ARD vs. ZDF: Wie unterschiedlich Deutschlands Nachrichten wirklich sind
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Gleiche Themen, andere Dramaturgie: Der Nachrichtentag zeigt, warum Konkurrenz im öffentlich-rechtlichen System nötig ist.
Am Donnerstag war ARD-"Nachrichtentag". Das führte zu allerhand Aktionen für jüngeres potenzielles Publikum, und zu einem Zweiminüter am Ende der 20.00 Uhr-Tagesschau. Der erfüllte vielleicht nicht unbedingt die Kriterien, relevant über Neues zu berichten. Aber etwas Eigenwerbung ist ja okay. Wie also waren die Nachrichten am Nachrichtentag?
Am besten beurteilen lässt sich das anhand der moderierten Nachrichtenmagazine am späteren Abend.
Das heute-journal und die Tagesthemen stehen immer mehr im Fokus. Kürzlich hatte sich das ZDF mit mit einem heute-journal-Beitrag über die US-Einwanderungsbehörde ICE, der KI-generierte Szenen enthielt, viel, durch Dunja Hayalis Anmoderation noch verschärften Ärger eingehandelt.
Der WDR-Programmdirektor und Wahlabend-Zeremonienmeister der ARD, Jörg Schönenborn, will, nachdem ihm der hierarchische Karriereschritt zum Intendant nicht gelungen war, nun noch Tagesthemen-Moderator werden. Und der als junger TT-Moderator bekannt gewordene Helge Fuhst trat gerade als Chef-Journalist der deutschen Springer-Medien an.
Live eine Nachrichtensendung zu moderieren, die mit vielen komplexen Problemlagen umgehen muss, zählt zu den herausforderndsten Aufgaben im Fernsehjournalismus.
Was ging im ZDF-heute-journal?
Am Donnerstag begann das heute-journal, moderiert von der stellvertretenden Chefredakteurin Anne Gelinek, die auch die Entschuldigung nach dem KI-Aufreger vorgetragen hatte, mit dem EU-Gipfel in Brüssel: Kanzler Merz und Frankreichs Präsident Macron und dann auch weitere Regierungschefs gehen, von oben gefilmt, über einen roten Teppich.
Der Zusammenhalt der EU gegenüber den USA funktioniert gerade leidlich, ist der Tenor. Bloß Ungarns Ministerpräsident Orbán sorgt weiter für Ärger. Im anschließenden Kollegengespräch mit Gellinek zeigt sich Brüssel-Korrespondent Ulf Röller meinungsstark: Ein "neuer Tiefpunkt" der Beziehungen zwischen der EU und den USA bahne sich an; wenn Orbán, der "Mini-Trump", die ungarische Wahl im April doch noch gewinne, bekomme die EU ein "wirklich großes Problem".
Erst im zweiten Beitrag ging's um die komplexe, schwer kompakt darzustellende Kriegslage im Nahen Osten. Zu sehen sind Hochkant-Aufnahmen von Rauchwolken auf Gasfeldern, der saudi-arabische Außenminister, der martiale US-amerikanische Kriegsminister Hegseth, und ein paar Bilder von Bombenschäden im Iran mit Voxpops – ohne Hinweis darauf, wie sie entstanden sind.
Dabei hatte Korrespondentin Golineh Atai kurz zuvor per X-Post auf "zero visibility for Iran‘s people" hingewiesen. Hinweise auf Hinrichtungen junger Oppositioneller, die das islamistische Regime am Tag vollzogen hatte (FAZ), fehlten ebenfalls. Die Börse "reagiert empflindlich" auf Bomben auf die Energieinfrastruktur, berichtete eine Börsenreporterin aus Frankfurt am Main.
Im dritten, ungewohnt langen heute-journal-Beitrag schaltete das ZDF ganz in die Nähe. Anlässlich der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am Sonntag, nach frischen Umfragen (die das ZDF inzwischen, anders als früher, auch noch kurz vor den Wahlen veröffentlicht), meldete sich Dunja Hayali live aus einer Berufsschule in Kaiserslautern.
Um Bildung und Schule als laut ZDF wichtigstes Wahlkampfthema ging es. Während kurze Schüler-Äußerungen eher wenig hergaben, benannte Hayalis Bericht tatsächlich Probleme. Die Realschule in Ludwigshafen, die nicht nur durch Reizgas-Attacken zum Nachrichtenthema wurde, kommt vor. Ein junger Schwarzer nennt in der Fußgängerzone das Problem, "dass wir sehr viele Migranten haben".
Während Herausforderer Schnieder (CDU) ein verpflichtendes Kitajahr für alle vor der Grundschule fordert, zeigt sich Ministerpräsident Schweitzer (SPD) zufrieden mit der Bildungspolitik, derentwegen es in seinem Land etwa so viele Lehrer wie noch nie gebe. "Gut, dass wir kein Geruchsfernsehen haben", sagt Hayali aber im selben Bericht, als sie gemeinsam mit dem Schulleiter ins renovierungsbedürftige Berufsschulen-Kellergeschoss steigt. Die Gleichzeitigkeit vieler Probleme überfordere gerade die Schulen, lautet ihr Fazit.
Dass die Gewaltvorfälle an Schulen in Rheinland-Pfalz "keine Einzelfälle" sind, sagt sie dann auch noch.
Klingt fast, als wolle sie den Vorwurf des "grün durchhauchten politaktivistischen Ansatzes", den "die" FAZ gerade gegen sie erhob, entkräften.
Wobei sie wie auch ihr Gesprächspartner vom Verband Bildung und Erziehung betonen, dass es sich um gesamtgesellschaftliche, nicht allein mit Migrationhintergründen verknüpfte Probleme handele – selbst bei schlechten Deutschkenntnissen. Solch scharfe Problembeschreibungen mitten im Inland sieht man eher selten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Zu Rheinland-Pfalz im ZDF (in dessen Verwaltungsrat die Mainzer Regierung den Vorsitz innehat, derzeit Ex-MP Malu Dreyer) schon gleich gar nicht.
