Washington will Europas Diesel-Vorräte für den US-Wahlkampf
Die USA fordern von Europa die Freigabe von Dieselreserven
(Bild: T.Vyc/Shutterstock.com)
Donald Trump erhöht den Druck auf Deutschland und Frankreich: Sie sollen Diesellager anzapfen, um die Preise zu senken. Andernfalls droht ein Exportstopp.
Die US-Regierung hat Deutschland und Frankreich aufgefordert, ihre Notvorräte an Diesel zu verringern, um den Anstieg der weltweiten Kraftstoffpreise zu bremsen. Andernfalls drohe ein Exportverbot für US-Diesel. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf drei Personen, die mit den Gesprächen vertraut sind.
Die Warnung verschärft den Druck auf Europa. US-Präsident Donald Trump erwägt ein Verbot, um die Spritpreise im eigenen Land vor den Zwischenwahlen im November zu senken. Das Verhältnis zwischen Europa und Washington ist wegen Zollstreitigkeiten und Differenzen bei den Militärausgaben ohnehin belastet – jetzt könnte noch ein "Diesel-Streit" hinzukommen.
Am Donnerstag wurde Trump gefragt, ob er europäische Länder zur Freigabe eigener Dieselreserven auffordern werde. "Das könnten wir tun. Sie haben etwas Diesel", sagte er. Zuvor hatte Finanzminister Scott Bessent in einem Beitrag in sozialen Medien gefordert, europäische Staaten sollten "umgehend zusätzliche Mengen verfügbar machen". US-Landwirte, Lkw-Fahrer und Unternehmen dürften nicht die Last tragen.
Energieminister Chris Wright sagte dem Sender Fox News, er sei "sehr zuversichtlich", dass Europa die Preise durch die Freigabe von Dieselvorräten dämpfen könne. Es sei Zeit für eine koordinierte Freigabe, da die Erntesaison und die Heizölsaison im Winter bevorstünden.
Forderung nach 120 Millionen Barrel
Eine Quelle in einer europäischen Hauptstadt sagte Reuters, die USA hätten die EU gebeten, in den kommenden sechs Monaten 120 Millionen Barrel Diesel freizugeben.
Die US-Regierung sei laut diesen Angaben besonders verärgert über Frankreich und Deutschland. US-Vertreter gehen demnach davon aus, dass beide Länder früher gemachte Zusagen zur Freigabe von Öl- und Ölproduktreserven nicht vollständig umgesetzt haben. Ein US-Beamter sagte, es liege im besten Interesse Europas, mit den USA zusammenzuarbeiten, um das Angebot an raffinierten Produkten zu erhöhen und die Kosten für Verbraucher zu senken.
Bessent erklärte auf der Plattform X, die USA hätten ihren Teil einer im März unter den Mitgliedern der Internationalen Energieagentur (IEA) getroffenen Vereinbarung erfüllt und 172 Millionen Barrel Öl freigegeben. "Amerika leistet seinen Beitrag", schrieb er. Man erwarte nun von den Verbündeten, dass sie ihren Zusagen Taten folgen lassen.
Europa im Dilemma
Für die EU ist die Freigabe weiterer Bestände ein Dilemma. Sie muss die Preise im Inland senken, zugleich aber hohe Lagerbestände halten, falls sich die Krise verschärft – etwa wenn Trump und der Iran keine Friedensregelung erzielen. Europa ist zunehmend von US-Kraftstoff abhängig, seit es wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine russische Importe verboten hat und der US-israelische Krieg gegen den Iran die Lieferungen aus dem Nahen Osten stört.
Am Donnerstag berieten die EU-Kommission, Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Irland in einer Schaltkonferenz über eine mögliche Freigabe, so zwei EU-Beamte. Die Energie-Taskforce der EU aus Kommission und 27 Mitgliedstaaten berät am Freitagmorgen. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums hat die IEA Deutschland bislang nicht zur Freigabe von Beständen aufgefordert.
Das französische Energieministerium lehnte eine Stellungnahme ab. Ein Beamter des Élysée-Palasts sagte, Präsident Emmanuel Macron und Trump hätten das Thema bei ihrem Treffen am Rande der UN-Generalversammlung in New York in der Vorwoche nicht besprochen. Macron werde jedoch eine Videokonferenz der G7-Staats- und Regierungschefs einberufen, um steigende Kraftstoffpreise und die Verfügbarkeit raffinierter Produkte zu erörtern, auch die Abstimmung einer Reservefreigabe mit der IEA.
Auch Großbritannien bereitet sich vor. Energieminister Martin McCluskey nahm laut BBC an der Schalte teil. Eine mit den Gesprächen vertraute Quelle sagte der BBC, es sei sinnvoll, eine abgestimmte Reaktion vorzubereiten. Zugleich gebe es noch europäische Reserven aus einer koordinierten Freigabe strategischer Kraftstoffvorräte früher im Jahr. Ein Regierungssprecher betonte, Großbritannien verfüge über eine vielfältige und widerstandsfähige Versorgung. Die Regierung sehe keinen Anlass zur Sorge vor Engpässen, wobei weitere Preissteigerungen erwartet würden.
Was ein Exportstopp bewirken würde
Die USA liefern täglich zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Barrel Diesel in die Welt. Ein Exportverbot würde den US-Markt mit Diesel fluten und die Preise für amerikanische Autofahrer deutlich senken.
Experten warnen jedoch, dass der Preisdruck in anderen Ländern steigen würde, sofern diese keine zusätzlichen Mengen beschaffen können. David Fyfe, Chefökonom von Argus Media, sagte laut BBC, ein Ende der US-Lieferungen würde die internationalen Preise voraussichtlich stark in die Höhe treiben. Diesel ist schwerer zu raffinieren als Benzin, und weil ihn Speditionen und Landwirtschaft nutzen, lässt sich die Nachfrage kaum senken.
Trump argumentiert, überschüssige Mengen im Inland zu halten, würde die Zapfsäulenpreise senken und Autofahrern, Lkw-Fahrern und Unternehmen vor den Wahlen sofort Entlastung bringen. Er will in den kommenden Wochen durch die USA reisen, um für die Republikaner zu werben, die ihre Mehrheiten in Repräsentantenhaus und Senat verteidigen wollen.
Weitere Belastungen des Marktes
Die Preise für Benzin und Diesel sind seit Beginn des US-israelischen Kriegs gegen den Iran im Februar weltweit stark gestiegen. Die Sperrung der Straße von Hormus, durch die üblicherweise rund ein Fünftel des weltweiten Öls und Gases transportiert wird, trieb die Preise für Ölprodukte nach oben.
Hinzu kommt, dass Russland, ein wichtiger Dieselexporteur, sein Ausfuhrverbot bis Ende Oktober verlängert hat, nachdem die Ukraine viele russische Raffinerien beschädigt hat. Chinesische Raffinerien haben ihre Kraftstoffexporte für Oktober ausgesetzt, um die Inlandsvorräte zu stärken.