Fakten statt Flucht: Warum Telepolis den X-Boykott nicht mitmacht

Harald Neuber
Elon Musk, mit rechten Arm grüßend

Bloß den Arm unten behalten! Bild: Frederic Legrand –COMEO/ Shutterstock.com

Immer mehr Deutsche boykottieren X. Warum die Vorwürfe eher eine Glaubensfrage sind. Und der Rückzug fragwürdig. Ein Telepolis-Leitartikel.

Folgt man der Debatte über X in Deutschland, könnte man meinen, der Kurznachrichtendienst sei zum neuen Zentralorgan der Rechtsextremen Internationale verkommen. Tägliche "Volksverhetzung" attestiert der in Berlin erscheinende Tagesspiegel dem Netzwerk des US-Milliardärs Elon Musk, "Rechtsextremismus" die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman.

Ein Superlativ folgt dem nächsten. Jede Geste des Konzernchefs Elon Musk wird so eifrig wie empört kommentiert, gar in Interviews ausführlich besprochen. Musk und seine Anhänger ficht das nicht an. Sie reagieren mit selbstsicherer Süffisanz.

Der ehemals als Twitter bekannte Kurznachrichtendienst ist längst selbst Gegenstand einer heftigen politischen Kontroverse, vor allem hier in Deutschland. Anfang Dezember haben 60 deutschsprachige Hochschulen und Forschungsinstitutionen angekündigt, ihre Aktivitäten auf X einzustellen. Als Grund nennen sie die fehlende Vereinbarkeit der aktuellen Plattform-Ausrichtung mit den Grundwerten der beteiligten Institutionen; Weltoffenheit etwa, wissenschaftliche Integrität, Transparenz oder demokratischer Diskurs.

X seit Twitter stark verändert

Seit der Übernahme der Plattform durch Musk im Jahr 2022 habe sich die Plattform stark verändert, erklärten die Unterzeichner des Appells. Konkret kritisierten sie eine "algorithmische Verstärkung rechtspopulistischer Inhalte" und eine "Einschränkung organischer Reichweite". Diese Entwicklungen machten eine weitere Nutzung für die beteiligten Organisationen nach eigenen Angaben "unvertretbar". Viele dieser Vorwürfe basieren auf Annahmen.

Ein anonymer offener Abschiedsbrief, der ebenfalls am 2. Dezember 2024 veröffentlicht wurde, kritisierte Musks X noch schärfer. "Seit der Übernahme durch Elon Musk ist Twitter kein Ort mehr für freie und faire Meinungsäußerung und einen offenen Austausch", heißt es darin. Vielmehr sei die Plattform "ein Ort der Zensur, des Rassismus, Antisemitismus und des rechten Agendasettings geworden".

Institutionen setzen Zeichen gegen Musk

Die Kritik an der Ausrichtung von X unter Elon Musk kommt vorwiegend aus dem linken und liberalen politischen Spektrum – und sie muss in ihrer Massivität überraschen. Man könnte von akademischen Institutionen mehr Differenziertheit erwarten; sowohl in der Analyse der Entwicklung von X als auch in der Abschätzung der Konsequenzen ihres Handelns.

Was Musks macht, wird in den als "freedom of speech" oder "free speech" bezeichnet. Es basiert auf dem First Amendment der US-Verfassung, das besagt: "Congress shall make no law (…) abridging the freedom of speech, or of the press." Das steht in diametralem Widerspruch zum vor allem deutschen Ansatz, den politischen Diskurs zu steuern oder zumindest zu monitoren.

Wenig Einfluss, viel Aufregung

Die Verve der Träger der Anti-X-Kampagne erstaunt auch, wenn man sie mit dem Einfluss der Plattform vergleicht. In Deutschland liegt X gerade mal auf Platz sieben im Vergleich mit Plattformen wie Youtube (Platz 1), Facebook (Platz 2) und Instagram (Platz 3). In den USA ist die Nutzung von X als Nachrichtenquelle deutlich verbreiteter.

Und auch das ist aufschlussreich: Plattformen wie Truth Social und Rumble haben hohe Anteile von rechtsgerichteten Nutzern, während Instagram und Tiktok tendenziell mehr Nutzer der politischen Mitte oder der Linken haben. Allerdings hat X – wie das Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center ermittelte – das politisch ausgewogenste User-Verhältnis: 47 Prozent derjenigen, die X als Nachrichtenquelle nutzen, gehören dem Lager der Republikaner an, 48 Prozent dieser User sind nach eigenen Angaben Anhänger der Demokraten. Sowohl republikanische (89 Prozent) als auch demokratische (86 Prozent) Nutzer meinen, dass X in den USA ein Ort für freie politische Meinungsäußerung ist (Stand: März 2024).

Was bringt der X-Boykott?

All das stellt die neue deutsche Frontstellung gegen X zumindest infrage. Doch auch unabhängig davon: Was soll es bringen, X zu verlassen, nur weil man ein schlechtes Gefühl hat? Oder weil empirische Studien ohne Peer-Review eine Tendenz nach rechts zu erkennen meinen? Oder weil ihnen andere Untersuchungen auf wissenschaftlich schwacher Basis beipflichten?

Der Bonsai Research Werteindex, eine umfangreiche Social Media Studie zum gesellschaftlichen Wandel, kam Anfang vergangenen Jahres zu dem Schluss, dass die Spaltung in der Gesellschaft im deutschsprachigen Raum so stark wie nie zuvor ist. Die Studie analysierte über zwölf Millionen Posts in deutschsprachigen Medien und stellte fest, dass der Ton in sozialen Medien deutlich schärfer geworden ist, emotionaler und aggressiver.

Wenn Demokraten, Linke und Liberale nun also X verlassen, dann liegt es nahe, zu prognostizieren, dass die Spaltung dadurch verstärkt wird; vor allem, wenn diese Akteure davon ausgehen, dass rechte bis rechtsextreme Kräfte den Kurznachrichtendienst politisch vereinnahmen. Sie wären dann ja unter sich. Das macht die Sache sozialpsychologisch nicht besser.

X-Boykott ist politisch motiviert

Wägt man alle diese Faktoren gegeneinander ab, dann muss man sich fragen, wie ein Boykott von X die politisch polarisierte Situation entspannen könnte. Die Entscheidung, die Plattform zu verlassen, erscheint dann mehr politisch motiviert.

Das ist für politische Akteure okay. Für wissenschaftliche Institutionen, staatliche Organe und Medien ist es fragwürdig.

Für Telepolis jedenfalls spielt X bisher nur eine geringe Rolle (wir sind uns bewusst, dass bei der Social-Media-Arbeit viel Raum nach oben ist). Dennoch werden wir daran festhalten, unsere Beiträge auch über diese Plattform weiterzuverbreiten.

Auch auf X: Gegen linke Verschwörungstheoretiker und Nazis (m/w/d)

Das gilt gerade auch mit Blick auf die politische Sphäre: Auf Basis journalistischer Prinzipien berichtete Telepolis mit der notwendigen professionellen Distanz über alle Parteien – auch über die AfD. Etwa, wenn es um kontroverse Windrad-Thesen geht, oder die Dekonstruktion rechter Narrative.

Kritik hat nur Sinn, wenn sie einen Adressaten hat. Und wenn man sich in der journalistischen Auseinandersetzung mit Extremisten jeder Couleur nicht einschüchtern lässt.

Im Fall von Telepolis gilt das ebenso für Verschwörungstheorien der DKP-nahen Zeitung Junge Welt über unsere wie für Klage- und Geldforderungen von "Marla-Svenja Liebich", einer der bislang führenden Personen der deutschen Nazi-Szene.