Armut, Abenteuer, Autoritarismus: Afghanistan als Reiseziel?
Blick auf Kabul: Die Taliban öffnen das Land verstärkt für den Tourismus
(Bild: Wandel Guides/Shutterstock.com)
Politisch geächtet, doch touristisch erschlossen: Afghanistan setzt auf Gäste als wirtschaftliches Zugpferd. Vom Reiz und Risiko des Urlaubs bei den Taliban.
Vom Feindbild zum Fotomotiv: Kabul als Reiseziel scheint auf den ersten Blick einigermaßen absurd, immerhin steht das islamische Emirat an der Spitze der reisefeindlichsten Länder der Welt.
Tiktoken bei den Taliban ist jedoch mehr als privates Abenteurertum: Reise-Influencer kratzen am Negativ-Image. Nicht selten verdienen jene mit ihrem Content Geld. Kabul protegiert die Multiplikatoren gezielt: Steckt Kalkül dahinter?
Lerneffekt auf Afghanisch
Über Jahrzehnte herrschten Krieg und Konflikt in Afghanistan, von einer zuverlässigen Reiseinfrastruktur ist das Land weit entfernt. Doch die im Westen oftmals als rückständig präsentierten "Sandalen-Krieger" gingen ab 2021 daran, ihre Heimat sukzessive zu öffnen.
So verwundert es kaum, dass die Zahl ausländischer Besucher wieder leicht anstieg, obwohl seit 2021 keine unabhängige Tourismusinfrastruktur existiert und Frauenrechte massiv beschnitten sind (was auch bei Besucherinnen einen Anpassungsdruck erzeugt). 2024 kamen immerhin 8.000 Besucher – nach Jahrzehnten der kriegsbedingten Isolation ein Achtungserfolg.
Das Emirat wirbt indes verstärkt mit kulturellem Reichtum und historischen Stätten – eine 180-Grad-Wendung: Noch 2001, zur Zeit der ersten Taliban-Regentschaft, sprengten fanatisierte Fundamentalisten die historischen Buddha-Statuen von Bamiyan und lösten weltweit eine Welle der Empörung aus. Wer Land und Leuten eine, wenn auch religiös verbrämte, Perspektive bieten will, muss – wenigstens auf Sparflamme – internationale Kontakte zulassen.
Hintergedanken
Die Taliban haben aus ihrem ersten Scheitern entscheidende Schlüsse gezogen. Die touristische Teil-Öffnung reiht sich ein in eine längere Liste von Lerneffekten: Ein möglicher Beitritt zur chinesischen BRI, diplomatische Offerten gen Neu-Delhi sowie die ersten beiden Taliban-Konsularbeamte in Deutschland sind deutliche, wenn auch oftmals den inneren Kalkülen anderer Staaten entspringende, Ausdrücke eines gewissen Erfolgs.
Von Isolation ist man abseits von bestehenden Sanktionen – primär durch die beispielsweise in Russland erfolgte Streichung des Landes von der Terrorliste – entfernter als unter der vorigen Ägide.
Doch das Taliban-Reich zählt noch immer zu den ärmsten Staaten der Welt. 64 Prozent der Afghanen leben in Armut. Will sich das neue Regime langfristig etablieren, muss es ökonomisch liefern. Hierzu kann ein devisenbringender Tourismussektor ein Schlüssel sein. Neben Image-Politur, kann er als Soft-Skill-Propaganda-Tool verstanden werden.
Diesen für potenzielle Kunden schmackhaft zu machen, benötigt es westliche Multiplikatoren: So stellt der Fahrrad-Reisende Daniel Großhans (Thegreathans, 180.000 Follower auf Instagram) erstaunt fest, Afghanistan sei sicher, auch für Touristen. Die Reisebloggerin Valerie (300.000 Follower auf Instagram) sekundiert: "Ich hatte eine unglaublich tolle Zeit bei den Taliban."
Valerie und Hans, zwei – womöglich unfreiwillige Gesichter, einer Taliban-Agenda?
Tourismus-Masterplan?
Gegenüber der Wiener Zeitung verkündete Mohammad Saeed, Leiter der Tourismusbehörde, man wolle ein "touristisches Kraftpaket" werden. Unter anderem gründete man in der Hauptstadt Kabul ein Institut zur Ausbildung von Reiseleitern. Undenkbar, dass Saeed derartige Aussagen ohne die Goutierung der zentralen Taliban-Leitung tätigen würde.
