Das Iran-Dilemma? Die Anstalt zwischen Profit, Propaganda und Pro-Imperialismus

Benjamin Roth
Logo der Anstalt in der Iranfolge

Kurz nach Kriegsausbruch erklärte uns Die Anstalt, warum der Iran jetzt befreit werden muss

(Bild: ZDF/YouTube)

Satire trifft Iran-Krieg – doch Die Anstalt lieferte zuletzt Propaganda statt Analyse. Die Leerstellen der Sendung lassen aufhorchen. Eine Replik.

Am 18. März widmete sich die Satiresendung Die Anstalt unter dem Titel "Das Iran-Dilemma: Zwischen Profit, Protest und Prinzipien" der aktuellen Weltlage.

Die Folge ist sehenswert – leider vor allem jedoch als Lehrstück dafür, wie sich die Apologetik deutscher Iran-Politik selbst reproduziert. Wer wissen will, wie Stimmungsmache funktioniert, findet hier ein Anschauungsbeispiel.

Die Anstalt ist seit 2014 eine feste Größe im ZDF und hat sich einst in der Tradition Dieter Hildebrandts als intelligentes und hintersinniges Politkabarett etabliert.

Nachdem sie 2022 in einer Folge ihre früheren Aussagen in Bezug auf die europäische Russland-Politik komplett revidierte und trotz der notwendigen Kritik am Angriffskrieg damit das Kind mit dem Bade ausschüttete, ist außenpolitisch nicht mehr viel von der subversiven Substanz übrig geblieben.

Wegen einer Folge über den Ukraine-Krieg wurde ihr früher Putin-Verstehertum vorgeworfen. Diese Folge muss sich jedoch den Vorwurf des Trump- und Kiesewetter-Verstehertums gefallen lassen. Eine politische Kehrtwende?

Habt Ihr einen besseren Vorschlag als Krieg?

"Man kann nur alles falsch machen", erklärt Max Uthoff zu Beginn und überlässt das Argumentieren für den Krieg im Iran folglich der eingeladenen Comedienne Negah Amiri. Uthoff enthält sich hier einer eigenen Beurteilung und versteckt sich hinter der Perspektive der Betroffenen. Oder lässt er sie hier gar in seinem Sinne für sich sprechen?

"Jetzt, wo die US-Bomben fallen […], wo waren die Völkerrechtler davor?", fragt Amiri in ihrem Plädoyer für eine Unterstützung des Angriffs. Die rhetorische Frage unterschlägt das menschen- und völkerrechtliche Engagement nicht nur der letzten 47, sondern der letzten 81 Jahre seit Bestehen der UN. Auch in Bezug auf den Iran, mit, ohne und gegen die jeweiligen Regierungen.

"Reza Pahlavi ist der große Hoffnungsträger der Iraner", erklärt sie dem deutschen Publikum. Es ist eine Sache, dass dies nicht die Auffassung aller Iraner in Deutschland ist. Die andere Sache ist: Sich im Kampf gegen eine autoritäre Regierung auf einen neuen starken Mann zu stützen, war bereits der Fehler der iranischen Revolution von 1979.

"Habt Ihr einen besseren Vorschlag? Bessere Befreier?", fragt Amiri ihre Mitspielenden und das Publikum. Das inszenierte, betretene Schweigen auf diese Frage unterschlägt vorhandene Alternativen und stattfindende Konflikte im Iran selbst. Die Selbstbefreiung des iranischen Volkes ist möglich, wenn auch sehr schwierig. Hätte das nicht wenigstens eine Erwähnung verdient?

"Wenn Ihnen jemand eine Pistole an den Kopf hält, sind Sie doch auch früh über jeden, der den Täter überwältigt", argumentiert Amiri für ihre Unterstützung der USA.

Der Rückzug auf eine vollkommen ängstliche, kurzfristige und ergeben dankbare Position ist Teil einer Kriegsstrategie. Was hat Trump nach der "Rettung" vor? Hat er nicht auch eine Pistole in der Hand, beziehungsweise Bomben? Wie kann das iranische Volk beide Waffenträger am besten gegeneinander ausspielen?

Was nützt uns denn noch das Völkerrecht?

"Muss doch irgendwie beides möglich sein: Solidarität und Völkerrecht", wundert Uthoff sich zaghaft. Die Grundannahmen gehen fehl. Steht das Völkerrecht einer Befreiung des Irans im Weg? Ist die Kriegsführung der USA etwa solidarisch? Die Ausschöpfung ziviler völkerrechtlicher Mittel und die Förderung internationaler Solidarität von unten würden den Widerspruch aufheben. Satire könnte hier mehr Vordenken wagen und müsste nicht am Elend des Ist-Zustands verharren.

