Blinde Bildermacher
Warum wurde ausgerechnet auf einer Fotocommunity-Website Aufmerksamkeit für eine libanesische Familie erzeugt?
Am letzten Mittwoch sah die Homepage der VIEW-Fotocommunity, eines Ablegers des Stern, auf einmal seltsam uniform aus. Zu sehen war überall fast nur noch ein eher unspektakuläres Familienbild. Ein Surfer konnte ihm nicht entkommen, sogar unter dem Stichwort "Erotik" war es mehrmals zu sehen.(cg_fc02.jpg) Zwei User der Community hatten eine Solidaritätsaktion für eine Familie im Libanon gestartet.
Fotoclub war gestern. Der Fotoamateur von Welt stellt seine Bilder heute in einer Fotocommunity zur Diskussion. Das Grundprinzip ist immer das Gleiche. Mitglieder können ihre Fotos hochladen und Bilder von anderen kommentieren und bewerten. Meist gibt es verschiedene Usertypen, mit einem kostenlosen "Einsteiger", der allerdings nicht viel mehr machen kann, als eigene Bilder hoch zu laden. Mehr Rechte kosten dann Geld.
Unter Fotobegeisterten wurde zunächst die von Andreas Meyer im Jahre 2001 gegründete fotocommunity e.K. bekannt. Sie publiziert inzwischen auch auf Englisch und Italienisch und liefert zudem fototechnische Informationen. Der Erfolg dieser Community stachelte Nachahmer an. Inzwischen gibt es mit VIEW auch einen Ableger des Stern, der eine Fotocommunity mit einer Printausgabe verknüpft und somit zusätzlich die Kasse klingeln lässt.
Die weitaus meisten Mitglieder von Fotocommunitys sind offensichtlich Hobbyfotografinnen und -fotografen. Natürlich finden sich auch Models und Profis, die auf sich aufmerksam machen wollen. Wie in einem traditionellen Fotoclub präsentiert man sich gegenseitig die schönsten Bilder und kommentiert meist wohlwollend. Über ein "Toll!" oder "Gut gesehen" kommen die meisten Kommentare nicht hinaus. Kritik ist selten und meistens auch nur vom Typ: "Gefällt mir nicht". Eine echte Auseinandersetzung mit Aspekten der Fotografie findet höchstens sporadisch statt.
Mittwochnachmittag jedoch veränderte sich die VIEW-Homepage schlagartig. Sie sah auf einmal merkwürdig eintönig aus, weil überall fast nur Versionen eines fotografisch nicht besonders gelungenen Familienfotos zu sehen waren.
Zwei User dreamwolf und susab, hatten kurz zuvor Bilder einer befreundeten libanesischen Familie hochgeladen. dreamwolf schreibt dazu: "Unser Freund aus dem Libanon und seine Familie. Er braucht dringend Hilfe. Kamel Khayat ist unter kamelkht@hotmail.com erreichbar." Und zu einem anderen Bild heißt es: "Dieses foto von seinem sohn Nachaat sandte uns heute unser freund Kamel Khayat, der dringend eine möglichkeit sucht, mit seiner Familie den Libanon zu verlassen."
