Maritime Raubzüge – wie Fangflotten die Ozeane plündern

Mit Grundschleppnetzen fischen chinesische Trawler ganze Meeresregionen leer. Ein Großteil der Fische wird zu Mehl verarbeitet, das wiederum an Zuchtfische in Aquakulturfarmen verfüttert wird

In Gunjur, einer Stadt mit 15.000 Einwohnern an der Atlantikküste im Süden Gambias lebten Fischer seit Generationen vom traditionellen Fischfang. Einst deckte der Bonga-Fisch die Hälfte Bedarfes an tierischem Eiweiß der Einheimischen. Vor zwanzig Jahren gab es in der Region reichlich davon, so dass der Fisch zum Teil sogar auf den Märkten verschenkt wurde. Heute können sich die Einwohner Gambias, von denen die Hälfte unterhalb der Armutsgrenze lebt, Bonga-Fisch kaum noch leisten. Denn die Fischer vor Ort fangen kaum noch Fisch.

Seit einigen Jahren kreuzen chinesische Fischfangflotten vor den westafrikanischen Küsten und holen alles aus dem Wasser, was sich in ihren Netzen verfängt. In den Fabriken entlang der Küsten von Mauretanien, Senegal, Guinea-Bissau und Gambia werden die Tiere zu Mehl vermahlen. Auch in Gunjur werden die Fische in einer Fabrik nur wenige Hundert Meter vom Strand entfernt in automatisierten Prozessen zu klebrigem Brei vermahlen und im Ofen zu Öl extrahiert.

Verfüttert in China und Norwegen

Das fein gemahlene Pulver wird in 50-Kilo-Plastiksäcke abgefüllt, in Container verladen und nach China oder Norwegen verschifft. Dort wird das Fischmehl an Lachse und andere Fische in Aquakulturfarmen verfüttert. Die Zuchtfische werden an europäische und amerikanische Supermärkte geliefert und landen schließlich auf den Tellern der Konsumenten.

Aus allen drei gambischen Fischmehlfabriken werden jeden Tag 20 bis 40 Container mit rund 800.000 Kilogramm Fischmehl geladen, weiß der Umweltaktivist Mustapha Manneh. Ein Container umfast rund 400 Säcke. Die Fischmehlfabrik Golden Lead erschaffe neue Arbeitsplätze, Straßen und sogar einen neuen Fischmarkt, so hieß es zunächst.

Doch von den Arbeitsplätzen in den Fabriken profitieren nur wenige. Und die Gewinne fließen in die Taschen der chinesischen und europäischen Konzerne. Dafür verlieren die Menschen, die vorher vom Fischfang lebten, ihre Lebensgrundlage und damit ihr Einkommen.

Giftige Abwässer werden einfach ins Meer geleitet

Darüber hinaus vertreiben die Fischmehlfabriken auch Touristen - wie zum Beispiel im Wildtierreservat Bolong Fenyo. Das rund 300 Hektar große Gebiet mit Stränden, Mangrovensümpfen, Savannen und eine Lagune bietet Lebensraum für Zugvögel, Buckeldelfine, Fledermäuse, Krokodile und Affen. An einem Morgen im Mai 2017 entdeckten die Küstenbewohner eine purpurrote Eintrübung des Meerwassers. Überall schwammen tote Fische herum.

Der gambische Mikrobiologe Ahmed Manjang entnahm Wasserproben und ließ sie in deutschen Laboren untersuchen. Ergebnis: Das Wasser enthielt hohe Mengen an Arsen, Phosphat und Nitrat. Wie sich herausstellte, kamen die giftigen Abwässer von der Fischmehlfabrik. Zur Strafe musste das Unternehmen eine lächerlich geringe Geldsumme zahlen. Die Fabrikbetreiber ließen unterirdisch ein langes Abwasserrohr verlegen, um die Abwässer direkt ins Meer zu leiten.

Infolgedessen reicherten sich Algen im Wasser an, und tausende tote Fische wurden zusammen mit Aalen, Rochen, Schildkröten und Delfinen an Land gespült. Schwimmer klagten über Hautausschläge. Manjang, der inzwischen Umweltschützer und Journalisten kontaktiert hatte, wurde vom Handelsminister in seine Schranken gewiesen. Die chinesische Fabrikdirektorin leugnete die Verschmutzung des Meeres durch Abwässer aus der Fabrik und spendete Gelder an die Stadt. Damit war das Thema Gewässerverschmutzung erledigt.

