Rentenlücke bei Frauen: Warum Altersarmut oft weiblich ist
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Geringe Löhne, Teilzeitarbeit, Kindererziehung: Die Ursachen für die Rentenlücke bei Frauen sind vielfältig – die Folgen oft dramatisch.
Es ist eine der großen sozialpolitischen Herausforderungen unserer Zeit: die Altersarmut in Deutschland. Besonders betroffen sind Frauen. Sie erhalten im Durchschnitt deutlich geringere Renten als Männer.
Der sogenannte Gender Pension Gap, also die prozentuale Differenz der Alterseinkünfte zwischen den Geschlechtern, liegt je nach Berechnungsgrundlage zwischen 30 und 60 Prozent, erklärt Marlene Haupt, Professorin an der Hochschule Ravensburg-Weingarten.
Doch woher kommt diese eklatante Ungleichheit? Und was kann getan werden, um sie zu überwinden?
Ein Blick in die Geschichte: Frauen in der Nachkriegszeit
Um die Ursachen der Rentenlücke zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick in die Vergangenheit. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war die Lebenswelt der meisten Frauen in Westdeutschland geprägt von traditionellen Rollenbildern.
Die Frau war in erster Linie für Haushalt und Kindererziehung zuständig, während der Mann die Rolle des Ernährers übernahm. Dieses Modell wurde auch von der Politik gefördert, etwa durch das 1958 eingeführte Ehegattensplitting, das eine ungleiche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit begünstigte.
In der DDR hingegen wurde die Erwerbstätigkeit von Frauen stark gefördert. Eine umfassende Kinderbetreuung ermöglichte es Müttern, früh in den Beruf zurückzukehren. Auch wenn die Gleichberechtigung in der Praxis oft nicht vollständig erreicht wurde, waren Frauen in Ostdeutschland deutlich häufiger und länger erwerbstätig als ihre Pendants im Westen.
Die Folgen der Wiedervereinigung
Mit der Wiedervereinigung 1990 änderte sich die Situation für viele ostdeutsche Frauen dramatisch. Die Umstellung auf die Marktwirtschaft führte zu einem massiven Arbeitsplatzabbau, von dem Frauen überproportional betroffen waren.
Viele waren gezwungen, in Teilzeit oder geringfügige Beschäftigung zu wechseln. Gleichzeitig wurde das westdeutsche Modell der Versorgerehe auf die neuen Bundesländer übertragen.
Die Folgen dieser Entwicklungen sind bis heute spürbar. Zwar ist der Gender Pension Gap in Ostdeutschland mit 16 Prozent deutlich geringer als im Westen (66 Prozent). Doch auch hier holen die Frauen bei der Rente nicht mehr auf, was sie in der Erwerbsphase verloren haben.
Strukturelle Ursachen der Rentenlücke
Neben den historischen Faktoren gibt es eine Reihe von strukturellen Ursachen für die Rentenlücke. Eine der wichtigsten ist der Gender Pay Gap, also die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen.
Frauen verdienen im Durchschnitt immer noch weniger als Männer – selbst bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit. Da die Höhe der Rente direkt von den eingezahlten Beiträgen abhängt, wirken sich diese Lohnunterschiede unmittelbar auf die spätere Altersversorgung aus.
Hinzu kommt, dass Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten oder durch Minijobs nur geringfügig abgesichert sind. Ein Grund dafür ist die immer noch vorherrschende traditionelle Arbeitsteilung in vielen Familien.
Frauen übernehmen den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit, sei es die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen. Diese Erwerbsunterbrechungen und Arbeitszeitreduzierungen führen zu geringeren Rentenansprüchen.
Altersarmut ist weiblich
Die Konsequenzen der Rentenlücke sind gravierend. Frauen sind im Alter einem deutlich höheren Armutsrisiko ausgesetzt als Männer. Laut Marlene Haupt sind Frauen rund fünfmal häufiger von Altersarmut betroffen.
Viele sind auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Zudem sind Frauen im Alter oft abhängig von ihrem Partner oder im Falle seines Todes von der Hinterbliebenenrente.
Diese Situation ist nicht nur für die betroffenen Frauen eine enorme Belastung. Sie hat auch gesamtgesellschaftliche Konsequenzen. Eine wachsende Altersarmut gefährdet den sozialen Zusammenhalt und stellt die Legitimität des Rentensystems infrage.
Politische Reformansätze
Um die Rentenlücke zu schließen, sind tiefgreifende Reformen notwendig. Ein zentraler Ansatzpunkt ist die Stärkung der Erwerbstätigkeit von Frauen. Dazu braucht es einen massiven Ausbau der Kinderbetreuung, um Müttern eine frühere Rückkehr in den Beruf zu ermöglichen.
Auch steuerliche Fehlanreize wie das Ehegattensplitting oder die Regelungen zu Minijobs müssen überdacht werden. Sie zementieren oft das traditionelle Modell des männlichen Haupternährers und der dazuverdienenden Ehefrau. Stattdessen braucht es Anreize für eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit.
Auch bei der betrieblichen und privaten Altersvorsorge gibt es Handlungsbedarf. Gerade Frauen sollten frühzeitig und umfassend über die Möglichkeiten informiert werden, eigenständig fürs Alter vorzusorgen. Arbeitgeber sind gefragt, ihre Beschäftigten dabei zu unterstützen, etwa durch attraktive Betriebsrentenprogramme.
Nicht zuletzt braucht es einen Kulturwandel in der Arbeitswelt. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten und eine familienfreundliche Unternehmenskultur können dazu beitragen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern – und damit auch die Rentenansprüche von Frauen zu stärken.
Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Die Überwindung der Rentenlücke ist eine komplexe Herausforderung, die ein Umdenken in vielen Bereichen erfordert. Es geht um nicht weniger als eine neue, geschlechtergerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.
Dabei ist klar: Punktuelle Maßnahmen allein werden nicht ausreichen. Es braucht eine konsistente, langfristig angelegte Gleichstellungspolitik, die Frauen in allen Lebensphasen unterstützt – von der Ausbildung über die Erwerbsphase bis hin zur Rente.