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Wer uns nicht versteht, ist dumm

Beobachtungen zum schwierigen Verhältnis zwischen Linken und dem "gemeinen Volk" am Beispiel der taz

"Donald Trumps Wahlerfolg ist das Ergebnis einer tiefen Spaltung der amerikanischen Gesellschaft" – "Deutschland geht es gut." Wie bringt man diese beiden Narrative gedanklich zusammen?

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat es vorgemacht, indem er kürzlich auf dem Arbeitgebertag erklärte, Deutschland werde im Gegensatz zu den USA "nicht nach außen und nach innen gekennzeichnet durch eine wachsende Radikalisierung." Da in der Bundesrepublik die soziale Balance von jeher einen hohen Stellenwert genieße, so Gabriel, sei die Furcht vor einer ähnlichen politischen Entwicklung hierzulande unbegründet. Sehr praktisch für die SPD, die ihre politische Grundhaltung folglich nicht ändern muss.

Wie es aussieht, wird vorerst auch keine der anderen neoliberalen Parteien in Deutschland zu einem echten Politikwechsel bereit sein. Und die Medien? Gesetzt den Fall, dass es doch nicht ganz Deutschland gut geht und dies ein Teil der Erklärung für die Wahlerfolge der AfD ist, sollte dann nicht auch die Qualitätspresse ihre Rolle bei der Spaltung der Gesellschaft in Mitgenommene und Abgehängte überdenken?

Hier [1] und da [2] wurde diese Frage aufgeworfen, nicht erst seit Trumps Wahltriumph, und Journalisten mehr Empathie für Arme, Abgehängte und "Modernisierungsverlierer" empfohlen. Sogar bei Zeit Online wurde eingeräumt [3], dass viele Vertreter etablierter Medien in einer Käseglocke leben und die Sorgen und Nöte der unteren Schichten durch eine Filterblase wahrnehmen.

Lieber beschäftigt man sich allerdings mit der Filterblase, in der die Anhänger "populistischer" Präsidentschaftskandidaten und Parteien angeblich leben. Diese Menschen wissen einfach nicht, was gut für sie ist. Sie informieren sich aus den falschen Quellen, Facebook zum Beispiel, und folgen lieber ihren Gefühlen, statt aus den etablierten Medien Fakten, Fakten, Fakten aufzusaugen.

Das Schlagwort vom "postfaktischen Zeitalter" ist die Antwort der Mainstream-Medien auf den "Lügenpresse"-Vorwurf. Ein Totschlagargument soll das andere stumpf machen. Wer sich der postfaktischen Argumentation schuldig macht, hängt nicht von den Fakten ab, sondern von der Definitionsmacht. Wenn etwa Dorothea Siems von der "Welt" wie unlängst bei "Maischberger" erklärt, Deutschland stehe kurz vor der Vollbeschäftigung, dann stimmt das zwar nicht, selbst wenn man die offizielle Arbeitslosenstatistik zugrunde legt. Als postfaktisch gilt ihre Aussage dennoch nicht, da Siems mit Sicherheit keine Populistin ist.

Der Mainstream, dem sie angehört, umfasst selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als unkonventionell präsentierte Zeitgenossen wie Bela B von den Ärzten, der im "Neo Magazin Royale" erklärte: "Uns geht's total gut in diesem Land. Wir haben die geringste Arbeitslosenzahl seit der Wende." Entsprechend ratlos zeigte sich der "Punkrocker", wie man mit AfD-Anhängern und sonstigen Populisten sinnvoll diskutieren könnte. Derweil streitet die Meinungselite über geeignete Strategien, um dem Populismus wirkungsvoll entgegenzutreten: weniger oder besser noch mehr Political Correctness, eine stärkere Reglementierung von Facebook oder eine emotionalere Ansprache jener Menschen, die sich abgehängt "fühlen" und nicht wahrhaben wollen, wie gut es ihnen geht.

