Inflation in Deutschland: Teuer ist es vor allem für die Armen

Viele lebensnotwendige Güter kosten heute deutlich mehr als vor einem Jahr, doch nicht alle sind gleich betroffen. Höhere Zinsen sollen Inflation senken. Warum die Gewerkschaften davor warnen.

Ein Jahr nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine wirkt es schon fast banal, auf die steigenden Preise in Deutschland hinzuweisen. Der Krieg an sich, aber auch die westlichen Sanktionen gegen Russland haben Waren aller Art in Deutschland teurer werden lassen.

Das Statistische Bundesamt veröffentlichte kürzlich die Daten zur Inflation in Deutschland. Die Teuerungsrate lag im Februar dieses Jahres bei 8,7 Prozent.

Es sind vorwiegend die Menschen mit geringen Einkommen, die mit den steigenden Preisen zu kämpfen haben. Das Institut für Makroökonomik und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erklärte am Mittwoch:

Familien sowie Alleinlebende mit jeweils niedrigen Einkommen hatten im Februar mit je 9,9 Prozent die höchste Inflationsbelastung zu tragen, Alleinlebende mit sehr hohen Einkommen mit 7,4 Prozent die mit Abstand niedrigste.

IMK

Das verwundert nicht, denn armen Menschen müssen einen höheren Anteil ihres Einkommens für Essen und Energie aufwenden. Und es sind diese Güter, welche die Inflation besonders antreiben.

Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat um 21,8 Prozent. Besonders hoch fiel der Anstieg bei Grundnahrungsmitteln aus: Molkereiprodukte und Eier verteuerten sich um 35,3 Prozent, Brot und Getreideerzeugnisse um 24,3 Prozent, Fisch um 22,8 Prozent, Zucker um 69,9 Prozent.

Strom, Erdgas und Fernwärme verteuerten im selben Zeitraum im Schnitt um 19,1 Prozent – trotz der Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung.

Nach Ansicht des IMK gibt es neben dem Krieg in der Ukraine noch einen weiteren Grund dafür, dass Waren und Dienstleistungen teurer werden: Die Profite der Unternehmen steigen.

Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des IMK, erklärte, dass sich in den Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zeige, dass die Gewinne von Unternehmen zuletzt in vielen Wirtschaftsbereichen stärker gestiegen seien als die gesamtwirtschaftliche Teuerung.

"Damit sind Gewinnsteigerungen zunehmend zum Inflationstreiber geworden. Auffällig ist das etwa in den Bereichen Transport, Handel und Gastgewerbe, Bau und Landwirtschaft", so Dullien weiter.

In einem Aufsatz hatte sich Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in vergleichbarer Weise dazu geäußert. In einigen Bereichen hätten Unternehmen die Gunst der allgemeinen Preissteigerungen genutzt, um ihre Gewinne zu erhöhen. Seinem Eindruck nach nehmen viele Unternehmen den Kostenschub auch als Vorwand, "durch eine noch stärkere Erhöhung ihrer Absatzpreise auch ihre Gewinnsituation zu verbessern".

Die Europäische Zentralbank (EZB) versucht unterdessen, die Inflation mit steigenden Zinsen zu senken. Am Donnerstag verkündete sie ihre Entscheidung, den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte anzuheben.

Die Schattenseite der Zinsanhebungen sind Turbulenzen auf den Märkten. Nicht nur die Banken geraten zunehmend unter Druck, sondern auch der Immobiliensektor, die Tech-Branche oder gar Staatshaushalte. Vor möglichen negativen Effekten hatte deshalb am Donnerstag auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gewarnt.

"Die Kollateralschäden einer weiteren geldpolitischen Straffung wären enorm", sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell dem Handelsblatt. "Die EZB unterschätzt die schädlichen Folgen des hohen Leitzinses auf die Wirtschaft."

Die Auswirkungen seien schon jetzt deutlich zu spüren, so Körzell. Er verwies darauf, dass die Wohnungsbaukredite einbrächen, was die Bauwirtschaft bereits getroffen habe. In anderen Sektoren habe sich die Kreditvergabe verlangsamt, zudem würden die Refinanzierungskosten für die öffentlichen Haushalte steigen.

Unter diesen Voraussetzungen sei ein Rückgang der Investitionstätigkeit absehbar, "was kurz- und langfristig negative Auswirkungen für Wirtschaft, Klima und Arbeitsplätze" habe. Mit anderen Worten: Die Inflation ist dann vielleicht gesenkt worden, dafür könnten viele ihren Arbeitsplatz verloren haben.

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