Künstliche Intelligenz macht Griechen zu Ahnenforschern

Stammbaum in Leiterplatten-Design

Griechenland digitalisiert sein komplettes Staatsarchiv. KI soll dabei helfen, die über 55 Millionen Dokumente nutzbar zu machen. Doch was hat das mit Ahnenforschung zu tun?

Der griechische Staat ist in seiner Digitalisierung weit fortgeschritten. Mittels Künstlicher Intelligenz eröffnet sich den Bürgern nun die Möglichkeit, in den staatlichen Archiven nach ihren Ahnen, entfernten Verwandten und nach historischen Zusammenhängen rund um ihre Familiengeschichte zu forschen.

Freilich gibt es auch professionellere Anwendungen der Archivnutzung. Finanziert wird das Mammutprojekt unter anderem über den Regionalentwicklungsfonds der EU.

Ministerialbeamter "verursacht" Ahnenforschung als Option

Der griechische Bildungsminister Kyriakos Pierrakakis hatte als Minister für digitale Governance ab Juli 2019 die Digitalisierung initialisiert. Die Zeit der Pandemie wurde genutzt, um faktisch das komplette Staatswesen über das Internetportal gov.gr zusammenzufassen und den Bürgern ein einheitliches Interface zu präsentieren.

Pierrakakis, der seine politische Karriere bei der sozialdemokratischen Pasok startete, sorgte in Griechenland zudem für eine Wallet.gr genannte Anwendung, mit der sämtliche Personalpapiere, Ausweise und Führerscheine, auf dem Mobiltelefon gespeichert werden können.

Er zeichnet sich für die Technik der elektronischen Patientenakte verantwortlich. Auch nach seinem Wechsel ins Bildungsministerium blieb er der Digitalisierung verbunden.

Die Idee, das digitalisierte Allgemeine Staatsarchiv für die Ahnenforschung der Bürger zu nutzen, kam ihm aufgrund eines Mitarbeiters des Bildungsministeriums. Dieser forschte in den haptisch zugänglichen Archiven in seiner Heimatregion in Lakonien. Dort fand er Daten und Dokumente aus dem Jahr 1875 zu seinem Familienstammbaum. Auch der Minister stammt aus Lakonien. Er besuchte ebenfalls das Archiv und erkannte die Möglichkeiten der Recherche, welche die Digitalisierung in Kombination mit der KI bietet.

Digitales Allgemeines Staatsarchiv

An 58 Orten, entsprechend den früheren Sitzen der Präfekturen in Griechenland, gibt es Zweigstellen des digitalen Staatsarchivs. Weit über 55 Millionen Dokumente warten auf ihre komplette, über den EU-Regionalentwicklungsfonds gesponserte Digitalisierung.

Darunter sind historische Akten mit nationaler Bedeutung, aber auch Sammlungen persönlicher Daten von Bürgern. Als Suchmaschine steht die Anwendung "Archiv" bereit. Diese wird nun mit Künstlicher Intelligenz kombiniert, sodass gezieltere, schnellere und effektivere Suchen möglich sein werden.

Mit der KI wird dann auch der Zugriff auf demografische Daten des Staats, sprich auch unter Wahrung des Datenschutzes auf die Einwohnerämter möglich.

Wieweit die Bürger ihren Stammbaum mit diesem Verfahren erforschen können, hängt stark von der Siedlungsregion der Familie ab. Die demographischen Archive der zuerst von der osmanischen Herrschaft befreiten Regionen, wie der Peloponnes, reichen bis zu den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Dagegen wurden die sogenannten "neuen Länder", der Norden des Landes und Dodekanes, ab 1912 Teil des neugriechischen Staats. Ältere demographische Akten aus diesen Regionen gerieten daher als Konkursmasse des Osmanischen Reichs in die Türkei. Hier ergäbe sich die Möglichkeit, bei der Digitalisierung und dem Aufbau der Nutzersoftware eine Schnittstelle zu Archiven in anderen Staaten einzuplanen.

Für künftige Generationen dürfte bei der Ahnenforschung nicht nur der Zugang zu osmanisch-türkischen Registern interessant sein. Sie werden unter anderem auch die zu Arbeitszwecken nach Nordeuropa ausgewanderte Nachkriegsgeneration und deren Nachkommen im Blick haben.

Das Staatsarchiv dient natürlich nicht nur der genealogischen Forschung. Der Zugang zu alten notariellen Urkunden ist für die Regelung von Vermögens- und Erbschaftsangelegenheiten wichtig. Forscher, Lehrkräfte und Anwälte benötigen oft Informationen im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Tätigkeit.

Die staatlichen Archive dienten zur Ermittlung der Ansprüche Griechenlands bei eventuellen Reparationsverhandlungen. Sie werden auch im Rechtsstreit für die Rückgabe der von Lord Elgin geraubten Parthenon-Skulpturen aus dem Vereinten Königreich benötigt. Die mit der KI mögliche Beschleunigung entsprechender Recherchen wird viele Arbeitsstunden einsparen.

Zögerliche Nutzung trotz weit fortgeschrittener Digitalisierung

Bereits seit mehr als einem Jahr hilft die KI als nimmermüder "Staatsbeamte" den Griechen bei der Beantragung von öffentlichen Dokumenten, Bescheinigungen und im übrigen Rechtsverkehr mit dem Staat. Die KI namens mAIgov hat bislang mehr als 1,6 Millionen Bürgeranliegen bearbeitet.

Indes hat sich die griechische Industrie bisher nicht mit den Möglichkeiten der KI angefreundet. Griechenland liegt unter dem EU-Durchschnitt.

Gemäß den Daten von Eurostat nutzten im vergangenen Jahr nur 9,81 Prozent der griechischen Unternehmen mit zehn oder mehr Mitarbeitern künstliche Intelligenz. Auf die gesamte EU bezogen sind es 13,5 Prozent der Unternehmen. Spitzenreiter sind Dänemark mit 27,6 Prozent, Schweden mit 25,1 Prozent und Belgien mit 24,7 Prozent. Schlusslichter sind Rumänien (3,1 Prozent), Polen (5,9 Prozent) und Bulgarien (6,5 Prozent).