"Das Völkerrecht ist wie ein Tinder-Date. Alles kann, nichts muss", beklagt Kühl. Für diese Feststellung braucht es keine Satire. Gerade am Iran könnte aufgezeigt werden, wie die Missachtung von Vorschlägen der Vereinten Nationen es überhaupt soweit gebracht haben. Das Potenzial wird vergeben, stattdessen bekommt das Publikum einen eindeutigen Schuldigen und einen zähneknirschend akzeptierten Richter präsentiert: Den Iran und die USA.

"Krieg ist keine Lösung, aber dieses Regime führt Krieg gegen die eigene Bevölkerung und Stellvertreterkriege in den Nachbarländern", begründet Amiri die Notwendigkeit einer militärischen Intervention gegen ihr Heimatland.

Dieselben Worte könnten auch einen Krieg gegen die USA, Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate begründen. Länder, die einen erheblichen Anteil an den Stellvertreterkriegen in Irans Nachbarländern haben – sie finanzieren meist die Gegenseite.

Amiri verweist abschließend auf den "vor 80 Jahren erfolgreiche[n] US-Regime Change" in Deutschland. Sie erwähnt dabei allerdings weder die Beteiligung Frankreichs und Großbritanniens – selbst die sind dieses Mal nicht dabei – noch der Sowjetunion. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründeten sie die Vereinten Nationen. Die US-Regierung Trump stellt sie gerade infrage.

Heimlich fördern, offen bekriegen – zweimal negativ ergibt positiv

"Was Deutschland zur Stärkung des Mullah-Regimes beigetragen hat", lautet die Überschrift des Verhörs gegen Max Uthoff, nun für Deutschland auf dem heißen Stuhl. Dass nicht darüber gesprochen wurde, wie Deutschland es jahrelang bekämpft hat, ist nicht nur einseitig.

Es verpasst auch die Einsicht, dass Sanktionen einerseits und gelegentliche Deals andererseits zwei Seiten derselben Medaille waren: Der Konfliktführung aller deutschen Regierungen gegen den Iran seit 1979. Und das nicht aus humanitären Gründen, wenn man sich zeitgleich die deutsche Politik gegenüber beispielsweise Saudi-Arabien ansieht, sondern aus geopolitischen.

"Mit solchen Leuten kann man doch keinen vernünftigen Dialog führen", empört sich Kühl über Gespräche zwischen der deutschen und iranischen Regierung. Diese Gespräche haben den aktuellen Krieg vielleicht um 20 Jahre verzögert. Ihr Misslingen, nicht ihr Stattfinden, ist das Problem.

Sie erinnert auch an den "Iran-Irak-Krieg, in dem der Iran 100.000 Kinder in den Tod geschickt hat". Dass die Bundersregierung den Irak mit Waffenlieferungen unterstützt hat, sagt sie nicht. Warum schickt der Iran Kindesoldaten an die Front? Der Irak hatte weniger Leute, aber bessere Waffen.

"Bist Du als Gegner des iranischen Regimes automatisch ein Freund von Donald Trump?", fragt der Comedian Sebastian 23 in seinem Sketch. Die geostrategische Antwort lautet leider: Ja. Man kann die "Ambivalenzen" dieser Tatsache in die eine oder in die andere Richtung "aushalten". Oder ihn durch Solidarität von unten aufzuheben versuchen.

Wo war eigentlich die politische Linke?

"Wo waren Sie in den letzten 47 Jahren", fragt Kühl den Verhörten Uthoff. Jener schweigt und vermittelt so, dass die politische Linke nichts für die iranische Bevölkerung getan habe. Linke zeigten durchaus auf den Straßen und in parlamentarischen Gremien Solidarität. Nur eben nicht an der Regierung – dort saßen andere, die von der Anstalt nicht verhört werden. Haltet den Dieb?

"Um Frauenfragen kümmern wir uns später", wiederholt Uthoff mehrfach im Verhör. Als wäre das die Haltung der politischen Linken. Die Frauenfrage war und ist ein zentrales Thema der linken Iran-Politik in Deutschland. Solche Aussagen sollte Uthoff belegen – früher konnte er das auch.

Oft genug wurden in vergangenen Jahren Frauenrechte als Parole vorgeschoben, um Kriege zu rechtfertigen, deren Auswirkungen die Lage der Frauen in den angegriffenen Ländern massiv verschlechterten. Afghanistan ist diesbezüglich ein erschreckendes Beispiel. Auch im Irak erstarkten als Reaktion auf die US-Invasion fundamentalistische und frauenfeindliche Organisationen.

"Mimimi", kreischt Kühl am Ende des Verhörs über Uthoffs Antworten. Waren seine Strohmänner nicht schwach genug? Wie wenig kann Satire aushalten, wenn nicht einmal sich selbst?

Können wir wenigstens ein paar Geflüchtete aufnehmen?

Anstatt die Entstehung von Migration und Flucht zu verhindern zu suchen – in dem man naheliegenderweise nicht die Zerstörung eines Landes fordert – setzt sich die Sendung vorausschauend für die iranische Asylrechte ein.

