Wer kam nach den Römern? DNA entzaubert den Mythos der Völkerwanderung
Rekonstruierter Grenzturm des Römischen Reiches
(Bild: M. Volk/Shutterstock.com)
Genome aus Gräberfeldern in Süddeutschland zeigen: Nicht Völkerwanderung, sondern regionale Mobilität und schrittweise Vermischung formten die Bevölkerung.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Joachim Burger vom Institut für Organismische und Molekulare Evolutionsbiologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat die Genome von 258 Menschen aus dem ehemaligen römischen Grenzraum in Süddeutschland untersucht, die zwischen 400 und 700 n. Chr. gelebt haben.
Die Ergebnisse wurden Ende April 2026 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht und zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild der Epoche, als es die bisherige Forschung vermuten ließ.
Zwei Bevölkerungsgruppen im römischen Grenzraum
Die Studie, an der rund 60 Wissenschaftler aus den Bereichen Populationsgenetik, Bioinformatik, Anthropologie, Geschichtswissenschaften und Archäologie beteiligt waren, konzentrierte sich auf Skelette aus sogenannten Reihengräberfeldern – Friedhöfen, die ab Mitte des 5. Jahrhunderts von Nordgallien bis nach Ungarn verbreitet waren.
Im Mittelpunkt standen Fundorte in Bayern, etwa Altheim bei Landshut, sowie in Hessen, darunter Büttelborn bei Darmstadt. Die DNA-Proben wurden mit einem Vergleichsdatensatz von rund 2.900 antiken, frühmittelalterlichen und modernen Genomen abgeglichen, darunter Erbgut heutiger Bevölkerungen aus Nord- und Süddeutschland.
Dabei zeigte sich, dass bereits in der spätrömischen Phase – also noch vor dem Zusammenbruch der weströmischen Herrschaft im Jahr 476 n. Chr. – Menschen mit genetischen Wurzeln im nördlichen Europa auf diesen Friedhöfen bestattet wurden.
"Das ist ein überraschender Befund. Auf den ersten Blick scheint er das etablierte Bild einer groß angelegten germanischen Wanderung zu bestätigen, doch unsere weiterführenden Analysen ergeben ein völlig anderes Bild", erklärte Dr. Jens Blöcher, Populationsgenetiker an der JGU, einer der beiden Erstautoren der Studie.
Co-Autor Dr. Leonardo Vallini ergänzte: "Menschen aus dem Norden waren bereits lange vor dem Ende des Weströmischen Reiches in kleinen Gruppen nach Süden gezogen und hatten dort schrittweise den römischen Lebensstil übernommen." Diese Gruppen hätten weitgehend unter sich geheiratet und so die genetische Signatur ihrer Vorfahren bewahrt – möglicherweise, weil ihnen Land unter Auflagen zugewiesen worden war, die auch Heiratsbeschränkungen umfassten.
Parallel dazu existierte eine genetisch hochgradig heterogene römische Zivil- und Militärbevölkerung. Das Forschungsteam typisierte erstmals die Bevölkerung eines römischen Kastells in Süddeutschland genetisch und stellte fest, dass diese über Jahrhunderte Einflüsse aus ganz Europa und sogar aus Asien aufgenommen hatte.
Ab 470 n. Chr.: Rasche Vermischung nach dem Zusammenbruch
Mit dem Zerfall der weströmischen Staatsstrukturen ab dem späten 5. Jahrhundert veränderte sich das Bild grundlegend.
Joachim Burger, Seniorautor der Studie, beschrieb diesen Wendepunkt so: "Mit dem Zusammenbruch der weströmischen Staatsstrukturen nahm die Unsicherheit zu und damit auch die Mobilität der Bevölkerung. Die Menschen, die zuvor in Städten, Gutshöfen oder Militärsiedlungen gelebt hatten, zogen infolge des Verlusts ihrer vertrauten römischen Ordnung ins Umland, wo sie auf Gruppen mit nordeuropäischen Wurzeln trafen. Beide Gruppen bildeten rasch neue Gemeinschaften und bestatteten ihre Toten fortan gemeinsam auf Reihengräberfeldern."
Die Genomdaten belegen diesen Prozess konkret: Die genetische Vielfalt der Bevölkerung in Altheim stieg nach 470 n. Chr. stark an und erreichte um 550 n. Chr. ihren Höhepunkt, bevor sie im Laufe des 6. und frühen 7. Jahrhunderts wieder abnahm. Bis zum 7. Jahrhundert ähnelte die Bevölkerung genetisch bereits der heutigen mitteleuropäischen Bevölkerung, einschließlich der Süddeutschen.
Dabei trug der ursprünglich nördliche Bevölkerungsanteil überproportional zur genetischen Zusammensetzung bei, vermutlich weil er zahlenmäßig überwog und durch anhaltende Mobilität aus dem Norden gestärkt wurde.
Prof. Dr. Steffen Patzold, Mediävist an der Eberhard Karls Universität Tübingen und Mitinitiator der Studie, betonte die wissenschaftliche Tragweite dieser Befunde: "Unsere Ergebnisse bestätigen mit völlig neuen, naturwissenschaftlichen Daten, dass das traditionelle Bild einer germanischen Völkerwanderung mit großen, geschlossen wandernden Verbänden für unseren Untersuchungsraum schlichtweg falsch ist. Die genomischen Daten deuten vielmehr auf Bewegungen kleinerer Gruppen hin."
