Helium-Mangel: Ein weiterer Tiefschlag für die Weltwirtschaft
Helium wird u.a. in der Chipfertigung gebraucht.
(Bild: asharkyu, shutterstock)
Helium ist unersetzlich für Chipproduktion und Medizintechnik. Doch die Vorräte schwinden, Lieferketten reißen. Wann kann Russland die Lücke füllen?
Die weltweite Versorgung mit Helium steht vor massiven Problemen. Obwohl es derzeit einen kurzfristigen Marktüberschuss gibt, warnen Experten vor einer Verknappung des Edelgases.
Rasant verschärft hat sich die Lage nach dem völkerrechtswidrigen Angriff Israels und der USA auf Iran. Nachdem Israel das South Pars Erdgasfeld bombardiert hatte revanchierte sich Iran mit einem Angriff auf die Erdgasproduktion in Katar.
Abhängigkeit von wenigen Lieferanten
Obwohl Katar auch vor Beginn des aktuellen Iran-Krieges nicht mehr so viel Helium lieferte wie noch vor wenigen Jahren, stand die arabische Monarchie immer noch für etwa 40 Prozent der Weltproduktion. Aber damit ist nun erstmal Schluss.
Laut Al Jazeera wurde die weltweit größte Heliumproduktionsstätte, der Ras-Laffan-Komplex von QatarEnergy und Exxon Mobile schwer beschädigt, und es könnte bis zu fünf Jahre dauern, die Anlagen wieder zu reparieren.
Auch die Zeiten der üppiger US-Heliumexporte sind seit einige Zeit vorbei. Allein mit der Schließung der US Federal Helium Reserve im Jahr 2021 fielen etwa zehn Prozent der globalen Produktionskapazität weg.
Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst bei der Consorsbank, warnt gegenüber der ARD: "Die Hälfte des Heliums stammt aus den USA, die brauchen es aber selbst." Andere Länder seien umso mehr auf die Produktion angewiesen, die Katar aus der Gasaufbereitung zieht.
Helium ist nicht recycelbar
Helium entsteht tief unter der Erde über Milliarden Jahre hinweg durch radioaktiven Zerfall von Elementen wie Uran und Thorium. Das Gas sammelt sich langsam in Taschen, die in Erdgaslagerstätten eingeschlossen sind.
Doch Helium verhält sich anders als andere Gase. Es ist so leicht, dass es bei Freisetzung durch die Atmosphäre aufsteigt, der Erdanziehung entkommt und permanent ins Weltall verloren geht. Das macht Helium zum einzigen Element, das nach Gebrauch nicht recycelt werden kann.
Die Gewinnung erfolgt ausschließlich als Nebenprodukt der Erdgasförderung. Dabei wird Erdgas auf extrem niedrige Temperaturen gekühlt. Während dieses Prozesses wird das LNG (Methan) flüssig, während das weiterhing gasförmige Helium abgetrennt und gereinigt wird.
Auch existiert derzeit keine praktikable Methode, Helium in industriellem Maßstab direkt aus der Atmosphäre zu gewinnen, was Versorgungsengpässe noch schwerer zu bewältigen macht. Die Heliumproduktion ist also von der LNG-Produktion abhängig. Wenn LNG-Anlagen stillstehen, stoppt automatisch auch die Heliumgewinnung.
Unverzichtbar für Schlüsseltechnologien
Helium für kritische Bereiche des modernen Lebens unverzichtbar: In der Halbleiterproduktion kühlt es Siliziumscheiben, ermöglicht die Chipfertigung und unterstützt die UV-Lithographie, die für den Bau von fortschrittlichen Prozessoren für künstliche Intelligenz und Rechenzentren eingesetzt wird.
Im Gesundheitswesen kühlt flüssiges Helium supraleitende Magnete in MRT-Geräten weltweit. In Raumfahrt und Verteidigung wird es verwendet, um Raketentreibstofftanks unter Druck zu setzen und Antriebssysteme vor dem Start zu reinigen. Große Forschungseinrichtungen wie Teilchenbeschleuniger sind für den reibungslosen Betrieb schwerer Maschinen auf heliumbasierte Kryotechnik angewiesen.
Es gibt derzeit keinen praktikablen großtechnischen Ersatz für Helium in diesen Anwendungen.
Südkorea und Taiwan besonders betroffen
Tanjeff Schadt vom Beratungsunternehmen PwC Strategy erklärt: "Langfristig warnen etwa Halbleiterhersteller aus Südkorea vor möglichen Störungen der Lieferkette von wichtigen Ausgangsmaterialien wie Helium."
Jochen Stanzl sieht die Situation noch kritischer: "Taiwan und Südkorea haben Helium-Vorräte für rund drei Monate. Danach müssen sie die Produktion einstellen, weil Helium bei der Kühlung der Maschinen nicht ersetzt werden kann."
Russland baut Produktion aus
Wissenschaftler des Trofimuk-Instituts für Erdölgeologie und Geophysik der Russischen Akademie der Wissenschaften haben ihre Prognose für die russische Heliumproduktion laut Interfax deutlich angehoben. Bis 2030 könnte Russland 80 Millionen Kubikmeter Helium pro Jahr fördern, teilte das Institut mit.
"Nach Schätzungen der Experten wird Helium aus Lagerstätten in Ostsibirien und dem Fernen Osten bis zu 35 Prozent der weltweiten Nachfrage decken", hieß es in einer Pressemitteilung des Instituts.
Etwa 97 Prozent der russischen Heliumreserven befinden sich in Ostsibirien und im Fernen Osten, wo 35 heliumhaltige Gasfelder entdeckt wurden. Die Funde konzentrieren sich auf die Region Krasnojarsk, das Gebiet Irkutsk und die Republik Sacha (Jakutien).
Technologische Herausforderungen
Die Situation ist paradox: Während Russland den Start seiner neuen Helium-Anlage "Amur 2" wegen Überangebot auf 2026 verschoben hatte, drohen nun gravierende Engpässe.
Phil Kornbluth, Präsident von Kornbluth Helium Consulting, erklärte kürzlich auf dem Helium-Gipfel, dass die Anlage voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2026 in Betrieb gehen werde.
Russland habe Algerien 2024 als drittgrößten Heliumproduzenten der Welt überholt und werde künftig etwa 13 Prozent des globalen Heliums liefern. "Es gibt 19 Anlagen zur Heliumverflüssigung weltweit, und drei davon stehen in Russland", betonte Kornbluth.
Westliche Sanktionen bremsen
Allerdings müsse Russland noch eigene Technologien und Ausrüstung zur Abtrennung, Aufbereitung und Verflüssigung von Helium entwickeln sowie Systeme für die Langzeitlagerung schaffen. Westliche Sanktionen dürften diesen Prozess noch deutlich verlangsamen.
Auf absehbare Zeit wird Russland die frisch aufgerissene Angebotslücke also nicht auffüllen können.
China ist aufgrund des Decouplings von den USA und der Partnerschaft mit Russland in Bezug auf das Edelgas jedoch einen Schritt weiter als der Westen: Schon 2023 machten die russischen Heliumlieferungen 28 Prozent der chinesischen Importe aus. Allerdings wird auch China der Zusammenbruch der katarischen Heliumproduktion wohl dennoch empfindlich treffen.