Gaskraftwerke: Reiches riskante Wette auf die Fossilen

Christoph Jehle
Erdgastanks mit Aufdrucken Fracking und LNG-Schiff. Ein Erdgastank als Sparschwein

Reiches Gasplan ist riskant und teuer. Ein Kraftwerk verursacht bis zu 7 Mrd. Euro Klimaschäden. Droht nun auch bei uns Fracking?

Wirtschaftsministerin Reiche plant den Ausbau von Gaskraftwerken als Rückgrat der von ihr anvisierten modifizierten Energiewende. Doch eine aktuelle Analyse des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) entlarvt diese Strategie als Milliardengrab.

Die Kurzstudie zeigt, dass der geplante Bau von Gaskraftwerken erhebliche volkswirtschaftliche Risiken birgt. Ein einziges 500-Megawatt-Gaskraftwerk stößt nach dieser Studie zwischen 2030 und 2045 bis zu 8,4 Millionen Tonnen CO2 aus und verursacht bis zu 7 Milliarden Euro an Klimaschäden, die bislang nicht eingepreist sind.

Abhängigkeit von globalen Preisentwicklungen

Beim Erdgas bleibt Deutschland abhängig von globalen Märkten, deren Preisentwicklung sich der politischen Kontrolle der Bundesregierung entzieht, was der von den USA und Israel begonnene völkerrechtswidrige Angriff auf den Iran deutlich zeigt.

Seit Ende Februar sind die Energiepreise weltweit deutlich gestiegen und Deutschland besitzt, nicht zuletzt aus politischen Gründen keine alternativen Bezugsquellen, die nicht vom Weltmarkt abhängig wären.

Die Idee, deutsche Erdgasvorräte mit Hilfe von Fracking aus unkonventionellen Lagerstätten zu fördern, taucht bei hohen Preissteigerungen am globalen Gasmarkt immer wieder auf, ist bislang jedoch hierzulande seit 2017 weitgehend verboten, da es als umweltschädlich gilt. Es besteht die Gefahr von Grundwasserkontamination durch Chemikalien, induzierter Seismizität und Methanemissionen.

Erdgas aus unkonventionellem Facking unter besonderen Bedingungen erlaubt

Während das unkonventionelle Fracking in Deutschland weiterhin verboten bleibt, ist der Import von entsprechenden Quellen nach Deutschland erlaubt, da die Wasserversorgung hierzulande dadurch nicht beeinträchtigt wird. Das gilt beispielsweise für Erdgas aus den USA sowie aus Argentinien, wo das Erdgas grundsätzlich aus unkonventioneller Förderung stammt, wie der Deutsche Bundestag am 23. März mitteilte.

Berater von Wirtschaftsministerin Reiche schlagen inzwischen vor, aufgrund der globalen Preisentwicklung zu prüfen, ob man auf das Verbot des unkonventionellen Fracking in Deutschland nicht besser verzichten solle und aus wirtschaftlichen Gründen das Risiko einer Grundwasserbeeinträchtigung eingehen sollte.

Nach Ansicht des vierköpfigen Beraterkreises von Wirtschaftsministerin Reiche soll geprüft werden, wie man die heimische Gasförderung auszuweiten könne und solle dazu das bislang verbotene Fracking zu prüfen.

In ihrem Kurzgutachten schreiben die vier Ökonomen um die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, "dass ein vollständiger Verzicht auf inländische Förderung bei gleichzeitigem Import entsprechender Energieträger aus ethischer Perspektive Fragen der globalen Verteilung von ökonomischen Vorteilen und ökologischen Risiken aufwirft".

Unkonventionelles Fracking ökonomisch sinnvoll?

Auch wenn das unkonventionelle Fracking bei steigenden Gaspreisen regelmäßig aus der politischen Versenkung ans Tageslicht gefördert wird, weil es die derzeit in Berlin forcierte Rückkehr zu den fossilen Energieträgern beflügeln könnte, gibt es nicht nur umweltbezogene Vorbehalte gegen diese Fördertechnik, sondern letztlich auch knallharte ökonomische Bedenken.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bezifferte in einer 2016 veröffentlichten Studie das technisch förderbare Schiefergasvolumen in einer Tiefe zwischen 500 und 5.000 Metern auf 380 bis 2.340 Milliarden Kubikmeter. Der jährliche Erdgasverbrauch in Deutschland lag im Durchschnitt der Jahre von 2014 bis 2023 bei rund 83 Milliarden Kubikmeter.

Der höchste Schätzwert der BGR-Studie von 2.340 Milliarden Kubikmetern für die durch unkonventionelles Fracking nutzbaren Erdgasvorräte in Deutschland könnte also rechnerisch den Erdgasbedarf von rund 28 Jahren decken, sofern der jährliche Bedarf in Deutschland auf dem durchschnittlichen Niveau der Jahre 2014 bis 2023 verharrt. Der Aufbau zusätzlicher Gaskraftwerke könnte den Gasbedarf hierzulande jedoch deutlich erhöhen.

Da Teile der geschätzten Erdgas-Vorräte in Naturschutzgebieten oder unter Städten verortet sind, wäre ihre Förderung nur nach einer Umsiedlung denkbar, wie sie beim Braunkohleabbau üblich sind.

Zusätzlich stellt sich die Frage, wo die für das unkonventionelle Fracking benötigten Wassermengen herkommen sollen, wenn man weder die Trinkwasserversorgung noch die Landwirtschaft einschränken will.

Erdbebengefahren aufgrund einer gesteigerten Gasförderung

Das niederländische Groningen wird seit Jahrzehnten von menschengemachten Erdbeben heimgesucht, die auf die Gasförderung aus dem Groninger Gasfeld zurückzuführen sind, die in den 1960er Jahren begann. Obwohl die großflächige Förderung schon länger eingestellt ist, hält die seismische Aktivität an.

Bei unkonventionellem Fracking muss auch in Deutschland mit dem Auftreten von anthropogen ausgelösten Beben gerechnet werden, für deren Schäden an der Infrastruktur entweder die Geschädigten selbst aufkommen dürfen oder im für sie besten Falle der Steuerzahler.

Statt auf die verstärkte Nutzung von Erneuerbaren setzt Reiche auf die Fossilen

Die erwartbaren Kosten für Gasstrom liegen bei bis zu 67 Cent pro Kilowattstunde, wenn man auch die benötigte Infrastruktur von Gasleitungen über Speicher bis zur Anbindung an die Stromnetze rechnet. Dagegen kosten Wind- und Solarstrom pro Kilowattstunde weniger als 10 Cent.

Zudem macht sich Deutschland mit der Rückkehr zu den Fossilen abhängig von volatilen Märkten und verschleiert dabei die tatsächlichen Kosten für die Wende rückwärts. Um den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht zu gefährden, muss die Industrie von den durch die aktuelle Politik induzierten Kosten entlastet werden und diese auf die Privatkunden abgewälzt werden.