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MilitÀrs und Diplomaten wollen "raus aus der Eskalationsspirale"

Ex-GenerÀle, Diplomaten und Friedensforscher haben einen Appell zur Deeskalation lanciert. Weil sich die meisten Autoren als Transatlantiker verstehen, könnte er Folgen haben

Das wurde auch allerhöchste Zeit! Nachdem sich in den letzten Wochen das militĂ€rische, politische und mediale Gerangel um die Ukraine brandgefĂ€hrlich zugespitzt hatte und das verbale SĂ€belrasseln tĂ€glich schriller wurde, meldete sich vor anderthalb Wochen unerwartet eine Stimme der Vernunft zu Wort. Und sie kommt nicht aus dem Lager der ĂŒblichen VerdĂ€chtigen.

UnlĂ€ngst veröffentlichte eine illustre Gruppe ĂŒberwiegend konservativer ehemaliger deutscher GenerĂ€le, Botschafter und Friedensforscher – darunter der ehemalige Botschafter bei der Nato und in Russland, Ulrich Brandenburg, der Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann sowie der ehemalige Direktor des Hamburger Instituts fĂŒr Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Michael Brzoska – einen Appell mit dem unzweideutigen Titel [1] "Raus aus der Eskalationsspirale! FĂŒr einen Neuanfang im VerhĂ€ltnis zu Russland" [2].

Der in militĂ€rischer KĂŒrze gehaltene Text kommt sofort auf den Punkt. Er konstatiert nĂŒchtern, die Welt drohe in eine Lage zu geraten, in der ein Krieg in den Bereich des Möglichen rĂŒcke. Nun mĂŒsse umgehend alles dafĂŒr getan werden, die Eskalationsspirale zu durchbrechen.

Die prominenten Autoren – die meisten von ihnen haben das Pensionsalter lĂ€ngst ĂŒberschritten – lassen keinen Zweifel daran, dass sie keine Russland-, gar "Putin-Versteher" sind. Im Gegenteil: Sie kritisieren deutlich die angeblichen oder tatsĂ€chlichen "DrohgebĂ€rden Russlands gegenĂŒber der Ukraine und das Imponiergehabe gegenĂŒber Nato-Staaten in Übungen, insbesondere durch AktivitĂ€ten der nuklearen KrĂ€fte".

Sie wollen Deutschland nicht aus der Nato fĂŒhren oder diese gar abschaffen. Sie wollen aber auch nicht zum hundertsten Male lediglich lautstark die westlichen Werte bemĂŒhen oder die ĂŒblichen Narrative bedienen.

Kurzum: Die Ex-GenerĂ€le und Diplomaten a.D., die ihre einschlĂ€gigen Karrieren ĂŒberwiegend im Kalten Krieg absolvierten und daher die akute Gefahr sehr genau einschĂ€tzen können, schwingen das scharfe Schwert der immanenten Kritik. Ihre VorschlĂ€ge zur unmittelbaren Schadensbegrenzung und schrittweisen -verringerung, stehen auf dem festen Boden der Realpolitik.

Was sie fĂŒr die Kalten Krieger in Politik und Medien umso brisanter macht.

Schritte aus der Eskalationsspirale

Das Papier hebt sich wohltuend von der ĂŒblichen Medienhysterie ab, indem es völlig selbstverstĂ€ndlich und ohne dies groß zu betonen, auch die russischen SicherheitsbedĂŒrfnisse als gleichberechtigt anerkennt, statt diese, wie bislang ĂŒblich, als QuantitĂ© nĂ©gligeable reflexartig vom Tisch zu wischen.

Ebenso nĂŒchtern lassen die Autoren zwischen den Zeilen durchblicken, dass sie die westliche Sanktionspolitik wie die "einseitig auf Konfrontation und Abschreckung setzende Politik" fĂŒr gescheitert halten. Ein möglicher Ausschluss aus dem Swift-System, den US-PrĂ€sident Joseph Biden kĂŒrzlich wortgewaltig als Sanktionssuperwaffe androhte, könnte ihrer Meinung nach gar die Sicherheitslage Europas berĂŒhren – weil er die russische Wirtschaft gefĂ€hrden wĂŒrde.

Man sieht, die Autoren sind – heute eine immer seltenere Eigenschaft – in der Lage, Perspektivenwechsel vorzunehmen und sich auch mal in die Schuhe ihres jeweiligen GegenĂŒbers zu stellen. Sie denken vernetzt und nicht in simplen Freund-Feind-Polarisierungen.

Als Profis wissen sie, dass GesprĂ€che immer und namentlich zu Krisenzeiten eine Conditio sine qua non sind, die niemals an Bedingungen geknĂŒpft werden darf. Und ihre VorschlĂ€ge zum Ausstieg aus der Eskalationsspirale wĂ€ren tatsĂ€chlich geeignet, das Blatt zu wenden – vorausgesetzt, sie wĂŒrden umgesetzt.

Der Westen, so schreiben sie, dĂŒrfe der Eskalation nicht tatenlos zusehen oder diese gar stillschweigend billigen. Er solle vielmehr "aktiv auf Russland zugehen und auf eine Deeskalation der Situation hinwirken. Hierzu sollte auch ein Treffen ohne Vorbedingungen auf höchster Ebene nicht ausgeschlossen werden." Im Einzelnen schlagen sie vor:

Einberufung einer hochrangigen Konferenz mit dem Ziel einer Revitalisierung der europĂ€ischen Sicherheitsarchitektur auf der Grundlage der fortbestehenden GĂŒltigkeit der Helsinki-Schlussakte 1975, der Charta von Paris 1990 und der Budapester Vereinbarung von 1994, und zwar ohne Vorbedingungen und in unterschiedlichen Formaten.

