Russland macht ernst: Telegram vor dem Aus

Franziska Lindner
Eine Frau schaut auf ihr Handy, im Hintergrund der Rote Platz

Russland will sich vom globalen Netz abschotten und staatliche Apps forcieren

(Bild: Oleg Elkov/Shutterstock.com)

Russland blockiert Telegram, vorgeblich aus Sicherheitsgründen. Kritiker sehen weiteren Schritt zu staatlich kontrolliertem Internet. Ein Überblick.

Was sich wie ein schlechter Aprilscherz liest, soll in Russland zu Beginn des nächsten Monats Realität werden: Die vollständige Sperrung des beliebten Messengers Telegram. Dies geht aus Medienberichten hervor, zu denen die staatliche Kommunikations- und Aufsichtsbehörde Rozkomnadzor erklärte, dass sie den "veröffentlichten Informationen nichts hinzuzufügen" habe.

Zeitgleich schalten die Behörden in Moskau und anderen Regionen immer wieder das mobile Internet ab, offiziell aus Sicherheitsgründen bei Drohnenangriffen. Bürger stehen inmitten der Metropole so plötzlich ohne Netz da, Lieferdienste und einige Gewerbe bekommen Probleme.

Jüngste Entwicklungen

Die Maßnahmen der Behörde sind kein überraschender Schritt, sondern das Ergebnis einer längerfristigen Entwicklung. Schon ab Frühjahr 2025 wurden nach und nach VPN-Dienste blockiert, welche Internetverbindungen verschlüsseln und Online-Identitäten schützen, indem sie private IP-Adressen verbergen.

Während bereits im Februar 2026 die offizielle Ankündigung der Drosselung erfolgte, ist Telegram bereits seit Mitte März 2026 in Russland praktisch kaum mehr nutzbar. Seit dem 16. März ist der Zugang über heimische Internetanbieter für einen Großteil der Nutzer unterbunden, deren Zahl sich auf fast 97 Millionen beläuft.

Offiziell begründet Roskomnadzor den Schritt mit fehlender Kooperation bei der Löschung verbotener Inhalte, unzureichendem Datenschutz und der mutmaßlichen Nutzung des Dienstes für Betrug und Terrorismuspropaganda.

Telegram weist diese Vorwürfe zurück und spricht von einer gezielten Kampagne. Das Unternehmen betont, dass die Verschlüsselung nicht geknackt sei. Gegen den Telegram-Gründer, Pavel Durov, haben die russischen Behörden im Februar 2026 ein Verfahren eingeleitet. Der Vorwurf lautet: Unterstützung terroristischer Aktivitäten.

Kritiker vertreten die Auffassung, dass die Behörden nur nach einem Vorwand suchten, um den Dienst zu verbieten und die Nutzer zur staatlich entwickelten Alternative MAX zu lenken, mit dem Ziel, die digitale Kommunikation unter staatliche Kontrolle zu bringen.

MAX wird vom sozialen Netzwerk VKontakte betrieben, dessen Eigentümerstruktur maßgeblich vom Konzern Gazprom geprägt ist, und ist Teil jener technischen Infrastruktur, die in Russland derzeit im Rahmen des Ausbaus eines "souveränen", staatlich kontrollierten Internets entsteht.

Technisch umgesetzt wird die Sperre durch staatlich kontrollierte DNS-Server und sogenannte Deep Packet Inspection, eine Methode zur tiefgehenden Analyse und gezielten Blockade von Datenpaketen.

Die gängigste und in Zukunft wahrscheinlich massenhaft genutzte Methode für Endnutzer die Sperre zu umgehen, sind spezielle kostenpflichtige VPN-Dienste, wobei Anbieter etwa auf obfuskierte Server oder die Vergabe individueller ausländischer IP-Adressen setzen.

Militärs fürchten Verlust von Informationshoheit

Brisant ist, dass selbst Militärblogger und russische Einheiten, die sich im Ukraine-Krieg befinden, die Blockade kritisierten, da Telegram für die Truppenkommunikation als unverzichtbar galt. Sie wiesen insbesondere daraufhin, dass der Messenger im Einsatzgebiet aktiv genutzt werde, wo sich die Lage nach der Sperrung von Starlink (Dienstes zur Satellitenkommunikation) durch das Unternehmen SpaceX verschärft habe.

Viktor Sobolew, Mitglied des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, äußerte sich zur Kritik der Militärkorrespondenten und vertrat die Ansicht, dass Roskomnadzor Recht habe.

"Wir hätten schon letztes Jahr unser eigenes Internet in Betrieb nehmen sollen, dann gäbe es keine Probleme, anstatt auf Starlink zu setzen. Nun, da gab es wohl irgendeine Verzögerung. Ich denke, dieses Jahr werden wir dieses Problem lösen", sagte der Abgeordnete.