Wie im Programmschema vorgesehen: Kaum endete die Nachrichtensendung des ZDF mit dem Wetterbericht, begann die der ARD.
Was ging in den ARD-Tagesthemen?
Die "neue Stufe der Eskalation" im Nahen Osten sei "kaum absehbar" in ihren Folgen, nicht nur für die Weltwirtschaft, setzte in den Tagesthemen Jessy Wellmer gleich einen ernsten Ton. Folglich begannen die Tagesthemen mit dem Überblicksbericht dazu.
Anschließend befragte die Moderatorin zwei der per Splitscreen zugleich eingeblendeten Reporter – beliebter, aber auch sinnvoller Kniff, das große Korrespondenten-Netz in Szene zu setzen.
Ramin Sina berichtete aus Doha, dass katarischen Angaben zufolge die Reparaturarbeiten am nun beschädigten Gas-Förderfeld Jahre dauern und die Preise langfristig erhöhen dürften. Kerstin Klein berichtete aus den USA, es sei "völlig unklar", ob der Kongress, der ja bisher überhaupt nicht zum Kriegseinsatz gegen den Iran gefragt wurde, die nun von der Regierung gewünschten 200 Milliarden Dollar bewilligen werde.
Wobei man im Hinterkopf behalten sollte, dass öffentlich-rechtliche Reporter Trumps Regierung, zumal in seiner zweiten Amtszeit, sehr oft kurz vorm Scheitern sahen und bisher (leider) noch nie recht hatten.
Zweites ARD-Tagesthema war das Topthema der ZDF-Sendung: der EU-Gipfel. Hier werden Merz und Macron nicht von oben gefilmt, sondern von der Seite. Der rote Teppich gerät nicht ins Bild. Auch hier wird die Korrespondentin, nun Tina Hassel, nach ihrem Bericht befragt. Orbáns Veto gegen den Ukraine-Kredit wurde von anderen EU-Regierungschefs als "Verrat" bezeichnet, sagt sie, und stelle ein "großes Problem" für die EU und ein "ganz großes" für die Ukraine dar.
Die nach Startschwierigkeiten inzwischen sehr souveräne Moderatorin Wellmer kriegt die Überleitungen gut hin. Das russische Regime profitiert von EU-Uneinigkeit wie von hohen Gaspreisen.
Wie es sich in seinen Staatsmedien darstellt, ist das folgende Thema. Gezeigt wird, wie Präsident Putin im Fernsehen die heimgekehrten Paralympics-Teilnehmer begrüßt und sich über die dank ihnen gelungene "Rückkehr der Symbole Russlands auf die internationale Bühne" freut. Bei Siegerehrungen waren die russische Fahne zu sehen und Hymne zu hören.
Bei Korrespondentin Ina Ruck ergeben sogar die oft überstrapazierten Voxpops Sinn. Lässt sich aus scheinbar affirmativen Aussagen befragter Passanten Kritik heraushören?
Und noch eine Rückkehr des Aggressors auf die internationale Bühne steht bevor: Bei der Kunstbiennale in Venedig wird nach vier Jahren der russische Pavillon wieder öffnen. Trotz viel Kritik auch der italienischen Regierung setzt Biennale-Präsident Buttafuoco auf "kulturelle Waffenruhe". Eröffnet wird am 9. Mai – der in Russland als Tag des Weltkriegs-Siegs gegen Nazi-Deutschland gefeiert wird.
Hier sind die Tagesthemen also früh dran. Und haben insgesamt einen vielfältig-vielstimmigen, dennoch zusammenpassenden Themenmix hingekriegt.
Woran drei weitere Themen nichts ändern. Es geht dann noch um die traditionsreiche deutsche Rüstungsindustrie am Bodensee und in der Regional-Rubrik "mittendrin" um "Bestattungen von Amts wegen" in München. Rund 800 Menschen ohne Angehörige müssen dort pro Jahr auf Kosten der Stadt beerdigt werden, erfährt man.
Weil mit diesem Thema nun niemand in den Audience-flow, in dem Dieter-Nuhr-Kabarett folgt, entlassen werden kann, geht es dann nochmals kurz in die weite Welt nach Südkorea, wo das Comeback der global erfolgreichen Kpop-Band BTS bevorsteht. Anlass der Pause war der Militärdienst, den die Mitglieder leisten mussten – noch ein gemeinsamer Nenner der angespannten Weltlage.
Fazit
Schlechte Nachrichten und komplexe Weltlagen sind gut für Nachrichtensendungen. Das zeigte sich am Nachrichtentag. Obwohl ZDF wie ARD teilweise, inhaltlich zurecht, dieselben Themen behandelten, taten sie das am Donnerstag mit unterschiedlichen Schwerpunkten, in unterschiedlicher Reihenfolge und sogar mit ungewohnten Perspektiven.
Die sonst nicht selten zutage tretende öffentlich-rechtliche Redundanz – wenn etwa Johann Wadephul sowohl hier als auch dort gut sieben Minuten vom Flughafen in Riad zugeschaltet wird (und man sich als Zuschauer fragen kann, ob der Außenminister in den Hauptstädten, die er immerzu bereist, als Gesprächsparter ähnlich ernst genommen wird wie von ARD und ZDF ...), zeigte sich nicht.
Genau solchen publizistischen Wettbewerb müssten die beiden öffentlich-rechtlichen Hauptsender sich häufiger liefern, wenn sie die Akzeptanz fürs Rundfunksystem halten oder sogar wieder erhöhen wollen.