Den Galapagosinseln droht ein gravierender Artenschwund

Einst nutzte Charles Darwin seine Beobachtungen auf den Inseln, um seine Evolutionstheorie zu untermauern. 1959 erklärte sie die ecuadorianische Regierung zum Nationalpark, 1978 wurden sie in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Die etwa 1.000 Kilometer von der ecuadorianischen Küste liegenden Inseln bieten Lebensraum für zahlreiche endemische Arten: Fregattvögel, Blaufußtölpel, Pinguine, Riesenschildkröten, Leguane und viele weitere Arten.

Die Gewässer vor Galapagos gelten als besonders artenreich. Vor den Inseln treffen mehrere Meeresströmungen aufeinander. Hier tummeln sich Robben, Seelöwen und verschiedenste Hai-Arten, von denen etliche - wie der Walhai - vom Aussterben bedroht sind.

Nahezu alle Inseln einschließlich der sie umgebenden Gewässer stehen unter Naturschutz. Dieser allerdings endet an der Grenze zu den internationalen Gewässern. Seit einigen Jahren tauchen zu Beginn der Fangsaison Hunderte chinesische Schiffe, um auf gigantischen Raubzügen die Gewässer gnadenlos leer zu fischen. Dies ist nicht verboten, solange die Boote außerhalb der 200-Meilen-Zone rund um die Inseln bleiben.

Als im September 2019 ein Wahlhai-Weibchen vor den Galapagosinseln mit einem Sender versehen wurde, konnten Wissenschaftler seinen Weg hinaus in den Pazifik und zurück verfolgen, bis es nach 280 Tagen auf einmal verschwunden war. Stattdessen zeigten die Satellitenbilder eine Wolke aus Punkten. Jeder Punkt stand für ein Boot. Offenbar hatten sich Hunderte Schiffe, die meisten unter chinesischer Flagge, mit dem Weg des Walhais gekreuzt.

Für das Ökosystem des Archipels sind die chinesischen Fischer eine Katastrophe: Plötzlich tauchen Hunderte Boote wie aus dem Nichts auf, im Schlepptau schwimmende Kühlschiffe und Tanker mit Treibstoff. Mit ihren Netzen und Leinen saugen die Fischer alles Lebendige aus dem Schutzgebiet regelrecht heraus, klagt John Hourston von der Ozeanschutzgruppe Blue Planet Society. Erst wenn die Laderäume mit tausenden Tonnen Meerestieren randvoll sind, treten sie die Rückfahrt an.

Pazifikstaaten wollen Schutzgebiete ausweiten

Als die ecuadorianische Behörden 2017 ein chinesisches Boot beschlagnahmten, das sich direkt bis vor die Galapagosinseln gewagt hatte, fanden die Beamten an Bord rund 300 Tonnen Fisch, unter anderem 6.600 tote Haie, darunter auch streng geschützte Arten. Zwar verhängte ein Gericht eine Millionenstrafe gegen den chinesischen Reeder, Besatzungsmitglieder wurden sogar zu Gefängnisstrafen verurteilt. Das hielt andere chinesische Fischer jedoch nicht davon ab direkt vor den Inseln weiterzufischen. Allein 2020 wurden vor Galapagos 260 Boote gezählt.

Ecuador werde seine maritimen Ansprüche verteidigen, versprach die Regierung. Man werde die chinesischen Flotten beobachten. Sehr viel mehr geht bisher nicht, denn die Flotte fischt zwar extrem nah an den Gewässern Ecuadors, konkrete Grenzverletzungen wurden jedoch nicht festgestellt. In Wahrheit kann sich Ecuador einen Streit mit China nicht leisten, denn die Volksrepublik ist wichtiger Wirtschaftspartner und Geldgeber.

Umweltschützer und Wissenschaftler können vorerst nicht mehr tun, als zu protestieren und zu beobachten. Immerhin können sie dank modernster Satellitentechnik in Echtzeit dabei zusehen, wie ihre Fischgründe zerstört werden. Nun plant Ecuador mit anderen Pazifikstaaten die Deklaration gemeinsamer Schutzzonen und die Ausweitung eigener Seegrenzen - ein langwieriges Unterfangen, das auf internationale Zusammenarbeit und öffentlichen Druck angewiesen ist.

Grundschleppnetze verwüsten die Meeresböden und heizen das Klima an

Ob vor Westafrika, Südamerika, ob in der Nordsee, im Pazifik oder in anderen Ozeanen - überall fischen Trawler die Meere leer. Wie bei Langleinen oder Schleppnetzen wird auch in der Grundschleppnetzfischei nach dem Zufallsprinzip gefischt - mit Beifangraten von bis zu 90 Prozent: Delfine, Robben, Korallen, Seepferdchen und Hunderte andere Arten verfangen sich in den Netzen.