Er fügte hinzu, dass die Kommunikation zu Sowjetzeiten "auf höchstem Niveau" gewesen sei und vertrat die Position, dass "das Internet unser eigenes sein muss und nicht das von [Elon] Musk oder sonst jemandem".

Militärkorrespondenten und Militärblogger kritisierten ferner den Verlust von Informationshoheit. Der Kanal "Voendelo" bezeichnete die Verlangsamung des Messengers im letzten Monat als "Schuss ins eigene Bein". Zu lesen war, dass der Medienraum und die Agenda im Messenger praktisch den Europäern und der Ukraine überlassen werde.

Kritik aus Politik und Zivilgesellschaft

Dieser Kritik folgt unter anderem Nikolai Atlasow, Abgeordneter der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) im Staatsrat der Republik Tartastan.

In seiner Kolumne auf der Nachrichtenseite Kasanfirst bemängelt er, dass man durch die Sperrung von Telegram die eigenen Kanäle zur Einflussnahme auf die russischsprachige Öffentlichkeit im Ausland beschneide. Die Zahl russischsprachiger Menschen betrage einigen Schätzungen zufolge weltweit 300 Millionen Menschen, während in Russland weniger als die Hälfte davon lebt.

Atlasow zufolge sei das Problem vielen Politikern bewusst. Drei Parlamentsparteien – KPRF, Neue Leute sowie Gerechtes Russland – äußerten Kritik am Verbot von Telegram. Während sich die beiden Letztgenannten auf öffentliche Rhetorik beschränkten, versuchte die KPRF-Fraktion, die Maßnahmen von Roskomnadzor durch legislative Schritte in der Staatsduma zu blockieren, scheiterte jedoch im entscheidenden Moment an der fehlenden Unterstützung der anderen Parteien.

So bleibe derzeit nur die KPRF als Verteidigerin der Bürgerrechte, einschließlich der Informationsfreiheit, übrig. Denn seines Erachtens ist das Protestpotenzial in der Bevölkerung hoch.

Internationale Medien berichteten unterdessen über die erfolgreiche Unterdrückung von Protesten in Russland gegen die Sperrung von Telegram. Demnach verhinderten Behörden in etwa einem Dutzend Regionen Kundgebungen mit fadenscheinigen Begründungen wie Bauminspektionen, Schneeräumungsproblemen oder immer noch geltenden COVID-19-Beschränkungen.

Aktivisten wichen teils auf kleinere, legale Aktionen aus, um Risiken wie Festnahmen und Gerichtsverfahren zu vermeiden. Die Frustration über die Einschränkungen zeigt sich ebenso in vereinzelten Klagen und symbolischen Aktionen.

Tendenz zum staatlich kontrollierten Internet

Bestrebungen, das Internet unter staatliche Kontrolle zu bringen, sind Teil eines globalen Trends.

Während sich China bereits ab der Frühphase des Internets ab Mitte der 2000er Jahre mit der "großen Firewall des Volkes" vom weltweiten Netz entkoppelte (und damit neben Kontrolle auch die Entwicklung eines kompetitiven eigenen Software-Ökosystems bewerkstelligte), kommen vergleichbare Maßnahmen in Russland zu spät. Das plötzliche Entfernen populärer Anwendungen dürfte die Akzeptanz entsprechenden Regierungshandelns weitgehend schwächen.

In der Kritik stehen aber jüngst ebenso die EU und einige ihrer Mitgliedsländer. Anders als in Russland liegt der Fokus der EU derzeit "lediglich" auf Inhaltsmoderation: illegale Inhalte, Desinformation und Betrug stehen im Vordergrund. Im Zentrum steht der Digital Services Act, der in der Praxis auf vielfältige Kritik stößt. Ein gegenwärtig laufendes Prüfverfahren der EU-Kommission gegen große Plattformen könnte Auswirkungen auf Telegram haben.

Erst im Februar 2026 griff Telegram-Gründer Durow die spanische Regierung scharf an und warf Ministerpräsident Pedro Sánchez vor, das Land "unter dem Deckmantel des Schutzes in einen Überwachungsstaat" zu verwandeln. Anlass war ein geplantes Gesetz mit Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige und verpflichtender Altersverifizierung.

Im August 2024 wurde Durow in Frankreich kurzzeitig festgenommen. Nach seiner Freilassung bezeichnete er die Maßnahme als "rechtlich und logisch absurd", wies Vorwürfe unzureichender Extremismusbekämpfung zurück und betonte, Telegram habe weder seine Politik geändert noch gegen EU-Recht verstoßen.