Lebenserwartung, Kindersterblichkeit und das Schicksal von Halbwaisen
Neben den Fragen zur Herkunft der Bevölkerung liefert die Studie auch ungewöhnlich präzise Einblicke in die Lebensverhältnisse der Menschen jener Zeit.
Möglich wurde dies durch eine neu entwickelte Methode namens Chronograph, ein bayesianisches Verfahren (eine statistische Methode, die vorhandenes Wissen mit neuen Daten kombiniert, um Wahrscheinlichkeiten zu schätzen), das archäologische Grabdatierungen, Radiokarbon-Messungen, genetische Verwandtschaftsbeziehungen und anthropologische Altersschätzungen gemeinsam auswertet.
Die Ergebnisse zeigen, dass Männer nach dem Ende des Weströmischen Reichs im Schnitt 43,3 Jahre alt wurden, Frauen hingegen nur 39,8 Jahre. Frühere Studien hatten die Lebenserwartung während der römischen Kaiserzeit auf 20 bis 25 Jahre bei der Geburt geschätzt.
Burger verwies gegenüber der Wissenschaftsplattform Live Science darauf, dass der mögliche Anstieg der Lebenserwartung unter anderem damit zusammenhängen könnte, dass es im Frühmittelalter weniger großflächige Kriege gab: "Im 3. und 5. Jahrhundert fanden staatlich organisierte Militärkampagnen und Bürgerkriege statt, die Tausende bis Zehntausende von Menschenleben forderten. Im frühen Mittelalter wurden solche großflächigen Konflikte seltener."
Die niedrigere Lebenserwartung von Frauen erklären die Forschenden mit den Risiken des Gebärens: Die Sterblichkeit stieg bei Frauen ab etwa dem zehnten Lebensjahr deutlich an. Die durchschnittliche Generationenfolge betrug 28 Jahre.
Knapp ein Viertel aller Kinder hatte bis zum Alter von zehn Jahren mindestens einen Elternteil verloren. Gleichzeitig wuchs die große Mehrheit – rund 82 Prozent – mit mindestens einem lebenden Großelternteil auf. Vollwaisen waren mit einem Anteil von etwa 2,5 Prozent bis zum Alter von zehn Jahren vergleichsweise selten.
Shane Bobrycki, Geschichtsprofessor an der University of Iowa, wies darauf hin, dass ein Anstieg der Lebenserwartung nach dem Ende des Römischen Reichs aus demographischer Sicht plausibel sei: "Die hier untersuchten Gesellschaften waren viel, viel kleiner. Sie waren möglicherweise vor einigen der Massenerkrankungen geschützt, die die Römer heimsuchten, und in ihren kleinen ländlichen Welten lebten sie vielleicht weniger prekär und litten weniger unter Nahrungsmittelknappheit als arme Römer."
Lebenslange Einehe und strenge Inzestvermeidung
Aus den rekonstruierten Stammbäumen – unter anderem aus den Friedhöfen Altheim und Böttelborn – lassen sich auch die Familienstrukturen jener Zeit ablesen.
Die Haushalte bestanden überwiegend aus Kernfamilien. Die Forscher identifizierten 68 wahrscheinliche Partnerschaften mit nur einem Partner, während lediglich fünf Personen aus beiden Gräberfeldern Kinder mit mehr als einem Partner hatten – und keiner dieser Fälle schließt eine serielle Einehe, also aufeinanderfolgende Ehen nach dem Tod des Partners, aus.
"Unsere Daten legen nahe, dass lebenslange Einehe mit begrenzter Scheidung oder Wiederheirat von Witwen im 6. Jahrhundert in Süddeutschland die vorherrschende Norm war", schrieben die Autoren in ihrer Studie. Auch Verwandtenheiraten und Leviratsehen – eine Praxis, bei der ein Mann die Witwe seines verstorbenen Bruders heiratet – fanden sich in den Daten nicht.
Burger erläuterte, dass diese Praktiken eine Kontinuität zur spätrömischen Zeit darstellten: "Es scheint, dass die neuen frühmittelalterlichen Gesellschaften konsequent umsetzten, was bereits in spätantiken Rechtstexten kodifiziert worden war." Das Römische Reich hatte Polygamie und Verwandtenheiraten verboten, konnte diese Regeln aber nicht immer durchsetzen. Die Menschen im nachrömischen Süddeutschland scheinen diese Praktiken dagegen tatsächlich nicht ausgeübt zu haben.
Patzold betonte die historische Reichweite dieses Befunds: "Diese Strukturen entsprechen Mustern, die wir bereits aus spätantiken Quellen kennen. Sie belegen, wie nachhaltig spätrömische Sozialnormen ins Frühmittelalter hinübergerettet wurden und das gesellschaftliche Leben prägten. Genau in dieser Übergangsphase manifestierte sich das europäische Familiensystem – ein Modell, das bis in die Neuzeit hinein weite Teile des Kontinents prägen sollte."
David Bachrach, Geschichtsprofessor an der University of New Hampshire, der nicht an der Studie beteiligt war, bezeichnete die Ergebnisse gegenüber Live Science als vereinbar mit anderen Befunden aus der Erforschung des frühmittelalterlichen Europas. Er äußerte jedoch Skepsis gegenüber dem Schluss, die Lebenserwartung sei nach dem Ende des Römischen Reichs gestiegen: "Ich denke, wir brauchen mehr Studien zur römischen Bevölkerung."
Die Studie wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen der Kolleg-Forschungsgruppe 2496 "Migration und Mobilität in Spätantike und Frühmittelalter" sowie durch den Schweizerischen Nationalfonds gefördert.