Die verlogene und zynische Asylpolitik der Bundesregierung wird treffend entlarvt: Drei Viertel der iranischen Asylanträge wurden 2025 abgelehnt, Vergewaltigung und politische Verfolgung wegen ungenügendem Engagement und fehlender Staatsnähe der Bedrohung abgelehnt.

Folglich ruft Amiri die Zuschauer dazu auf, Bundestagsabgeordnete anzuschreiben, um Druck für die Wiederausstellung humanitärer Visa für Iraner aufzubauen. Kühl erklärt an anderer Stelle, wie gefährlich und schwierig der Fluchtweg ist. Eine Frage bleibt offen: Wie kommen die Geflüchteten aus dem Iran nach Deutschland, ohne sich mit der iranischen Regierung zu koordinieren?

Fehlt da was?

Eine große Stärke der Anstalt war ihre Fähigkeit zur historischen Einordnung. Zwar erfahren wir einiges – nicht alles – über die deutsch-iranischen Beziehungen, dafür allerdings nichts über die seit 2001 stattfindenden Kriege in der Region: Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen, Libyen, Palästina. Wer hat diese Kriege geführt, finanziert, beeinflusst? Wie haben sie sich auf die iranische Innenpolitik ausgewirkt?

Und vor allem: Wie ist die islamische Republik überhaupt entstanden? Dass es für die verhängnisvolle Geschichte der US-Interventionen im Nahen Osten in dieser monothematischen Sendung kein Platz mehr gewesen sein soll, erscheint kaum plausibel. Warum sonst aber sollte man diesen wichtigen Kontext ausblenden?

Auch wird der weitere Konflikt zwischen USA, Israel und Iran nicht eingeordnet. Weitere Fragen bleiben: In welchem Zusammenhang steht der Angriff und die damit verbundene Blockade der Straße von Hormus zum US-Angriff in Venezuela? Welche Rolle spielen China und Russland? Was sagen Nachbarländer, und Länder des Globalen Südens zu diesem Krieg? Steht uns die nächste globale Wirtschaftskrise bevor?

Was ist daran zum Lachen?

Repliken auf Satiresendungen sind selten lustig. Das war diese Folge der Anstalt allerdings auch nicht. Im Laufe der Sendung wurde wenig und kurz gelacht. Verhaltenes Abklatschen der Szenen und peinliche Stillen schufen eher eine bedrückende Atmosphäre. Das ist sicher auch der Thematik verschuldet. Über Innenpolitik lacht es sich leichter als über Krieg und Tod.

Allerdings sind auch Verhörszenen und Ansprachen kein guter Auslöser von Gelächter. Wenn das Publikum über die Verlächerlichung und Verkindlichung des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen oder über einen iranischen Regierungssprecher höhnt, ist das auch nicht sehr ausgelassen. Die Bestätigung eigener Feindbilder löst eben weniger aus als die Irritation durch neue Einsichten.

Iraner zu Wort kommen lassen – welche?

Die Anstalt lässt mit der Stand-Up-Comedienne und Moderatorin Negah Amiri eine iranische Stimme zu Wort kommen. Es ist eine Sache, Einschätzungen und Forderungen von und mit Betroffenen zu erarbeiten. Die Forderungen (fast) vollständig ihnen zu überlassen oder hinter ihnen die eigenen Positionen zu verstecken, ist allerdings nicht solidarisch, sondern instrumentalisierend.

Mit Amiri kommt eine – wohl eher taktische als prinzipielle – Befürworterin des Schah-Sohns Reza Pahlavi zu Wort. Nicht zu Wort kommen schah-kritische, kurdische, arabische oder linke Iraner. Letzte verurteilen den Krieg der USA und Israels gegen den Iran. Eine Kontroverse hätte neue Erkenntnisse fördern können. Wo, wenn nicht in der Satire, hätte das klappen können?

Die Sendung hätte sogar Positionen der iranischen Regierung vorstellen können, etwa um deren Argumente zu dekonstruieren. Die Frage, warum die iranische Regierung trotz Sanktionen und Krieg weiterhin steht, wird nur mit Repressionen beantwortet. Das wussten die Zuschauer vorher auch schon. Die Chance, herauszufinden, woran das noch liegt, wurde vertan.

Die Anstalt fordert, Iraner zu Wort kommen lassen. Abschließend also folgendes Zitat von Marjane Satrapi: "Der Unterschied zwischen Dir und Deiner Regierung ist viel größer als der Unterschied zwischen Dir und mir. Und der Unterschied zwischen mir und meiner Bevölkerung ist viel größer als der Unterschied zwischen mir und Dir. Und unsere Regierungen sind ziemlich gleich."

Mensch, Uthoff! Das geht doch besser! Und die letzte Frage: Wo war verdammt nochmal Claus von Wagner?