Russlands langer Weg zum (erneuten) eigenständigen Flugzeugbau

Eine Irkut MS-21-300 am Boden

(Bild: UAC/Jakowlew )

Russlands Luftfahrtindustrie will sich von westlicher Abhängigkeit befreien. Doch der Weg zu eigenen Jets ist beschwerlich. Diesen Sommer soll der Durchbruch gelingen.

In einem Werk in Sibirien basteln Russlands Ingenieure unter Hochdruck daran, die Mittelstreckenflugzeuge der MS-21-Reihe komplett mit einheimischen Komponenten auszustatten. Bis zum Sommer soll der erste Jet fertig sein, bei dem alle bisherigen westlichen Bauteile vollständig ersetzt wurden, berichtet das Fachportal Flug Revue.

Das Ziel der sogenannten "Russifizierung" der Luftfahrtindustrie ist klar: Moskau will nach Jahrzehnten der Abhängigkeit angesichts westlicher Sanktionen schnellstmöglich wieder auf eigenen Beinen stehen – ansonsten droht ein Kollaps der heimischen Luftfahrt, die größtenteils auf US-amerikanische und europäische Jets setzt.

Doch der Weg dahin ist steinig und weit, wie die wechselhafte Geschichte der russischen Luftfahrt zeigt.

Flugzeugbau zu Sowjetzeiten

Zu Beginn der Perestroika 1985 produzierte die sowjetische Luftfahrtindustrie noch knapp 900 Flugzeuge und Hubschrauber jährlich in einem fest integrierten System von rund 2.000 staatlichen Unternehmen. Diese waren dabei auf die Produktion einheimischer Komponenten beschränkt, eine Beteiligung ausländischer Hersteller war nicht zugelassen.

Mit dem Ende der UdSSR änderte sich dies schlagartig: Die staatlichen Aufträge und Finanzierungen versiegten, die Unternehmen mussten sich in der Marktwirtschaft zurechtfinden. Im Jahr 2000 wurden in Russland gerade noch sechs Flugzeuge für die zivile Luftfahrt produziert. Die russischen Airlines kauften fast ausschließlich Boeings und Airbusse.

Fehlschlag durch zu hohe Importabhängigkeit

In den Nullerjahren entwickelte das Konstruktionsbüro Suchoi mit dem Superjet 100 (SSJ-100) ein modernes Regionalflugzeug, das jedoch zu 80 Prozent aus importierten Komponenten bestand.

Sobald die westlichen Partner eine Konkurrenz zu ihren Produkten sahen, zogen sie sich um das Jahr 2014 zurück – nur vordergründig aufgrund von Sanktionen, urteilt der russische Luftfahrtexperte Emil Boev.

"Der SSJ-100 konnte damals als gescheitertes Projekt betrachtet werden", sagt Boev. Ähnlich verhielt es sich mit dem Mittelstreckenjet MS-21 von Irkut.

Neustart mit heimischen Komponenten

Seit 2017 arbeitet Russland an neuen Versionen beider Jets, bei denen sämtliche ausländischen Komponenten ersetzt werden sollen – im Falle des Airbus-A320-Gegenstücks MS-21 sind dies immerhin gut zwei Drittel aller Teile.

36 Systeme müssen bei der MS-21 ersetzt werden, von denen 33 noch in der Erprobung sind. Vor allem bei den Triebwerken zeichnen sich Schwierigkeiten ab.

Zwar soll der in Russland entwickelte PD-14 die amerikanischen Motoren ersetzen, die Serienproduktion läuft jedoch noch nicht rund. Für den Superjet fehlt es sogar gänzlich an einem passenden einheimischen Antrieb, nachdem der PD-8 die nötigen Tests nicht bestanden hat.

Auch bei den Kapazitäten hakt es noch: Bis Ende 2026 soll das Kazan-Werk 20 Regionalflugzeuge der Tu-214-Reihe jährlich herstellen können. Allerdings werden die dafür vorgesehenen PS-90A-Triebwerke ebenfalls dringend für Militärmaschinen benötigt.

Mühsamer Neuaufbau der Zulieferindustrie

Für den Flugzeugbauer Irkut ist der Umbau der MS-21 und des Superjet nur der Anfang. "Im Zuge deren Entwicklung und Serienproduktion wurde das Zuliefernetzwerk praktisch wiederhergestellt. Andere Modelle werden folgen", sagt Boev.

Verantwortlich für die Projekte ist die 2006 gründete staatliche Luftfahrtholding United Aircraft Corporation (UAC), in der die sowjetischen Branchengrößen Suchoi, Irkut, Mikojan-Gurewitsch, Tupolew und Iljuschin aufgegangen sind.

Doch der Wiederaufbau einer eigenständigen russischen Luftfahrtindustrie erfordert auch die Wiederbelebung des gesamten Produktionsumfelds. Auch wenn große Fortschritte unverkennbar sind, ist offen, wann der Kreml sein ehrgeiziges Ziel erreichen kann, unabhängig von westlichen Zulieferern zu werden.

Ein wichtiger Meilenstein soll die Flugerprobung der weitgehend "störfrei" gemachten MS-21 sein, die diesen Sommer erfolgen soll. Eine Version, die erstmals vollständig ohne westliche Teile auskommt, soll in Form der MS-21rus 73057 im November abheben.