Israel gegen die Türkei: Der nächste Machtkampf im Nahen Osten
Während der Iran-Krieg Aufmerksamkeit bindet, verschärft sich der Konflikt zwischen zwei wichtigen US-Verbündeten. Zum entscheidenden Schauplatz wird Syrien.
Während der Iran-Krieg die Aufmerksamkeit bindet, verschärft sich ein weiterer Konflikt um die Vorherrschaft in der Region: Israel und die Türkei geraten zunehmend aneinander. Besonders sichtbar wird ihre Rivalität in Syrien.
Dabei stehen sich die zweitgrößte Militärmacht der Nato und eine Atommacht gegenüber. Noch wird der Konflikt überwiegend mit Drohungen, Wahlkampfplakaten und Stellvertreteraktionen ausgetragen.
Netanyahu erklärt Erdoğan zum Wahlkampfgegner
Das Wahlkampfteam des israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu lässt Wahlplakate mit dem Konterfei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, dem Bürgermeister von New York City Zohran Mamdani, dem iranischen obersten Führer Mojtaba Khamenei und Hisbollah-Chef Naim Qassem aufhängen. Dazu gibt es den Spruch: "Sie wollen die Niederlage Netanyahus, lass sie nicht gewinnen."
Auf der anderen Seite forderte der türkische Innenminister Mustafa Çiftçi vor wenigen Wochen die "Befreiung Jerusalems". Für Präsident Erdoğan sind die Mitglieder der Hamas explizit "Freiheitskämpfer".
Erdoğan hat bereits Israel mit Nazi-Deutschland verglichen und dem israelischen Premier eine ideologische Nähe zu Hitler unterstellt. Die türkische Justiz erließ Haftbefehle gegen Netanyahu und weitere Beschuldigte. Zudem kündigte Ankara an, bei Interpol internationale Fahndungsersuchen zu beantragen.
Erdoğan sieht die Türkei "an der Seite der Unterdrückten gegen den Unterdrücker". Er wirft Netanyahu einen Genozid und die Destabilisierung der Region vor.
Netanyahus Büro antwortete mit "Erdogan ist ein antisemitischer Diktator, der Kurden massakriert hat, Hamas-Terroristen Unterschlupf gewährt, die Hälfte Zyperns besetzt hält und eine Rekordzahl an Journalisten und Politikern, die ihm widersprechen, inhaftiert hat", und fügte hinzu, "nun versucht er, seine Aggression gegen Israel auf Syrien auszudehnen. Israel wird dies nicht dulden. Erdogans kläglicher Versuch, die Führung und die Soldaten Israels, der einzigen wahren Demokratie im Nahen Osten, einzuschüchtern, wird scheitern".
Israel sucht Rückhalt bei Griechenland und Zypern
Netanyahus Konter stieß in Zypern und Griechenland auf Resonanz. Israel unterhält inzwischen eine enge strategische und militärische Partnerschaft mit Griechenland. Griechenland ist aktuell in einem besonders angespannten Verhältnis zum benachbarten Nato-Bündnispartner Türkei.
Zu den üblichen Streitpunkten hinzukommt nun auch der türkische Widerstand gegen den griechischen Raumordnungsplan zur Nutzung erneuerbarer Energien. Auch dieses Thema nutzt die Regierung in Ankara zur Infragestellung der griechischen Souveränität.
Zypern gilt für viele Israelis als erste Wahl für einen Zweitwohnsitz im Ausland. Das wird von der türkischen Presse wie Türkiye Today mit "Israel wandelt das griechische Zypern in eine große jüdische Siedlung um" kommentiert.
Neue Bündnisse verändern die Machtbalance
Griechenland unterstützt seit 2021 die Verteidigung Saudi-Arabiens gegen Angriffe der jemenitischen Huthi mit einer von griechischen Militärs bedienten Patriot-Raketenbatterie.
Umso größer war die Enttäuschung in Athen als jüngst die Türkei ein gegenseitiges militärisches Beistandsbündnis mit Saudi-Arabien und Pakistan geschlossen hat. Der Pakt wird als Gegengewicht zu den engen Beziehungen Israels zu den Vereinigten Arabischen Emiraten und Indien interpretiert. Offiziell richtet er sich allerdings gegen keinen bestimmten Staat.
