Die iranische Falle: Warum den USA ein zweites Vietnam drohen könnte

Luca Schäfer
Männer vor einem Hubschrauber

Eine mögliche Bodenoffensive könnte den Kriegsverlauf entscheidend prägen – zuungusten Washingtons

(Bild: Yeongsik Im/Shutterstock.com)

Bomben, Blockaden, Botschaften: Die USA stehen an der Schwelle zur Bodeninvasion. Washington würde damit in eine massive Falle tappen. Eine Analyse.

Die vergangene Woche war von immensen Spannungen geprägt: Analysten sahen die Möglichkeit, dass nach dem Auslaufen der bereits verlängerten US-Frist – nach dem freitäglichen Börsenschluss – unkalkulierbare Angriffe auf die iranische Energieinfrastruktur einsetzen könnten.

Doch erneut verschob US-Präsident Donald Trump das Ultimatum: bis 10. April sollen mögliche Gespräche zu einem Abschluss führen. Wie der deutsche Außenminister Johann Wadephul kolportierte, seien in naher Zukunft direkte Gespräche zwischen Teheran und Washington zu erwarten.

Allerdings hatten iranische Offizielle Verhandlungen mehrfach unmissverständlich dementiert. Zuletzt beschwor Außenminister Abbas Araghchi mit einem iranischen Ultimatum – die USA müssten sich öffentlich für die verheerenden Bombardierungen von iranischen Universitäten entschuldigen, sonst würden US-israelische Hochschulen in der Region legitime Ziele, ein Festhalten am Widerstand.

Die aktuellen Ausgangslagen klaffen auseinander: Während Luftschläge den Iran nicht bezwangen, konnte Teheran effektiv Nadelstiche setzen. Im Dickicht des einmonatigen Krieges und einer paradoxen, iranischen Position der Stärke zeichnet sich eine neue Weggabelung ab: fruchtbare Gespräche oder Maximaleskalation?

Torschluss-Dynamik

Die US-seitige Eskalationsdynamik hat – trotz oder gerade wegen des erneuten gesichtswahrenden Aufschubs – an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Das Zeitfenster für einen Deal schließt sich rapide – und öffnet zugleich das Fenster zu einer Bodenoffensive.

Diese Anzeichen werden durch eine Meldung der Washington Post genährt: Zwar sei keine Vollinvasion geplant – die bisherigen Truppenverlegungen bieten keine ausreichende Basis –, doch soll ein "geheimer Bodenangriff" durch Spezialeinheiten seit Wochen vorbereitet werden. Unter Berufung auf eine anonyme, interne US-Quelle befänden sich die Planungen in den finalen Zügen.

Nach Al-Jazeera-Analysen könnten mögliche Ziele strategische Punkte an der Straße von Hormus – insbesondere das zuvor bombardierte Ölexportzentrum Kharg Island, sein.

Gelänge eine Teileinnahme, wäre dem Iran sein strategischer Joker – die Kontrolle über die wirtschaftlich entscheidende Meerenge – weitgehend entrissen. Iranische Ölexporte nach China könnten einbrechen, die Handelsroute direkt von der US-Armee kontrolliert werden, die iranische Kriegskasse empfindlich gestört werden. Solange Teheran militärisch jedoch nicht niedergerungen wäre, bliebe die Gefahr iranischer Raketenangriffe auf Tanker extrem hoch.

Zwischen Dementi und Vorbereitung

Konfrontiert mit den Meldungen erklärte die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, lediglich, es sei "die Aufgabe des Pentagons, Vorbereitungen zu treffen, um dem Oberbefehlshaber ein Maximum an Handlungsspielraum zu verschaffen" – eine finale Entscheidung stünde aus. Ein Dementi, vor dem Hintergrund der iranischen Verhandlungsblockade, ist dies nicht.

Skepsis äußerte der republikanische Senator James Lankford: Man müsse genau wissen, "was die Ziele sind". Eine Spezial-Einheiten-Operation sei "etwas ganz anderes als eine langwierige Besatzung." Verbunden mit der Warnung, dass eine Bodeninvasion im Iran, "nicht beendet, sondern unvollendet" gelassen werden könnte, beschwor der Parteifreund Trumps das mögliche Vietnam-Traumata.

Auch wenn Außenminister Marco Rubio am letzten Freitag betonte eine solche sei für die Erreichung der US-Kriegsziele nicht nötig, erscheint die Lancierung nicht aus der Luft gegriffen.

Die entsendeten Verbände sprechen eine kohärente Sprache: 2.500 US-Marines befinden sich auf dem Weg in die Region. Zuvor trafen 3.500 US-Soldaten mit der USS Tripoli ein. Nach Berichten könnten in naher Zukunft bis zu 10000 weitere Kräfte folgen.

