Deutschland 2023: "Über 60 Prozent sehen keinen Ausweg aus den Krisen"

Resignation und der Eindruck, den Krisen passiv ausgeliefert zu sein, prägen laut einer Studie das Alltagsleben vieler. Wie holt man Menschen ab, die das Gefühl haben, dass sie fallen? Die Antwort fällt einfach aus. Und nicht ohne Grusel.

"Das ist kein Leben mehr, wie ich es mir vorgestellt habe". Die Aussage stammt aus einer Studie, die die Reaktionen auf eine Krisenkaskade in Deutschland im Jahr 2023 untersucht. Ihre Ergebnisse geben ein pessimistisches Lebensgefühl wieder:

"Ganze 85 Prozent der Befragten glauben, dass wir tendenziell mit einem Wohlstandsverlust leben müssen. Über 60 Prozent sehen keinen Ausweg aus den Krisen."

Kennen wir schon, nichts Neues, die x-Variation des Immergleichen? Dagegen ließe sich generell einwenden, dass Studien und Umfragen zur Befindlichkeit der Mehrheit, wie man etwa am ARD-Deutschland-Trend sehen kann, Diskussionen anregen. Nicht zuletzt, weil man daran checken kann, wo man selbst steht. Die Blase sagt auf jeden Fall immer dasselbe.

Viele Politiker auch. Eine ihrer liebsten Phrasen lautet: "Wir müssen die Menschen abholen." Gerade in Zeiten des AfD-Umfragen-Höhenflugs ist sie zur Medien-Supermarkt-Beschallung geworden. Wie aber holt man Menschen ab, die das Gefühl haben, dass sie fallen?

Mit dieser Fragestellung wird die Studie des Rheingold-Instituts interessant.

Denn, nicht nur, dass sie methodisch andere Ansprüche stellt als eine Meinungsumfrage eines Instituts – so spielen tiefenpsychologische Interviews, Einzelinterviews plus Gruppeninterviews (insgesamt 76), eine wichtige Rolle, die dann von einer quantitativen Online-Befragung begleitet werden, mit etwa so viel Teilnehmern wie beim ARD-Deutschland-Trend (1.002).

Und sie ist in Auftrag gegeben von einer Schlüsselindustrie, nämlich vom Verband der chemischen Industrie (VCI) zusammen mit der Gewerkschaft IGBCE.

Die wollen ja auch was abholen. Und wenn es nur ein zukunftsträchtiges Image ist.

Wellen der Verunsicherung und das Gefühl der Überforderung

An elementaren Beobachtungen der Studie Orientierung in der Krisenpermanenz, die eine Nachfolgestudie zu einer Grundlagenstudie ist, die 2020 während der Coronakrise gemacht wurde, kann man folgendes auflisten, um einen groben Überblick zu geben.

Die erste zentrale Erschütterung durch die Pandemie wurde nie ausreichend psychologisch und gesellschaftlich verarbeitet.

(…) Dabei ringen beinahe alle bis heute mit den Auswirkungen. Die psychologischen Folgen, die soziale Isolation, die Ängste um die eigene Gesundheit und die Unsicherheit über die Zukunft sind weiterhin präsent und belastend.

(…) Die aktuelle Studie zeigt, dass die Pandemie in ihrer Gesamtheit als Ausgangspunkt einer Kaskade von Krisen erlebt wird. Nach der ersten psychologischen Erschütterung gab es keine Erholung. Im Gegenteil: Wie permanente Wellen brechen weitere Krisen über die Bevölkerung herein. (…)
Diese anhaltende Stimmung verstärkt die Verunsicherung und das Gefühl der Überforderung.

Rheingold-Studie

Dazu ein paar Zahlen zur Veranschaulichung des Krisenempfindens, die gegenüber der Vorgängerstudie aus dem Corona-Jahr 2020 signifikant angestiegen sind.

Ganze 85 Prozent der Befragten glauben, dass wir tendenziell mit einem Wohlstandsverlust leben müssen.

Über 60 Prozent sehen keinen Ausweg aus den Krisen.

Interessant ist der Abgleich mit der Erhebung aus 2020. Der Vergleich scheint zu bestätigen, dass die Mehrzahl an Krisen auch als ein Mehr an Belastung und Sorge wahrgenommen wird: Dieses Jahr sind 61 Prozent der Befragten besorgt über die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen in Deutschland. 38 Prozent haben Angst vor persönlichen, finanziellen und beruflichen Problemen.

In der vorangegangenen Studie aus 2020 waren es zehn Prozentpunkte weniger bei der Frage nach den wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen (51 Prozent) und ganze 18 Prozentpunkte bei der Frage nach persönlichen und beruflichen Problemen (20 Prozent).

Dieser signifikante Anstieg ist exemplarisch für ein zunehmendes Gefühl der Belastung durch die Kaskade von Krisen. Lediglich jede fünfte Person blickt zum Zeitpunkt der Studie zuversichtlich in die Zukunft.