"Große Teile des Volkes sind dumm"

Alle diese Lösungsvorschläge basieren auf derselben weit verbreiteten Denke, die der Fernseh-Politologe Herfried Münkler kürzlich in einem Interview [4] ausplauderte: "Große Teile des Volkes, die sind nicht besonders informiert, geben sich auch keine Mühe, glauben aber dafür umso besser genau zu wissen, was der Fall ist. Also: sie sind dumm […]."

Wenn es ein Medium gibt, das Arme nicht automatisch für dumm hält und Abstiegsängste und Klagen über soziale Ungerechtigkeit ernst nimmt, dann doch sicher das "große linke Nachrichten-Portal", wie die Berliner "tageszeitung" ihren Online-Auftritt nennt? Hier und da ist dort tatsächlich ein Anflug von Erkenntnis auszumachen, etwa bei Stefan Reinecke, der, um den Aufstieg der Rechtspopulisten aufzuhalten, "eine entschlossene Politik für höhere Mindestlöhne, […] höhere Steuern für Reiche und mehr Aufstiegschancen für Ärmere […]" fordert [5], zugleich allerdings dem Linkspopulismus als Antwort auf den Rechtspopulismus à la Lafontaine und Wagenknecht eine Absage erteilt.

Oskar Lafontaine und Sarah Wagenknecht haben ohnehin einen schweren Stand bei der taz. Bleibt die Frage, wer, außer Wagenknecht, Reineckes Forderungen glaubhaft verkörpern und durchsetzen soll. Sigmar Gabriel und Andrea Nahles können es schon mal nicht, meint der Autor. Im Ungefähren bleibt auch Barbara Dribbuschs Kommentar zum Entwurf des fünften Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung unter der Überschrift "Gefühlte Katastrophen" [6]. Gibt es wirklich mehr Armut oder ist das vielleicht doch alles nur ein Stück weit gefühlt? Man weiß es nicht.

Was man als regelmäßiger Leser der taz allerdings weiß, ist, für welche Art von Armen sich dieses Blatt interessiert. Geht es etwa um "strengere Hartz-IV-Sanktionen" [7], häufigere Überprüfung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse von ALG-II-Empfängern und deren Mitbewohnern [8] oder um Kritik an der Vermittlungsarbeit der Jobcenter [9], dann begnügt sich die taz in der Regel damit, die passende Agenturmeldung abzupinnen.

Soziale Probleme werden erst interessant, wenn sie Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder LSBTTIQ betreffen

Interessant wird es für das Blatt, wenn Flüchtlinge Probleme mit der Hartz-IV-Bürokratie [10] haben, etwa der Syrer, "der viele Handwerke beherrscht", nach deutschen Maßstäben nur leider keines richtig, oder der Afrikaner, "der neben dem Bus das Geld der Fahrgäste einsammelte. Auch dafür gibt es in Deutschland keinen Begriff, weil es den Beruf nicht gibt." Dass und wie die Autorin ausgerechnet anhand solcher Beispiele das Job-Profiling der Jobcenter kritisiert, vermittelt den Eindruck, sie glaube, dass es normalerweise wenig daran auszusetzen gäbe. Wenn die taz sonst die Probleme von Arbeitslosen personalisiert, dann in aller Regel in Gestalt von Akademikerinnen.

Ob Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit oder Wohnungsnot, soziale Probleme werden für das Zentralorgan der Grünen erst interessant, wenn sie Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder LSBTTIQ (lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen) betreffen. Denn die anderen, "alte weiße Männer" zum Beispiel, sind, der neoliberalen Logik gemäß, selbst schuld, wenn es ihnen nicht gut geht. Sie werden ja nicht diskriminiert.