Insgesamt operieren trotz ernster Rückzüge weiterhin zwei Flugzeugträgerkampfgruppen und über 30 Kriegsschiffe in der Region. Die Zusammensetzung der Verbände lässt Schlüsse zu: Marine-Infanterie, Luftlandetruppen und Spezialkräfte – Einheiten, die für schnelle Eingriffe, die Einnahme strategischer Landpunkte und gezielte Geheimoperationen ausgebildet sind.

Streichholz, Benzinkanister

Auf eine mögliche Invasion bereitet sich auch der Iran vor. Parlamentssprecher Bagher Ghalibaf erklärte, die iranische Armee warte auf die Ankunft der US-Soldaten, "um sie in Brand zu setzen".

Die breite iranische Brust könnte ein weiterer Akteur stärken: Die jemenitischen Huthi-Rebellen erklärten, vergleichbar mit ihrem Engagement auf der palästinensischen Seite, ihren Eintritt auf iranischer Seite und feuerten mehrere ballistische Raketen auf Israel – Tel Aviv gab das Abfangen einer Rakete bekannt. Der Krieg erhält damit eine neue, für die Seefahrt der Region möglicherweise entscheidende Front.

Strategische Falle

Während Pakistan offenbar anbietet, US-iranische Gespräche zu moderieren, stellte Teheran seinerseits – sowohl als Reaktion auf amerikanische Ultimaten als auch als möglicher Kontext der Lancierung aktuellen Bodeninvasionsplanungen, zuvor eigene weitreichende Bedingungen auf: ein Ende der Sanktionen und der laufenden Angriffe, den vollständigen, regionalen US-Rückzug, iranische Kontrolle über die Straße von Hormus, Reparationszahlungen sowie Verhandlungen auf Augenhöhe.

Forderungen, die für Washington, dies dürfte im Teheran einkalkuliert sein, schlicht unannehmbar sind. Die forsche Art speist sich aus dem Bewusstsein, dass der Iran – paradoxerweise – besser dasteht als noch vor dem Krieg. Militärisch konnte man Paroli bieten, über die Straße von Hormus den Krieg erfolgreich internationalisieren.

Das Kalkül der dezimierten Teheraner Führung könnte simpel sein: Will man die US-Armee in die Falle einer Invasion locken? Zeit, aufkeimende Proteste in Israel, die kletternden Ölpreise und die dauerhaft gesperrte Meerenge arbeiten für Teheran. Im selben Muster wie Russland exportiert der Iran aktuell steigende Mengen Öl – dürfte sich als Ziel gesetzt haben den Vorkriegs-Status-Quo deutlich zu verbessern und den Preis für einen Frieden maximal in die Höhe zu schrauben. Verhandlungs- und Eskalationsdominanz liegen vollständig auf der iranischen Seite – ein US-Fiasko droht.

Risiko auf beiden Seiten

Doch das iranische Spiel ist nicht ohne Risiken: Eine erfolgreiche Bodeninvasion gilt aufgrund der Geographie, der nationalistischen Widerstandskraft und der militärischen Stärke des Iran zwar als nahezu unmöglich – dennoch dürfte ein solcher US-Schritt Zehntausende Tote beidseitig fordern, die alleinige Kontrolle über Hormus riskieren und die "Libysierung" des Iran vorbereiten helfen.

Ob China – Hauptabnehmer iranischer Öllieferungen – oder Russland – enger Militärpartner – einer folgenreichen Invasion tatenlos zusähen, darf bezweifelt werden. Möglich, dass sino-russische Militärlieferungen zuvor Teheran auf ein drohendes Szenario vorbereiteten.

Auch für Washington steht Enormes auf dem Spiel: Der Krieg soll die USA täglich bis zu zwei Milliarden Dollar kosten, bisher verhältnismäßig niedrige US-Todeszahlen dürften bei einer Bodeninvasion sprunghaft ansteigen, die Binnenstimmung könnte schlagartig kippen – der Hauptfokus gen China eingebüßt werden. Europäische Partner drängen, Madrid voran – ökonomisch gezwungen – vermehrt auf Frieden.

Steht Washington am Anbeginn eines iranischen Vietnam-Moment? Möglich. Festzuhalten bleibt: Teheran agiert geschickt, nutzt die amerikanische Schwäche der Plan-, Ziel- und weitgehenden Partnerlosigkeit, glänzend. Jeder Fehler kann von nun an den Waffengang entscheiden. Der israelische Einfluss unkontrollierter Militärschläge gen Libanon oder Iran bleibt ein gigantischer Unsicherheitsfaktor.