Rheingold-Studie

Im Alltag sind es die steigenden Preise bei Lebensmitteln, Konsumgütern sowie Heizung, Strom und Gas, die 83 Prozent die meisten Sorgen bereiten. Danach kommt die Angst, dass die deutsche Wirtschaft einbrechen könnte. Mehr als die Hälfte, 57 Prozent der Befragten, haben gemäß der Studie diese Angst.

Laut Methodik hatte die Studie darauf geachtet, dass soziodemografisch differenziert vorgegangen wird. Wichtig ist noch die Ergänzung, dass die Befragung in einem Zeitraum unternommen wurde, als es noch keine Diskussionen zum geplanten Heizungsgesetz gab (2.02. bis 03.03.2023).

Erwähnenswert ist zudem, dass lediglich 13 Prozent der Befragten nach eigener Aussage auf Vorkrisen-Niveau konsumieren und: "27 Prozent sehen sich stattdessen akut existenzbedroht, wobei 31 Prozent mit Einschränkungen und Einsparungen leben. Dabei geht es nicht nur um Lebensmittel und Konsumgüter."

Zum politischen Kern, der sich damit beschäftigt, wie auf die Krise handelnd reagiert wird: Dazu haben die Studienverfasser ein Spektrum zwischen "passiv ausgeliefert" und "aktiv gestaltend" aufgemacht, das als Kontinuum verstanden wird.

74 Prozent fühlen sich passiv ausgeliefert

Das große Ergebnis:

Lediglich 24 Prozent der Befragten gehen aktiv gestaltend mit der Krise um. Ganze 74 Prozent fühlen sich hingegen passiv ausgeliefert.

Im Detail hat man dazu eine originelle Typologie erstellt (man will sich ja von anderen Untersuchungen unterscheiden).

Sechs Typen werden vorgestellt:

  1. Einnister (22 Prozent)
  2. Getriebene und Verschollene (19 Prozent)
  3. Trotzig-Wütende (33 Prozent)
  4. Relativierer und Enthobene (6 Prozent)
  5. Zupacker (13 Prozent)
  6. Umstülper (fünf Prozent)

Zielgruppen für Wahlkämpfer?

Die Einnister werden dadurch charakterisiert, dass sie mit Rückzug und Abschottung auf die Erschütterung durch die Krisen reagieren. Die Getriebenen und Verschollenen reagieren mit einer hastigen Suche nach Halt, "ständig bemüht, sich abzusichern und zu sparen, mehr zu arbeiten oder günstiger einzukaufen. Ihr Fokus liegt darauf, von einer 'rettenden Scholle' zur nächsten zu gelangen".

Die Trotzig-Wütenden erklären sich von selbst. Die Relativierer und Enthobenen sind solche, die sich überlegen fühlen, auch den Krisen gegenüber. Sie sind finanziell gut abgesichert und reisen und konsumieren demonstrativ wie zu alten Zeiten ("Meine Heizung bleibt an, ich will es muckelig warm haben!").

Die Zupacker werden als unerschütterlich beschrieben, aktiv und pragmatisch. Ihnen wird der Satz zugeordnet, dass Krisen auch eine Chance sind. Und die Umstülper richten ihr Leben neu aus, wechseln etwa Beruf oder Ausbildung.

Man kann dies als Aufgliederung für Wahlkämpfer verstehen. Es braucht nicht viel Fantasie, um hier Potenziale für Parteien zu erkennen, die sich an diejenigen adressieren, die sich überlastet und ausgeliefert fühlen.

Der "sichere Hafen in Zeiten der Umbrüche"

Die Studie selbst macht dazu keine präzisen, sondern allgemeine Angaben: Politik soll für Stabilität sorgen. Interessant wird es da, wo es um Wirtschaft geht: Sie wird als "sicherer Hafen in Zeiten der Umbrüche" dargestellt.

Trotz aller Krisen läuft die Wirtschaft weiter und wirkt widerstandsfähig, was sie zu einem Vorbild für den Umgang mit Krisen macht. (…)

Es wird wahrgenommen, dass die Unternehmen stets nach Lösungen suchen und diese auch finden, wie zum Beispiel bei der Bewältigung der Covid-Krise durch die Entwicklung von Impfstoffen oder den Aufbau von neuen Lieferketten.

Gleichzeitig besteht jedoch auch die Sorge, dass die Wirtschaft beispielsweise durch staatliche Überregulierung oder den Fachkräftemangel abgewürgt wird. Sollte die Transformation nicht gelingen, droht Deutschland weiter ins globale Abseits zu geraten.

Von 95 Prozent der Befragten wird es daher als wichtig erachtet, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu schützen und zu stärken, während 91 Prozent betonen, dass die heutigen Arbeitsplätze geschützt werden müssen.

Rheingold-Studie

Am Ende gelangt man zum Resultat, dass die Hoffnung noch viel stärker als noch 2020 auf die Chemie- und Pharmaindustrie als eine Art "Schutzmacht" gerichtet sind (siehe Kapitel 3 der Studie).

So führt man vor, wie die Orientierung auf Ängste und Sorgen in einer Zeit der Krisen am plakativsten funktioniert: Man erklärt sich zur Schutzmacht, die dazu vom Staat größte Freiheiten gegenüber Regulierungen braucht, die ihren Interessen entgegenstehen.