Hat man diese Denke erst einmal verinnerlicht, dann erspart man sich lästige Zweifel an der eigenen linken Gesinnung, wenn man beispielsweise fordert: "Besteuert endlich das Schnitzel" [11]. Essen "Hartz-IV-Empfänger" nicht eh zu viel Fleisch? Und sollten sie sich, sofern sie über keinen Migrationshintergrund verfügen, nicht dringend einmal mit der Debatte um Critical Whiteness befassen, um sich ihre Privilegien als Weiße bewusst zu machen? So wie der "Penner" auf dem Bahnsteig der U-Bahn, der eine taz-Autorin rassistisch beschimpft haben soll, was diese als Ausdruck "gesellschaftlicher Machtverhältnisse" [12] interpretiert.

Während heterosexuelle weiße Männer ohne Migrationshintergrund also per definitionem keinen Grund zur Klage haben, ist kein Problem von Angehörigen anerkannter Opfergruppen zu gering, um nicht in epischer Breite diskutiert zu werden. Breiten Raum gibt die taz etwa immer wieder den Luxusproblemen von Frauen in der Filmbranche, ob diesseits [13] oder jenseits [14] des Atlantiks.

Erschüttert wird das grüne Weltbild nur, wenn sich zwei als schützenswert betrachtete Gruppen in die Quere kommen, Flüchtlinge und Frauen beispielsweise [15]. Dann ertönt reflexartig der Ruf nach strengerer Beachtung der Political Correctness, um das Problem zumindest rhetorisch aus der Welt zu schaffen. Migranten und "People of Color" scheinen generell einen etwas höheren Schutzstatus zu genießen als Frauen.

Zwar wählten deutlich weniger Frauen als Männer Trump, doch unter den weißen Frauen bekam er mit 53 % immer noch die Mehrheit. Hengameh Yaghoobifarah schließt [16] daraus messerscharf, die weißen Wählerinnen Trumps hätten "an erster Stelle als weiße Personen" agiert und es an Solidarität mit "Women of Color", "Schwarzen Frauen", "Frauen mit Behinderungen", mit Jüdinnen, Musliminnen etc. vermissen lassen. Fazit: "Das Misstrauen gegenüber weißen Frauen hat sich bewährt: Ihnen ist intersektionaler Feminismus scheißegal. Lieber machen sie sich zu Komplizinnen von Vergewaltigungskultur als von jenen Menschen, die ebenfalls von weißen Männern unterdrückt werden."

Die Leserkommentare – so heißen sie wirklich, nicht LeserInnenkommentare – unter dem letztgenannten Artikel lassen erahnen, dass selbst eingefleischte taz-Leser sich ein wenig schwertun mit dem intersektionalen Feminismus. Wenn so manche Menschen, nicht nur aus der Unterschicht, mit den Grabenkämpfen zwischen linken Splittergruppen nichts anfangen können, kommen dafür zwei Gründe in Frage: Entweder sie sind zu dumm dafür oder sie haben einfach andere Probleme, etwa wo das Geld für die nächste Miete oder die Stromrechnung herkommt.

Dass es nur an ihrer Dummheit liegen kann, lässt sich am einfachsten nachweisen, wenn man ihre finanziellen Sorgen und Zukunftsängste ignoriert. So wie Yaghoobifarah oder auch Ulrich Schulte, der den Wahlerfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern mit Standardfloskeln kommentierte [17]: "Wir befinden uns im postfaktischen Zeitalter. Wichtig ist für viele Menschen nicht mehr, was stimmt – sondern was ihr eigenes, von der Komplexität der Welt überfordertes Gemüt bewegt."

So lässt sich der Vorwurf, Linke würden die Probleme der Unterschicht und der vom Abstieg bedrohten Mittelschichtsangehörigen ignorieren, spielend kontern, gerade indem man sie ignoriert. Ausländerfeindlichkeit kann in dieser Sichtweise nur die Folge gefühlter Probleme sein, für die Prekariatsangehörige und "besorgte Bürger" einen Sündenbock suchen. Rechtsradikale, rechte Populisten, Arbeitslose und Leiharbeiter, vor dem inneren Auge verschwimmt das alles zu einer braunen Soße, bestehend aus durch und durch dummen und bis ins Mark rassistischen Menschen.