Die Taliban machen zudem Ernst: So wurden die Visabeschränkungen vereinfacht, vier internationale Flughäfen (Kabul, Mazar-i-Sharif, Kandahar und Herat), die mehrfach wöchentlich große internationale Drehkreuze wie Dubai oder Istanbul mit dem Land verbinden, sind in Betrieb und mit staatlichen Geldern werden die kulturellen Sehenswürdigkeiten (buddhistische Stätten in Bamyan, Moscheen oder der Band-e-Mir-Nationalpark) gefördert.
Trotz diverser Sicherheitsprobleme, der Islamische Staat (IS) treibt weiterhin sein Unwesen, scheint die Strategie bislang aufzugehen.
Zwischen Adrenalin und Autoritarismus
Die Generation social media befeuert das Vorhaben. TikTok-Creator posten unter dem Hashtag #DarkTourism ihre Besuche und rufen regelrecht zum Urlaub bei den Taliban auf. Zwischen rostigen Panzern und AK47-Sturmgewehren verkommt – trotz allem schätzenswerten kulturellen Austausch – der Besuch in einem fundamentalistisch-islamischen Land zu einem Freizeitparknachmittag und die Taliban zu einer Art studentischer Wandergruppe.
Ein Anreiz liegt für die Creator auch im Materiellen: Mit neuen, gefährlicheren Inhalten, Reichweitengewinn und höheren Klickzahlen steigen die Einnahmen. Doch der vermeintlich kritische Hauch von Authentizität, Natürlichkeit und der Abgleich mit den medial vermittelten Bildern in Kombination mit Adrenalin, aufgeworfenen Moralfragen und politischem Abenteurertum bilden für Zuschauer und Anbieter die Verlockung.
Nachhaltigkeit?
Oftmals gerne preisen die Digital-Creator den karikativen Sinn ihrer Arbeit: Derartige Reisen helfen dem Land auf die Beine. Kritiker bemängeln, dass Tourismus wenig zur lokalen Entwicklung beiträgt, während die Profite internationalen Agenturen oder Fluggesellschaften zufließen. Aktuell sind Afghanistan-Reisen im höheren Preissegment anzutreffen: Ein zweiwöchiger Trip ist nicht unter 2.000 Euro vorstellbar.
Dennoch belegen Studien, dass Tourismus signifikant zur Wirtschaftsleistung beitragen kann – ein Anstieg der touristischen Ausgaben steigert das BIP –, dies muss jedoch nicht zwangsläufig nachhaltig-progressiv für die Volkswirtschaft sein.
Zwar dürften auch in Afghanistan neue Berufschancen entstehen, diese verbleiben jedoch zumeist im unteren Lohnsegment (Fahrer, Hotelangestellte oder Küchenkräfte). Versiegt der Zustrom – denkbar durch die Öffnung anderer, bislang kaum bereisbarer Staaten (Turkmenistan, Nordkorea oder Palästina) –, kann der erhoffte Effekt zum Fluch verkommen, sofern Einnahmequellen nicht diversifiziert und nachhaltig angelegt worden sind.
Instrument der Isolierten
Zwar ist bislang der Einfluss des touristischen Sektor in Afghanistan gering, doch ist ein strategisches Ziel erkennbar.
Es wird zunehmend ersichtlich, dass Taliban-Offizielle touristische Multiplikatoren als Propagandainstrumente missbrauchen, ihnen ein positiv geglättetes Bild fernab der gesellschaftlichen Realitäten präsentieren und im übergeordneten Sinne einen kaum zu unterschätzenden Beitrag zur außenpolitischen Manifestierung und internationalen Integrität leisten. Verfestigt sich ein derart unkritisch-positives Afghanistan-Bild, dürfte eine andere ausländische Deutungshoheit schwerlich zum Durchbruch kommen können.
Kritik aus der Diaspora, von Frauenverbänden oder Menschenrechtsorganisationen verhallt derweil ungehört, während gleichzeitig die jahrzehntelange westliche Sanktionierung und das Kriegsgeschehen nur randseitig vorkommen.
Die vermeintlich objektive Darstellung von Reiseeinblicken scheitert an den gesetzten Grenzen der sitten-treuen Gastgeber, zerschellt an den objektiven Kosten-Nutzen-Relationen der Influencer und reiht sich als gelenkt-touristischer Voyeurismus, in einen Bärendienst für die afghanische Zivilgesellschaft, um.