Die Fischkutter ziehen gigantische, mit Metallplatten oder Stahlseilen beschwerte trichterförmige Netze über den Meeresboden. Jedes Netz ist so breit wie ein Fußballfeld und so hoch wie ein dreistöckiges Haus. Je nach Einsatzgebiet variieren die Konstruktionen, doch immer werden die empfindlichen Ökosysteme irreparabel geschädigt. Wird ein Netz zum Beispiel über ein Korallenriff gezogen, sieht es aus, als sei es mit Dynamit gesprengt worden.

Nebenbei verursacht das genannte Bottom Trawling gigantische Kohlenstoff-Emissionen - ähnlich hoch wie die der Luftfahrtindustrie. Denn normalerweise speichern marine Sedimente am Meeresboden enorme Mengen an Kohlenstoff. Jedes Jahr werden von den aufgewühlten Meeresböden eine Gigatonne Kohlenstoff emittiert, schreiben die 26 Autoren in einer in Nature veröffentlichten Studie

Der im März 2021 erschienene Bericht thematisiert erstmalig Klimaauswirkungen durch Schleppnetzfischerei. Demnach beschleunigt der freigesetzte Kohlenstoff nicht nur den marinen Artenschwund, sondern auch die Versauerung des Ozeans.

Wegen Überfischung, Zerstörung von Lebensräumen und Klimawandel sei das Leben im Meer weltweit zurückgegangen, erklärt Dr. Enric Sala. Hauptautor der Studie. Würden bestimmte Gebiete unter besonderen Schutz gestellt, werde das Wachstum von Meeresfrüchten angekurbelt, das Meeresleben geschützt, gleichzeitig würden die Kohlendioxid-Emissionen reduziert.

Derzeit stehen gerade mal sieben Prozent des Ozeans in irgendeiner Form unter Schutz. Viele dieser "Meereschutzgebiete" bieten keinen wirklichen Schutz, denn sie stehen nur auf dem Papier. Teilweise ist von intensiver Fischerei bis zum Tiefseebergbau alles erlaubt. Dies stellt die Wirksamkeit von Meeresschutzgebieten allgemein in Frage. Zur Erhaltung der biologische Vielfalt und marinen Ökosystemen und Regenerierung der Fischbestände müssten in Schutzgebieten deutlichere Fischfangverbote ausgesprochen werden.

Grundschleppnetzfischerei muss gestoppt werden!

Seit den1960er Jahren hat sich der weltweite Pro-Kopf-Verbrauch von Fisch als wichtigste Eiweißquelle für die Weltbevölkerung nahezu verdoppelt. Jedes Jahr werden tausende Tonnen frische Fische aus den Meeren zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet, um Lachse und Wolfsbarsch als Tiernahrung zu verfüttern. Um ein Kilo Fischmehl herzustellen, werden vier bis fünf Kilo frischer Fisch verbraucht. Ein gezüchteter Thunfisch frisst etwa das Fünfzehnfache seines Gewichtes. Unterm Strich wird mehr Fisch an die Zuchtfische in den Farmen verfüttert, als an Supermärkte und Restaurants geliefert wird.

Die Umweltorganisation Greenpeace fordert, die Produktion von Fischmehl zu stoppen und die Verarbeitung auf Produkte für den direkten menschlichen Verzehr neu auszurichten. Auch sollen Fischverarbeiter und lokale Verkäufer offiziell als Berufstätige anerkannt und finanziell unterstützt werden, damit sie ihre Rechte wahrnehmen können.

Nicht nur Greenpeace prangert die Zerstörung der Meere durch Grundschleppnetze an. Auch die Bürgerbewegung WeMove fordert vom Europäische Parlament einen Aktionsplan zum Schutz der Ozeane. Die Autoren der oben genannten Studie unterstützen zudem die Forderung der europäischen Bürgerinitiative Tilt, 30 Prozent aller Ozeane bis 2030 unter Schutz zu stellen.

Und was können wir als Konsumenten tun? Immerhin treibt unser Hunger auf Tiefseefische die Zerstörung der Meere weiter voran. Rotbarsch zum Beispiel steht mit einem Marktanteil von drei Prozent und 32.600 Tonnen jährlich hierzulande auf Platz Elf der beliebtesten Fischarten. Dabei gelten die wilden Bestände des extrem langsam wachsenden Tiefseefisches als extrem gefährdet.

Entscheidend für den Grad der Gefährdung sind nicht zuletzt die jeweiligen Fanggebiete. So stehen Aal, Lachs und Rotbarsch seit Längerem auf der Liste der gefährdeten Arten. Der Fischratgeber der Hamburger Verbraucherzentrale zumindest rät dringend vom Verzehr der genannten Arten ab.

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