Ungefähr so liest sich die von Unterschichtsverachtung triefende Tirade [18] in der Rubrik "Die Wahrheit", die Uli Hannemann wie folgt einleitet: "Wir sind schuld. 'Wir', das sind Linke oder Liberale mit Abitur, Freischwimmer und schmalem Vorstrafenregister. Wir sind schuld an Trump und an Petry, an Le Pen, Kaczyński und Orbán. Das liest man dieser Tage oft […]." Hannemann dagegen, der laut Wikipedia in Prien am Chiemsee aufwuchs und in Berlin sein Studium abbrach, verübelt offenbar den "Angsthasen", "Hirnverbrannten", "Arschlöchern" und "gesellschaftlich Abgehängten", dass sie ihre Wut über die eigentlich selbstverschuldeten Probleme an "noch Schwächeren" ausließen und "Intellektuelle" wie ihn beschimpften, statt sich "gegen die Mächtigen" zu verbünden.

Mit wem denn, möchte man fragen. Mit einer Linken, die so etwas wie gesamtgesellschaftliche Solidarität gar nicht mehr auf dem Schirm hat und stattdessen, ähnlich wie Margaret Thatcher – "There is no such thing as society" – und andere neoliberale Vordenker, nur Individuen kennt, die, wenn sie keiner anerkannten Problemgruppe angehören, ihre Probleme nur selbst verschuldet haben können? Einer Linken, die nach Auffassung [19] von Reinecke "seit Hitler […] dem gemeinen Volk, das widerstandslos zum Komplizen eines alle Maße sprengenden Verbrechens wurde", misstraut? Die sich, ähnlich wie schon die Judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa im Filmklassiker "Das Leben des Brian", vorwiegend gegenseitig bekämpft und sich statt mit realen Problemen lieber mit Mindfuck beschäftigt?


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https://www.heise.de/-3528037

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.srf.ch/news/international/us-wahlen/trump-debatte-widerspiegelt-egozentrik-des-journalismus
[2] http://cicero.de/berliner-republik/reaktionen-auf-die-uswahl-die-bankrotterklaerung-eines-ganzen-milieus
[3] http://www.zeit.de/2016/33/demokratie-klassenduenkel-rassismus-populismus/komplettansicht
[4] http://www.deutschlandradiokultur.de/politikwissenschaftler-herfried-muenkler-grosse-teile-des.990.de.html?dram:article_id=371845
[5] http://www.taz.de/Den-Aufstieg-der-Rechten-aufhalten/!5340065/
[6] http://www.taz.de/Armut-in-Deutschland/!5351214/
[7] http://www.taz.de/Strengere-Hartz-IV-Sanktionen-geplant/!5336815/
[8] http://www.taz.de/Ueberpruefung-von-Hartz-IV-Haushalten/!5332258/
[9] http://www.taz.de/Jobcenter-in-der-Kritik/!5358896/
[10] http://www.taz.de/Miserables-Job-Profiling-fuer-Fluechtlinge/!5326288/)'
[11] https://www.taz.de/Kommentar-Weniger-Fleisch-essen/!5357388/
[12] http://www.taz.de/!5353892/
[13] http://www.taz.de/!5023239/
[14] http://www.taz.de/Gleichstellung-in-der-Filmbranche/!5355119/
[15] http://www.taz.de/Berichterstattung-ueber-Silvester-in-Koeln/!5360402/
[16] http://www.taz.de/Wahlentscheidung-weisser-Frauen/!5353454/
[17] http://www.taz.de/Kommentar-Landtagswahl-in-Meck-Pomm/!5337124/
[18] http://www.taz.de/Die-Wahrheit/!5353802/
[19] http://www.taz.de/Den-Aufstieg-der-Rechten-aufhalten/!5340065/