er gegenüber der BBC berichtete, teilte ihm sein Versicherungsagent mit, die Fahrzeugdaten seien ein Faktor gewesen.
Der Fall ist kein Einzelfall, sondern Symptom eines Systems, wie der BBC-Bericht nahelegt. Laut der Unternehmensberatung McKinsey waren bereits 2021 rund 50 Prozent aller Autos auf der Straße mit dem Internet verbunden.
Bis 2030 sollen es 95 Prozent sein. Die meisten dieser Fahrzeuge funken Daten über eingebaute Mobilfunkmodule an die Server der Hersteller – während der Fahrer nichts davon mitbekommt.
Was genau übertragen wird, hat die Mozilla Foundation 2023 in einer umfassenden Analyse untersucht. Die Datenschutzrichtlinien von 25 großen Automarken wurden geprüft – keine einzige erfüllte Mozillas Mindeststandards.
Das Fazit damals: Autos seien "die schlechteste Produktkategorie, die wir je im Hinblick auf den Datenschutz geprüft haben".
Vom Bremsverhalten bis zur Mimik
Die Liste der potenziell erhobenen Daten liest sich wie ein Überwachungskatalog: Name, Alter, Gewicht, ethnische Zugehörigkeit, Finanzinformationen, Gesichtsausdrücke, psychologische Tendenzen – und bei Kia laut Datenschutzerklärung sogar Angaben zum "Sexualleben".
Ein Kia-Sprecher erklärte dazu, man habe tatsächlich nie solche Daten erhoben; die Formulierung gehe auf die kalifornische Definition sensibler Daten zurück. Welche "sensiblen Daten" der Hersteller tatsächlich sammelt, ließ das Unternehmen allerdings offen.
Nach Art. 9 der DSGVO gelten Gesundheitsdaten, biometrische Merkmale, Angaben zur ethnischen Herkunft und zum Sexualleben als besonders schützenswert. Viele der von Mozilla dokumentierten Kategorien fallen direkt darunter.
Darrell West vom Brookings Institution fasste es gegenüber der BBC so zusammen: "Das bedeutet im Grunde, dass Ihr Leben fast Sekunde für Sekunde nachgestellt werden kann".
Datenbroker als Scharnier zur Versicherung
84 Prozent der von Mozilla untersuchten Marken geben laut ihren Richtlinien Daten an Dritte weiter, 76 Prozent behalten sich den Verkauf vor.
Der Datenbroker LexisNexis betreibt mit seiner "Telematics Exchange" eine Plattform, die Fahrdaten aus verschiedenen Quellen sammelt, normalisiert und Versicherern für verhaltensbasierte Tarife bereitstellt.
Die Plattform wird ausdrücklich auch für europäische Märkte beworben, eine Kooperation mit Kia Europe ist öffentlich dokumentiert.
Die US-Handelsaufsicht FTC schritt im Fall GM ein und untersagte GM und OnStar mit einer am 14. Januar 2026 finalisierten Entscheidung für fünf Jahre, Fahrdaten an Auskunfteien weiterzugeben. Doch LexisNexis und andere Broker beziehen weiterhin Daten von anderen Herstellern und Apps.
Neue Pflicht-Kameras ohne Datenschutzregeln
Ein US-Bundesgesetz soll Autohersteller bald dazu verpflichten, biometrische Systeme zur Erkennung von Trunkenheit am Steuer einzubauen – Infrarotkameras, Atemsensoren, Blickerfassung.
Wie die NHTSA in ihrem Bericht an den Kongress festhält, sind 2023 rund 12.400 Menschen in den USA bei Unfällen mit alkoholisierten Fahrern gestorben.
Das Problem: Das Gesetz enthält keinerlei Vorgaben, was Hersteller mit den dabei anfallenden Daten tun dürfen.
In der EU bietet die DSGVO zwar deutlich stärkeren Schutz als das Flickwerk US-amerikanischer Einzelstaatengesetze. Die deutschen Datenschutzbehörden forderten bereits 2014 Privacy-by-Design für vernetzte Fahrzeuge, und der Bundesdatenschutzbeauftragte verlangte schon im Jahr 2014 "vollständige Kontrolle der Betroffenen" über Fahrzeugdaten.
Doch konkrete Sanktionen gegen Autohersteller wegen der von Mozilla beschriebenen Praktiken? Bisher Fehlanzeige. Datenschutzanalystin Jen Caltrider, die Mozillas Studie leitete, erklärt dazu gegenüber der BBC:
"Und man muss darauf vertrauen, dass die Vorschriften befolgt und durchgesetzt werden, und das ist etwas, was nicht immer der Fall ist, insbesondere bei Autos."
Wer sich schützen will, sollte Telematik-Versicherungsprogramme kritisch prüfen – eine Auswertung in Maryland zeigte, dass nur 31 Prozent der Teilnehmer tatsächlich weniger zahlten, während 24 Prozent drauflegten.
Datenschutz-Einstellungen im Infotainment-System verdienen einen Blick, ebenso wie das Recht auf Datenauskunft und Löschung nach DSGVO. Denn solange die Daten erst einmal das Armaturenbrett verlassen haben, hat niemand mehr Kontrolle darüber, wo sie landen.