Der neue Pakt erschwert Athen den bisherigen Balanceakt zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Die Bündnisarchitektur ist schon länger im Umbruch. Bis 2010 arbeiteten Israel und die Türkei eng zusammen. Zum tiefen Bruch kam es nach der Erstürmung der Gaza-Hilfsflotte und der Mavi Marmara durch israelische Soldaten.
Die Türkei war 1949 sogar der erste muslimische Staat, der Israel anerkannte. Griechenland dagegen nahm erst in den Neunzigern diplomatische Beziehungen zu Israel auf.
Beim aktuellen Machtpoker im östlichen Mittelmeer geht es auch darum, wer von der militärischen Schwächung Irans profitiert und den frei werdenden Einflussraum besetzt.
Die Türkei ist auch wegen ihrer Bedeutung für den Krieg in der Ukraine gegenwärtig politisch, militärisch und wirtschaftlich stark genug, um sich gegen das kriegsgeschwächte Israel zu positionieren. Und es ist der Konflikt zweier Politiker. Recep Tayyip Erdoğan will sich als Führer aller Muslime und Beschützer der Palästinenser inszenieren, während Benjamin Netanjahu angesichts der für Oktober angesetzten Parlamentswahlen äußere Feinde benötigt.
Beide Staaten sind sicherheitspolitisch eng mit den USA verbunden: Israel als wichtigster Partner Washingtons in der Region, die Türkei als Nato-Mitglied. Aus Washington ist zum aktuellen Zeitpunkt schwerlich eine Lösung der vertrackten Situation zu erwarten.
Der Schlüssel zur Begrenzung der gegenseitigen Provokationen liegt weder in den USA noch in der Befriedung des Gaza-Streifens, dem Ende der Interventionen im Libanon oder dem Ende des Iran-Kriegs. Auch die Regierung in Athen spielt, so sehr sie sich auch um eine andere Außendarstellung bemüht, keine große Rolle.
Syrien als Hüter des Gleichgewichts?
Ausgerechnet Syrien könnte sich vom permanenten Krisenherd zum Regulator des Machtgleichgewichts entwickeln. Dass Israel in Syrien einen syrischen Luftwaffenstützpunkt, auf dem Israel eine künftige türkische Militärpräsenz vermutete, bombardiert hat, passt in dieses Muster. Es war weniger eine Attacke gegen Syrien als vielmehr ein Signal an die Türkei.
Die Türkei ist zum wichtigsten ausländischen Unterstützer der Regierung Ahmed al-Sharaas geworden. Sie bildet syrische Soldaten aus und hilft beim Aufbau militärischer Strukturen. Ankara strebt in Syrien einen dauerhaften politischen und militärischen Einfluss an. Die israelische Regierung will mit allen Mitteln verhindern, dass die Türkei in Syrien dauerhaft Fuß fasst.
Zugleich haben Israel und Syrien nach dem Sturz Assads vorsichtige direkte Kontakte aufgenommen. In von den USA vermittelten Gesprächen suchen beide Seiten nach Regeln, die weitere Zusammenstöße verhindern könnten. Es gibt direkte diplomatische Gespräche von hochrangigen Vertretern.
Israel kann die Türkei nicht aus Syrien herausdrängen. Dazu ist die militärische, wirtschaftliche und politische Bedeutung der Türkei für die Regierung in Damaskus zu wichtig. Auch die Besetzung von immer mehr syrischen Gebiet kann nicht zielführend sein, würde sie doch über kurz oder lang zum direkten Konflikt mit der Türkei führen.
Aber Israel könnte von einer stabilen Regierung in Damaskus profitieren. Einer Regierung, die sich dem Einfluss der Hisbollah widersetzen könnte und eine Rückkehr des Irans verhindern würde. Und einer Regierung, welche der Türkei Grenzen für ihre Militärpräsenz aufzeigen könnte; und damit einem Syrien, welches als Regulator die Region im Gleichgewicht hält.
Die wichtigste Frage für einen Frieden in der Region ist, ob Israels Regierung zu einer solchen Diplomatie bereit ist. Syrien kann zum Puffer werden – oder zum Austragungsort des nächsten großen Regionalkonflikts.