Kein kritisches Reflektieren der User
Um Aufmerksamkeit zu erreichen, wurden die anderen User gebeten, das Bild auf ihren eigenen Seiten einzustellen und möglichst viele dieser Bilder bei anderen mit Bestnoten zu bewerten. Schnell schwoll eine Welle der Hilfsbereitschaft an und so usurpierte das Foto schließlich kurzzeitig fast die ganze Homepage. In den Kommentaren zu den Bildern überschlug sich die hitzige Begeisterung darüber, etwas Unmittelbares und Direktes zu tun, immer wieder gefüttert und angeheizt mit neuesten Nachrichten. So schrieb dreamwolf:
Kleines Update. Atsilusgi 'spricht' gerade mit Kamel via Yahoo… . Er bekam heute einen anruf von der amerikanischen botschaft (weil seine jüngste tochter amerikanerin ist, in den usa geboren) aber sie sind nur bereit seine tochter und noch ein familienmitglied via zypern in die usa zu bringen. Er hat das abgelehnt, weil er den Rest der familie nicht zurücklassen will. (25.07.2006, 19:44 Uhr)
Natürlich drückten daraufhin manche User ihre Empörung über das schmachvolle Verhalten der amerikanischen Botschaft aus, aber scheinbar niemand kam auf den Gedanken zu fragen, was die Entscheidung des Vaters bedeuten könnte. Viele Informationen zu der Familie gaben dreamwolf und susab nicht. Wo genau lebt sie? Dass viele Menschen aus dem Libanon fliehen oder fliehen wollen, ist bekannt. Aber ist die Lage gerade dieser Familie kritischer als die anderer? Im Gegenteil, die abweisende Antwort des Vaters deutet eher darauf hin, dass die familiäre Lage gar nicht so kritisch ist. Denn sonst hätte der Vater ja zumindest seine Tochter und eine der andern Personen in Sicherheit geschickt. Bis auf die kleine Tochter sehen auf dem Foto alle Beteiligten ziemlich erwachsen aus. Aber nüchternes, kritisches Reflektieren war beim losgebrochenen Hilfsaktionismus offensichtlich nicht möglich. Zudem waren bald auch platte anti-israelische Meinungsäußerungen zu lesen.
Rein humanitäre Absichten lassen sich bei der Aktion zudem durchaus in Frage stellen. Besucht man nämlich die in den Profilen von dreamwolf und atsilusgi angegebene Website photowallpapers, so findet man heraus, dass es sich bei den beiden um das Ehepaar Pamela und Wolfgang Jaafar handelt. Schnell gelangt man so zu Atsilusgis Pag, auf der zuallererst einmal zum Boykott israelischer Waren aufgerufen wird.
Am 26. Juli abends zog die VIEW-Redaktion dann die Notbremse und sandte an die User eine Nachricht, die von dreamwolf zitiert wird:
… die momentane Situation im Libanon ist erschreckend und bedrohlich. Viele Menschen geraten in Not und benötigen Hilfe. Der Gedanke einiger User, auch auf unserer Plattform darauf aufmerksam zu machen, ist daher verständlich.
Allerdings ist die Fotocommunity keine politische Plattform - sie soll vielmehr die Vielfalt der Fotografie zeigen und dafür begeistern. Der Aufruf, das Bild einer libanesischen Familie zu variieren, hochzuladen und möglichst hoch zu bewerten, steht diesem Anspruch entgegen. Wir haben uns daher entschlossen, die Bewertungen dieser Bilder zu löschen. Bitte haben Sie dafür Verständnis. …
Des Weiteren wird mitgeteilt, der Fall der Familie sei zwecks weiterer journalistischer Recherche weitergeleitet worden. Eine für Online-Maßstäbe besonnene Maßnahme, die von manchen Usern auch als ein Erfolg der Aktion gesehen wird. Allerdings hagelte es natürlich Kritik seitens andere User und dreamwolf kündigte an, seine Mitgliedschaft zukündigen.
Fehlende Bildkompetenz
Die Hobbyfotografie mag eine erfüllende und sinnvolle Betätigung sein, aber der Vorfall bei VIEW zeigt auch in geradezu erschreckender Weise, wie wenig kritische Bildkompetenz ausgerechnet bei denen vorhanden ist, die sich in ihrer Freizeit mit Fotografie beschäftigen.
Ein einfaches, ohne allzu viel Hintergrundinformationen präsentiertes Familienfoto, beworben von Personen, von denen den meisten nicht viel mehr bekannt ist, als dass sie zu der Community gehören, das reicht schon als Authentizitätsbeweis aus, um eine Riesenwelle an Unterstützung hervorzurufen. Gerade diejenigen, die von sich selbst meinen, von Fotografie zumindest etwas zu verstehen, sind offensichtlich in gewisser Weise blind und mit einfachen Bildern leicht zu manipulieren.