Mekka-Pakt: Saudi-Arabien, Pakistan und Türkei bündeln ihre Kräfte

Militärs auf einer Straße

Militärkonvoi in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad

(Bild: H1N1/Shutterstock.com)

Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei besiegeln in Mekka einen Beistandspakt nach Nato-Vorbild. Doch gegen wen – und wie ernst meinen sie es? Eine Analyse.

Ein Bündnis-Basar – oder gar eine muslimische Nato? Mit derartigen Worten wurde die Ende vergangener Woche bekannt gegebene neue Bündniskonstellation zwischen Saudi-Arabien, Pakistan und der Türkei in sozialen Medien beschrieben.

Auch wenn die Vergleichsformel weit hergeholt scheint, trifft sie einen Kern: Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei als Angriff auf alle gelten – vergleichbar mit der Beistandsklausel der Nato. Das als "Gemeinsames Verteidigungsabkommen von Mekka" bezeichnete Bündnis ist an sich eine türkische Erweiterung der enger gewordenen sicherheits- und verteidigungspolitischen Zusammenarbeit zwischen Riad und Islamabad aus dem vergangenen Oktober.

Insbesondere die Worte des türkischen Außenministers, Hakan Fidan, besitzen jedoch Weitblick: Er stellte zum einen ausdrücklich heraus, dass sich das Bündnis nicht gegen Iran richte und betonte zum anderen, dass eine Erweiterung, möglicherweise gen Kairo, im Sinne Erdogans sei.

Somit wird der Zusammenschluss in Israel durchaus skeptisch betrachtet. Das israelische Portal Ynet berichtet über Einschätzungen, wonach eine Erweiterung um Ägypten besonders relevant wäre.

Ist die eigentliche Nachricht aus Mekka also nicht vielmehr, dass Tel Aviv um sein regionales Gewaltmonopol fürchten muss – und Washington seine Rolle als unverzichtbarer Polizist, unter dem Eindruck weiterer Huthi-Angriffe und iranischer Gegenwehr, zunehmend mit den Mächten der Region teilen muss?

Symbolik ohne Tiefgang

Hochinteressant ist, dass das Bündnis weder in einer der drei Hauptstädte geschlossen wurde noch in einer anderen weltpolitisch relevanten Stadt – sondern in Mekka, einem genuin religiösen Ort – mehr Symbolik geht kaum. Will man damit möglicherweise bereits bestehenden Differenzen einen religiösen Mantel verpassen?

Zumindest ist bislang, fernab der nebulös gehaltenen, möglicherweise an die Nato angelehnten Beistandsklausel, öffentlich wenig Konkretes bekannt.

Wie belastbar die gegenseitige Verteidigungsverpflichtung in der Praxis ist, bleibt offen. Operative Mechanismen sollen dem Analyseportal Breaking Defense zufolge erst bei der ersten Sitzung des Ministerkomitees geklärt werden. Der Pakt erscheint damit bislang eher als symbolisch aufgeladenes politisches Signal denn als ausformulierte militärische Allianz.

Zwar gibt es mit Ministerkomitee und einem geplanten Sekretariat in Saudi-Arabien einen institutionellen Unterbau – mit etablierten Verteidigungsbündnissen ist diese Struktur aber bei Weitem nicht vergleichbar.

Die politische Symbolik ist enorm, die militärische Architektur noch im Aufbau. Entscheidend ist, ob diesem Versprechen bei zunehmendem geopolitischem Wellengang auch militärischer Tiefgang folgt.

Post-American-Middle-East?

Zwar sehen diverse Kommentatoren das Bündnis deutlich gegen Iran gerichtet: Die taz hat eine sunnitische Atombombe im Blick; die Frankfurter Rundschau wertet das Bündnis als direkte Konsequenz des Iran-Krieges, doch müssen derlei Vermutungen erst einmal mangels Beweisen ins Reich der Spekulationen verwiesen werden.

Pakistans Atombombe ist nicht plötzlich zur Gemeinschaftswaffe des Mekka-Bündnisses geworden. Zwar lässt die Formel aus der Oktober-Vereinbarung einer Verteidigung "mit allen militärischen Mitteln" Raum für Spekulationen über einen nuklearen Schutzschirm, doch konkrete Hinweise auf Stationierung, Weitergabe oder gemeinsame Kontrolle pakistanischer Atomwaffen mit Riad oder Ankara gibt es bislang nicht. Diverse Thinktanks ordnen die atomare Ebene der Konstellation dementsprechend nüchtern-abwartend bis negativ ein.

