Weniger Gas im Tank: EU erwägt Kurswechsel bei Speicherpflicht

Die EU-Kommission plant eine Lockerung der strengen Gasspeicher-Vorgaben. Statt der bisherigen 90 Prozent könnten ab 2025 niedrigere Füllstände ausreichen.
Die Preise für Erdgas sind zuletzt deutlich gefallen: Vor zehn Tagen noch notierte der Gas-Future an der niederländischen Börse bei 58 Euro pro Megawattstunde (MWh) – am Mittwoch lag der Preis dagegen bei nur noch knapp 48 Euro.
Dieser Kursverfall zeigt den Optimismus, dass man den Winter gut überstanden hat, ohne dass die Gasspeicher in Europa einen kritischen Stand erreicht haben. Gleichwohl sind die Speicher aufgrund der Kälte und der schwachen Erträge der Windkraft weniger gefüllt als in den Jahren zuvor. Am 18. Februar waren sie noch zu 43 Prozent gefüllt, der saisonale Fünfjahresdurchschnitt liegt hingegen bei knapp 53 Prozent.
Der Optimismus könnte aber nur von kurzer Zeit sein, heißt es bei Bloomberg. Schließlich müssen die Speicher nach aktueller Gesetzeslage bis November wieder zu 90 Prozent gefüllt sein. Und es werde wohl noch einen Winter dauern, bis genügend neue Mengen an Flüssiggas (LNG) auf den Markt kommen, um die Situation nachhaltig zu entspannen.
EU erwägt Lockerung der Speicherziele ab 2025
Mit einem erneuten Anstieg der Gaspreise ist deshalb zu rechnen. Telepolis hatte Anfang Februar über die brisante Lage berichtet: Es muss deutlich mehr Erdgas eingekauft werden, um die Speicherziele zu erreichen. Aber die wirtschaftlichen Bedingungen machen es für Händler wenig attraktiv, sich in dieser Hinsicht zu engagieren.
Denn ihr Geschäftsmodell bestand bislang darin, Erdgas im Sommer zu günstigen Preisen zu kaufen und es zu speichern, um es dann im Winter zu höheren Preisen wieder zu verkaufen. Laut Prognosen liegen die Sommerpreise über den Winterpreisen, was für Händler ein Verlustgeschäft bedeuten würde.
Um den Druck aus dem Markt zu nehmen und damit auch die Preise zu senken, hatten einige EU-Länder mit Deutschland an der Spitze vorgeschlagen, die Speicherziele abzusenken. Und dem kommt die EU-Kommission jetzt entgegen.
In einem Entwurf des "Clean Industrial Deal", über den Bloomberg berichtet, heißt es, dass man "eine koordiniertere und flexiblere Befüllung der Gasspeicher" fördern wolle und das auch mit dynamischen Zielen. Ziel sei es, "die mit der Wiederauffüllung der Gasspeicher verbundene Systembelastung zu verringern". Konkrete Zahlen nennt das Papier demnach aber nicht.
Sorge vor Versorgungsengpässen bleibt vorerst
Kritiker hatten das Absenken der Speicherziele mit einer Wette auf den nächsten Winter verglichen. Sollten die Temperaturen dann wieder auf das aktuelle Niveau absinken, also: wenn es ein normal-kalter Winter wird, dann stünde Europa vor denselben Herausforderungen wie in dieser Heizsaison. Dann hätte man aber weniger Reserven in den Speichern, einen umkämpften LNG-Markt und wohl zu wenige LNG-Terminals, um den Bedarf just-in-time decken zu können.
Das französische Unternehmen Engie gibt laut Bloomberg allerdings Entwarnung. Wenn die Speicher zu mindestens 80 Prozent gefüllt seien, dann könnte man auch die nächste Heizperiode ohne Engpässe überstehen.
Ein Absenken der Füllstände auf 80 Prozent im Vergleich zu den aktuellen 90 Prozent entspreche etwa 120 LNG-Standard-Ladungen. Das sei ungefähr so viel wie die Menge, welche die gesamte EU im vergangenen Monat importiert habe.
Ob diese verringerte Nachfrage ausreichen wird, die Gaspreise zu senken und damit das Einspeichern wirtschaftlich lukrativ zu gestalten, wird sich zeigen müssen. Die Unbekannte in der Gleichung ist die Nachfrage in Asien, die über den Sommer hinweg wieder anziehen dürfte.
Positiv wirkt sich auf längere Sicht hingegen die Politik von Donald Trump aus. Zwar konnten bereits bestehende LNG-Projekte die Produktion erhöhen und den Druck auf die Preise lindern. Trump treibt aber auch den Ausbau der LNG-Infrastruktur voran. Hatte der frühere US-Präsident Joe Biden die Genehmigung einer Anlage in Louisiana aus Gründen des Klimaschutzes ausgesetzt, so genehmigte Trump die Anlage jetzt unter Auflagen. Für die Genehmigung dieser Anlage hatten auch deutsche Unternehmen in Washington lobbyiert.