Nicht Scham, sondern Schuld bewegt uns zum Guten
Verhaltensforschung: Während im Westen der Individualismus und das Schuldprinzip dominieren, haben sich in anderen Regionen Scham und Schande als Regulativ etabliert.
Das Zusammenleben der Menschen wird je nach kulturellem Umfeld durchaus unterschiedlich organisiert und funktioniert vor dem traditionellen Hintergrund durchaus unterschiedlich. Während in den westlichen Staaten der Blick auf das Individuum dominiert, hat in Fernost die Familie als Gruppe das Hauptgewicht.
Als Folge dieser Sichtweisen legt man im Westen sein Hauptgewicht auf den Einzelnen, der sich auf einer linearen Zeitschiene darum bemüht, der Beste und vermögendste zu werden.
Wer dazu Mittel einsetzt, die in diesem Umfeld als nicht akzeptabel gelten, muss damit rechnen, dass ihm Schuld für dieses Verhalten gegeben wird und er in der Folge dafür büßen muss, was je nach staatlicher Konstellation bis zum Verlust des Lebens durch staatliche Exekution führt, um einerseits andere abzuschrecken und andererseits seine Denkmuster aus den staatlichen Strukturen zu eliminieren.
Im Fernen Osten wird traditionell mehr Wert auf die Familie gelegt, der gegenüber der Einzelne in erster Linie verantwortlich ist und auch welche eventuelle Fehlverhalten eines Einzelnen als Schade zurückfällt. Zudem ist in diesem kulturellen Umfeld auch das Zeitverständnis durchaus unterschiedlich. Was im Westen linear gesehen wird, zeigt sich in Fernost als unendlicher Kreislauf, bei welchem der Einzelne sich bei jedem neuen Durchlauf im Vergleich zum vorhergehenden verbessern und an Weisheit dazugewinnen kann.
Was bewegt die Menschen dazu, Gutes zu tun?
Vor diesem Hintergrund der durchaus unterschiedlichen Traditionen und Rahmenbedingungen kann man die Frage aufgreifen, ob die Sorge, was andere von uns denken könnten vorrangig ist oder doch das eigene Gewissen. Eine großangelegte internationale Studie, die am 11 August 2025 unter dem Titel "Guilt drives prosociality across 20 countries" in der Fachzeitschrift Nature Human Behavior veröffentlicht wurde, hat das untersucht und liefert aus westlicher Sicht eine klare Antwort.
Zu Handlungen wie Trösten, Teilen, Helfen sollen Kinder bereits Kinder im Alter von 16 bis 24 Monaten fähig sein. So früh und beinahe automatisch erlernen sie im Miteinander prosoziales Verhalten. Unter diesen Begriff fallen Handlungen, welche darauf abzielen, die Situation einer anderen Person zu verbessern, ohne dass für diese Verhalten eine Art von Verpflichtung besteht oder ein direkter Eigennutz im Vordergrund steht.
Die Studie hat nun untersucht, welche Rolle Emotionen bei der Entwicklung von prosozialem Verhalten spielen. Besonders interessiert hat das Forschungsteam dabei, ob sich die Menschen eher prosozial verhalten, wenn sie Schuldgefühle, also das Wissen, jemandem durch unser Handeln zu schaden, oder Scham, das ist die Angst, von anderen dabei beobachtet und verurteilt zu werden, verspüren.
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben die Wissenschaftler rund um den Verhaltensökonomen Ivan Soraperra vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin in zwanzig Ländern mit etwa 8.000 Menschen das Diktatorspiel gespielt.
Im Diktatorspiel mussten die Teilnehmenden bestimmen, wie sie einen Geldbetrag mit einer fremden Person teilen. Dabei gab es zwei Möglichkeiten. Entweder man teilt hälftig zu gleichen Teilen oder man bezahlt sich selbst einen höheren Betrag aus als der anderen Person.
Um die Wirkung von Schuld zu testen, wurde manchen Teilnehmenden gesagt, welche negativen Folgen ihre Entscheidung für die jeweils andere Person haben könnte. Andere hatten die Wahl, diese Information einfach zu ignorieren, konnten also bewusst wegzuschauen.
Um die Wirkung von Scham zu testen, durften einige ihre Entscheidung ganz unbeobachtet privat treffen, während andere von Fremden beobachtet wurden. Das Forschungsteam ging davon aus, dass man sich schämen würde, sobald andere Zeuge der vielleicht egoistischen Wahl werden würden.
Gewissen als stärkster Antrieb?
Das Resultat schien im Rahmen der untersuchten Kulturen übergreifend eindeutig. Man habe einen starken Effekt von Schuld als Treiber von prosozialem Verhalten festgestellt, erklärte Ivan Soraperra. Er gehe davon aus, dass vor allem Schuldempfinden dazu motiviere, weniger egoistisch zu handeln. Menschen verhielten sich nämlich deutlich sozialer und gaben mehr, wenn sie über die Konsequenzen ihres Handelns informiert worden seien.
Man habe in den Daten der Studie kaum Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Scham ein wichtiger Faktor für prosoziales Verhalten sei. Es schien fast keinen Einfluss zu haben, ob die Probanden von Fremden beobachtet wurden oder nicht. Die Angst vor sozialer Verurteilung scheint also weniger zu motivieren als gedacht.
Die Großzügigkeit im Verhalten sank jedoch, sobald die Teilnehmenden die Möglichkeit gehabt hätten, die Informationen über die Folgen ihrer Entscheidung einfach zu vermeiden. Dieses bewusste Wegschauen ließ sich bei etwa 20 Prozent der Personen feststellen.
Welche Konsequenzen kann man aus den Untersuchungsergebnissen ziehen?
Die Studienautoren sehen in ihrer Untersuchung belegt, dass man, um Gutes zu fördern bei den Beteiligten für die Informationen sorgen muss, die dafür sorgen, dass diese sich der negativen Folgen ihrer Entscheidungen bewusst sind. Ob beim Einkaufen, Spenden oder im Umgang miteinander, Information und das daraus resultierende Gewissen sind nach Aussage der Studienautoren der Schlüssel zu einem sozialeren Miteinander.
Wie die Vermittlung dieser Informationen erfolgen kann und wie man dafür sorgen kann, dass die kritischen Informationen auch akzeptiert werden, war offensichtlich nicht Teil der Untersuchung und dürfte auf absehbare Zeit im westlichen Umfeld eine große Herausforderung bleiben.