Al Jazeera deutet den Mekka-Pakt daher in eine andere Richtung: als mögliches Signal für einen "post-amerikanischen Nahen Osten". Saudi-Arabien, Türkei und Pakistan könnten versuchen, eine regionale Sicherheitsarchitektur aufzubauen, die weniger unmittelbar von Washington abhängt.

Dies glaubt auch Nawaf Obaid, Senior Fellow am Department of War Studies des King’s College London: Mekka sei "der institutionelle Beginn einer neuen regionalen Sicherheitsordnung". Auch das IISS sieht eine breitere Verschiebung hin zu einer multipolaren Ordnung.

"Post-amerikanisch" bedeutet allerdings nicht gleich US-Abstinenz. Vielmehr deutet der Pakt darauf hin, dass die US-Rolle als alleiniger Sicherheitsgarant an Grenzen stößt.

Alle drei Partner besitzen eigene Gründe für eine vorsichtige Abkehr von Washington: Pakistan mit Blick auf US-Indien-Avancen, die Türkei nach den Nato-Reibungen, insbesondere rund um die Kaufabsicht des russischen S-400 und Saudi-Arabien angesichts der Erfahrungen der vergangenen Monate und den Schlägen der iranisch-jemenitischen Achse.

Zwischen den Stühlen

Im Zentrum des neuen Bündnisses könnte der Neuling stehen: Ankara nimmt die widersprüchlichste Rolle ein. Nato-Mitglied und zugleich zunehmend eigenständige Regionalmacht baut die Türkei ihre Beziehungen zu Pakistan und Saudi-Arabien systematisch aus. Zugleich beteuert Ankara, der neue Pakt ersetze keine bestehenden Bündnisse.

Damit setzt Ankara seine Strategie der "strategischen Autonomie" fort. Sie deutete sich spätestens mit den türkischen Avancen in Syrien, dem Krieg um Bergkarabach und den rhetorischen Bekenntnissen zu Palästina an. Der Thinktank ECFR beschreibt Erdoğan als einen Akteur, der bewusst zwischen westlichen Bündnissen und eigenständigen regionalen Partnerschaften manövriert. Offensichtlich ist Ankara sowohl mit dem US-amerikanischen Spielplan in und um Syrien unzufrieden als auch mit der europäischen und russischen Konfrontation.

Die entscheidende, aber offene Frage lautet daher: Will Erdoğan mit dem Mekka-Bündnis die Türkei aus dem westlichen Sicherheitsgefüge herauslösen – oder schafft er sich gerade innerhalb und außerhalb der Nato zusätzliche Machtoptionen?

Als sicher kann gelten, dass Ankara strategisch vorbaut. Die zentrale Lehre aus dem Iran-Krieg könnte für Ankara nicht ein atomar-aggressiver Iran sein, sondern das Verhalten der israelisch-amerikanischen Achse in eben jenem. In Israel wächst zugleich die Debatte über die Türkei als möglichen strategischen Gegner. Ein Bericht des Nagel-Komitees warnte bereits 2025 vor einem Szenario, in dem ein von Ankara abhängiges Syrien die Gefahr einer israelisch-türkischen Konfrontation verschärfen könnte, die Türkei wird darin explizit als strategische Gefahr interpretiert.

Regionalisierung der Sicherheitsordnung

China ist kein Teil des Mekka-Bündnisses, doch Peking hat seine Beziehungen zu Saudi-Arabien und Pakistan massiv ausgebaut und 2023 die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Iran vermittelt.

Sollte aus dem Mekka-Pakt eine stärker eigenständige regionale Sicherheitsordnung entstehen, könnte ausgerechnet China profitieren: nicht als militärische Schutzmacht, sondern als wirtschaftliche und diplomatische Macht im Hintergrund. Reuters berichtete, dass die Golfstaaten angesichts des Iran-Krieges zunehmend Pekings Einfluss auf Teheran testen – gerade weil die Grenzen amerikanischer Macht sichtbarer werden.

Der eigentliche Verlierer des Mekka-Bündnisses könnte deshalb weniger Iran als die USA sein. Iran erhält zweifelsohne einen neuen geopolitischen Block vor seiner Haustür. Washington könnte dagegen etwas Grundsätzlicheres verlieren: seine Rolle als unverzichtbare Ordnungsmacht.

Damit könnte das Mekka-Bündnis paradoxerweise eine Entwicklung beschleunigen, die Washington unter Trump eigentlich verhindern wollte: eine Regionalisierung der Sicherheitsordnung.

Der Pakt von Mekka wäre dann nicht der Beginn einer "islamischen Nato", sondern ein weiteres Zeichen für das Ende des amerikanischen Sicherheitsmonopols in der Region – und darüber hinaus ein Symbolbild für den geopolitischen Aufbruch der südlichen Halbkugel.