zurück zum Artikel

Inferno RTC: Turm mit 54 Läufen schießt auf Drohnen in alle Richtungen

Ein kugelförmiges Objekt mit Löchern steht auf einem Tisch in einem Labor mit elektronischen Geräten und einer US-Flagge.

Das kugelförmige Testobjekt, das für die Drohnenabwehr entwickelt wurde, steht in einem Labor.

(Bild: Picket Defence Systems)

Kein Radar, kein Schwenken: Der Inferno-Turm erkennt Drohnen per Mikrofon – und das hat im Gefecht einen entscheidenden Haken.

Wenn Drohnenschwärme die äußeren Verteidigungsringe durchbrechen, bleiben Sekunden. Genau für diesen Moment hat das US-Startup Picket Defense Systems sein System Inferno RTC entwickelt.

Statt eines einzelnen Laufs, der sich mühsam auf das Ziel schwenkt, setzt der kompakte Turm auf eine kugelförmige Struktur mit Dutzenden fest installierter Rohre in unterschiedlichen Winkeln.

Die Idee: Das System wählt automatisch den Lauf mit der besten Schusslösung – und eliminiert so die Schwenkzeit klassischer Waffenstationen vollständig, heißt es im Magazin [1] Interesting Engineering.

Picket bietet zwei Konfigurationen an. Die leichtere Variante wiegt rund 20 Kilogramm und verfügt über 36 Läufe für 5,56-mm-Munition sowie Schrot in den Kalibern .410 und 20 Gauge.

Die schwere Version bringt etwa 40 Kilogramm auf die Waage und trägt 54 Läufe, die 12-Gauge-Schrot und 40-mm-Low-Velocity-Granaten verschießen.

Beide Systeme sollen Ziele auf bis zu 120 Meter detektieren und bekämpfen können, wobei die eigentliche Wirkzone laut Berichten bei etwa 40 Metern liegt.

Akustik statt Radar

Besonders auffällig ist die Zielerfassung: Inferno RTC verzichtet bewusst auf Radar und damit auf verräterische Funksignale.

Stattdessen kombiniert die Plattform ein 3D-Mikrofonfeld mit mehreren optischen Kameras. Die Bordcomputer-KI verarbeitet die Sensordaten in Echtzeit, priorisiert Bedrohungen und soll ohne externe Netzwerkanbindung funktionieren, wie Picket auf seiner Website angibt [2].

Offene Fragen zur Praxistauglichkeit

Die passive Sensorik adressiert ein reales Problem: Viele aktuelle Drohnen navigieren autonom oder über Glasfaserverbindungen und lassen sich durch elektronische Kampfführung kaum noch stören.

Allerdings wirft der Ansatz Fragen auf. Akustische Erkennung funktioniert in ruhiger Umgebung verlässlich, doch auf einem Gefechtsfeld mit Artilleriefeuer und Motorenlärm schrumpft die Zuverlässigkeit.

Ob die optischen Kameras Infrarot- oder Wärmebildfähigkeit besitzen und bei Rauch, Nebel oder Nacht noch brauchbare Daten liefern, verrät Picket bislang nicht.

Auch zur Feuerrate und Durchhaltefähigkeit schweigt der Hersteller. Bei einem Kurzzeit-Sperrfeuer gegen einen Schwarm dürften die Munitionsvorräte der 36 oder 54 Läufe schnell erschöpft sein. Gleiches gilt für die Frage nach Kollateralschäden: 5,56-mm-Geschosse reichen deutlich weiter als Schrot und stellen in urbanen Szenarien ein erhebliches Risiko dar.

Picket bewirbt zwar modulare Alternativen wie Netze, Rauchkörper oder Laserblender, doch harte Testdaten fehlen.

Wettlauf der Drohnenabwehr

Inferno RTC reiht sich in einen globalen Wettlauf um bezahlbare Nahbereichsabwehr ein. Dabei setzen andere Akteure auf völlig unterschiedliche Ansätze: Die ukrainische Laserwaffe Tryzub [3] soll FPV-Drohnen auf bis zu 900 Meter und größere Aufklärungs-UAVs auf 1500 Meter Entfernung zerstören – allerdings stehen bestätigte Kampfabschüsse noch aus.

Forscher am Karlsruher Institut für Technologie [4] verfolgen einen bewusst simplen Weg und schleudern Ketten in Richtung Drohne, die sich in deren Rotoren verheddern. Und Rheinmetall und die Deutsche Telekom [5] arbeiten an einem Drohnen-Abwehrschirm für kritische Infrastruktur, der auf Sensorfusion, Jamming und Abfangdrohnen setzt – ganz ohne Geschütze.

Wesentliche Strukturteile des Inferno-Turms bestehen laut Hersteller aus 3D-gedrucktem Harz statt Stahl, was Gewicht und Produktionskosten senken soll. Das System wurde auf der Fachmesse SOF Week 2026 in Tampa vor Spezialkräften und Beschaffern präsentiert.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11303193

Links in diesem Artikel:

  1. https://interestingengineering.com/military/inferno-rtc-counter-drone-360-degree-turret
  2. https://www.picketdefense.com/
  3. https://www.heise.de/tp/article/Ukraine-Laserwaffe-Tryzub-soll-Drohnen-fuer-Cent-Betraege-abschiessen-11288580.html
  4. https://www.heise.de/news/KIT-Forscher-holen-Drohnen-mit-Ketten-vom-Himmel-11284663.html
  5. https://www.heise.de/news/Rheinmetall-und-Telekom-entwickeln-Anti-Drohnen-Abwehrschirm-11290017.html