Solange diese Konferenz tage, solle auf beiden Seiten auf jede militĂ€rische Eskalation verzichtet und beiderseits der Grenze zwischen der Russischen Föderation und ihren westlichen Nachbarn keine weiteren Truppen und Infrastruktur stationiert werden. Zugleich plĂ€dieren die Autoren fĂŒr die vollstĂ€ndige wechselseitige Transparenz bei MilitĂ€rmanövern.

Der Nato-Russland-Dialog solle ohne Konditionen auf politischer und militĂ€rischer Ebene wiederbelebt werden. Dazu zĂ€hle auch ein Neuansatz fĂŒr die europĂ€ische RĂŒstungskontrolle, da mittlerweile sĂ€mtliche wesentlichen VertrĂ€ge fĂŒr die europĂ€ische Sicherheit gekĂŒndigt seien. Umso wichtiger seien alle Maßnahmen zur Schaffung von mehr Transparenz und zur Förderung des Vertrauens.

Schließlich solle "trotz der derzeitigen Lage" als Anreiz fĂŒr Russland, zu einer kooperativen Politik gegenĂŒber dem Westen zurĂŒckzukehren, ĂŒber weitergehende wirtschaftliche Kooperationsangebote nachgedacht werden.

Es sollten Win-Win-Situationen geschaffen werden, um die derzeitige Blockade zu ĂŒberwinden. – Und nun kommt der entscheidende Satz: "Dazu gehört die Anerkennung der Sicherheitsinteressen beider Seiten.

Mit RĂŒcksicht darauf sollte in Fragen der kĂŒnftigen Mitgliedschaften in Nato, EU und CSTO [3] fĂŒr die Dauer der Konferenz ein Freeze vereinbart werden." Gemeint sind hier vor allem Georgien und die Ukraine.

Es geht den Autoren also zusammengefasst darum, die Logik der Eskalation zu durchbrechen, die aktuelle Situation zu entschĂ€rfen und einen Freiraum zu schaffen, in dem Kontakte wieder geknĂŒpft und, wenn es positiv laufen sollte, das Vertrauen Schritt fĂŒr Schritt rekonstruiert werden könnte.

Im optimalen Falle könnte am Ende eine neue europÀische Sicherheitsstruktur stehen, die das zentrale Prinzip der Charta von Paris [4] wieder aufnÀhme: "Sicherheit ist unteilbar, und die Sicherheit jedes Teilnehmerstaates ist untrennbar mit der aller anderen verbunden."

Eine breite Diskussion ist fÀllig

Beim Lesen dieses bemerkenswerten Textes atmet man förmlich auf: Endlich ein realpolitischer Ansatz fĂŒr eine intelligente Politik statt der ewigen kontraproduktiven ‚Werte-GebetsmĂŒhle‘, die jetzt auch die neue deutsche Außenministerin ebenso forsch wie unreflektiert bedient! Und zwar von Persönlichkeiten, die ĂŒber einen gewissen Einfluss verfĂŒgen.

Der Appell kommt exakt zum richtigen Zeitpunkt, zu einem Augenblick, wo möglicherweise auch im VerhÀltnis zwischen dem US-amerikanischen und dem russischen PrÀsidenten etwas in Bewegung [5] gekommen sein könnte.

In den vergangenen Jahren wurden die Themen Frieden und AbrĂŒstung in Deutschland eher von den RĂ€ndern besetzt. Dieser Text aber, und das macht seine Brisanz aus, hat das Potenzial breitere Bevölkerungskreise zu erreichen – wenn er kommuniziert wird 


Das Papier und seine Grundgedanken sollten daher schnellstmöglich als Start fĂŒr eine breite Lösungsdiskussion in der deutschen, westlichen und russischen Öffentlichkeit, besser noch: als Ausgangspunkt einer lĂ€ngst ĂŒberfĂ€lligen zivilgesellschaftlichen Initiative fĂŒr militĂ€rische Deeskalation genutzt werden.

Weitergehende Konzepte und Lösungen – VorschlĂ€ge dazu gibt es seit Langem [6] – können spĂ€ter in einer entspannteren AtmosphĂ€re entwickelt und angegangen werden, wenn die akute Gefahr gebannt ist.

Nun sind also nicht zuletzt die Zivilgesellschaften gefragt. Selbst die besten Ideen verbreiten sich bekanntlich nicht von alleine.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-6298575

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.karenina.de/news/kein-krieg-wegen-ukraine/
[2] https://www.global-review.info/2021/12/06/get-out-of-the-escalation-spiral-for-a-new-beginning-in-the-relation-with-russia-december-5th-2021-appeal-from-former-german-generals-and-ambassadors/
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_des_Vertrags_%C3%BCber_kollektive_Sicherheit
[4] https://www.bundestag.de/resource/blob/189558/21543d1184c1f627412a3426e86a97cd/charta-data.pdf
[5] https://www.heise.de/tp/features/USA-und-Russland-Neuaufteilung-der-Welt-6293086.html
[6] https://ostexperte.de/neue-entspannungspolitik-unter-joe-biden/