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  • vollbio

mehr als 1000 Beiträge seit 20.02.2007

Re: Ist das denn so abwegig?

the observer schrieb am 31. August 2015 10:20
> berufskonsument schrieb am 31. August 2015 10:05

> > Es ist schon bemerkenswert, dass Herr Bax offenbar nicht zwischen
> > Menschen und deren Ansichten unterscheiden mag. 

> Muß man diesen Unterschied tatsächlich immer treffen? Es gibt
> Ansichten, die man tolerieren kann - also hinnehmen, obwohl man
> selbst einer anderen Ansicht ist - , und es gibt Ansichten, die sind
> mit der Menschenwürde nicht vereinbar und die nicht hinnehmbar sind.

Wenn es um Religion geht, muss man tatsächlich diese Unterscheidung
immer treffen. Ich gehe davon aus, dass die meisten Christen und
Moslems keine Ahnung von den zentralen Glaubenslehren ihrer
Religionsgemeinschaft haben. Die meisten haben nur sehr vage
Vorstellungen, die allzu oft mit vorchristlichen bzw. vorislamischen
Traditionen vermengt werden. In nicht wenigen Fällen dient Religion
nur als Beruhigungsmittel, um von Gedanken über das Leben an sich und
den Tod abzulenken bzw. über den Verlust naher Angehöriger
hinwegzutrösten.

Wenn man Christen auf die abscheulichen Stellen der Bibel, vor allem
im Alten Testament, anspricht, kommt als Antwort gern mal die
Behauptung, dass Jesus das alles "in der Bergpredigt" aufgehoben
hätte und dass die Bergpredigt doch wunderschön wäre. Nett und
freundlich ist aber allenfalls die Hälfte der Bergpredigt, vor allem
die Seligpreisungen. Dass in der anderen Hälfte von Matthäus 5-7 ein
geradezu unmenschlicher moralischer Rigorismus gepredigt wird (es ist
schon Ehebruch, wenn man beim Anblick einer Frau lüsterne Gedanken
hat - es ist schon Mord, wenn man gegenüber einem anderen Menschen 
böse Gedanken hat) wissen die meisten Christen gar nicht, manche
verdrängen es auch völlig.

Dass Jesus "in der Bergpredigt" die abscheulichen Teile des Alten
Testaments aufgehoben hätte, ist so auch nicht richtig. Der Jesus in
der Version von Matthäus sagt in Kapitel 5:17-18 das genaue
Gegenteil.:

Eine vergleichbare Rosinenpickerei habe ich auch schon bei Moslems
erlebt. Von gutwilligen Moslems wird gern darauf verwiesen, dass
Mohammed das Gebot offenbart wurde, mit den Leuten der Schrift (also
Christen und Juden) Frieden zu halten. Für theologische Feinheiten
wie die Frage, ob diese Offenbarungen durch spätere Offenbarungen
aufgehoben wurden, interessiert sich der gemeine Moslem genauso wenig
wie sich der gemeine Christ für unbequeme Stellen in den
Paulusbriefen interessiert.

> Letztlich lassen Ansichten, Überzeugungen auf den Charakter des
> Menschen schließen,

Klar. Aber gerade Religionen sind so voller Widersprüche, dass man
aus den Überlieferungen alles und nichts herauslesen kann, wenn man
will. Bei der Religion muss man immer fragen, was der Einzelne daraus
macht.

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