Social Media: Das Verbot trifft auch die Nachrichten
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TikTok und YouTube gelten als Gefahr für Jugendliche. Eine britische Studie zeigt jedoch: Dort erreichen sie auch BBC und andere etablierte Sender.
Es ist schon fast ein alter Hut, was die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die Bundesregierung vorhaben: Altersbeschränkungen für Social-Media-Nutzung?
Der Ruf nach dem Social-Media-Verbot
Eine aktuelle Studie aus London legt nahe, dass damit womöglich das Kind (oder besser: die Kinder und Jugendlichen) mit dem Bade ausgeschüttet würde. Allerdings hier aus anderen Gründen, als man zunächst annehmen mag.
Politisch Verantwortliche sowie Leitmedien nicht zuletzt in Deutschland und in der EU stellen die Nutzung von "Social Media" durch Kinder und Jugendliche als mindestens problematisch dar.
TikTok, Instagram, YouTube werden z.B. für psychische Probleme der Nutzenden verantwortlich gemacht, aber auch für angeblich mangelnde Informiertheit hinsichtlich der aktuellen Nachrichtenlage und bezüglich allgemeiner Weltanschauungen junger Leute. Da sei (zu) viel Desinformation im Spiel auf den Plattformen.
Der unterschätzte Nachrichtenkanal
In den auf Bundesebene regierenden Parteien CDU und SPD gibt es klare Orientierungen auf eine Social-Media-Altersbeschränkung in Deutschland von 14 Jahren. Doch inwiefern erscheint ein solches Verbot sinnvoll? Kritische Stimmen monieren u.a fragwürdige Verhältnismäßigkeit oder auch, dass man damit die Informations- und Medienfreiheiten (weiter) einschränke sowie insbesondere junge Leute (noch mehr) bevormunde.
Einsichten verspricht ein Blick über den deutschen und EU-Tellerrand nach Großbritannien, wo ein regierungsamtliches Social-Media-Verbot für junge Leute unter 16 Jahren bevorstehen könnte.
Die Teens dort zwischen 12 und 15 Jahren beziehen ihre Nachrichten laut einer aktuellen Studie der offiziellen britischen Medien-Regulierungsbehörde Ofcom (Office of Communications) mit großem Abstand vor allem über "Social Media" und Videoplattformen, also Angebote wie TikTok, Instagram und YouTube.
Die BBC erreicht Jugendliche über Social Media
Fast vier von fünf Befragten (78 Prozent) gaben an, sich genau dort über Nachrichtliches zu informieren. Die dabei am häufigsten erwähnten Plattformen sind TikTok (42 Prozent), YouTube (38 Prozent), vielleicht etwas überraschend auch Facebook (32 Prozent) und dann erst Instagram (29 Prozent) sowie Snapchat (17 Prozent), WhatsApp (17Prozent) und X/Twitter (14 Prozent).
Vielleicht ist vieles der Aufregung seitens etablierter Politik und Medien heiße Luft?
Denn wie bei Erwachsenen stammt ein Großteil der Nachrichten, mit denen Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 15 Jahren über "Social Media" in Berührung kommen, von ihrerseits etablierten Rundfunkanstalten wie hier vor allem der öffentlich-rechtlichen BBC.
Rundfunk schlägt Influencer – außer auf TikTok
Ein ganz erheblicher Anteil der 12- bis 15-Jährigen gibt an, auf Plattformen nicht zuletzt Nachrichteninhalte öffentlich-rechtlicher Sender zu nutzen, insbesondere der BBC: Ganz vorne dabei mit 53 Prozent die X-Nutzenden, es folgen 46 Prozent jener jungen Leute mittels YouTube, 43 Prozent per Facebook und 41Prozent via Instagram.
Insgesamt gaben sogar 70 Prozent der X-Nutzenden (sic!) dieser Altersgruppe an, Nachrichten der verschiedenen britischen Rundfunkanstalten auf "X" zu sehen. Bei YouTube gilt das auch noch für 64 Prozent der jungen Befragten, für immerhin ebenfalls deutliche Mehrheiten junger Leute bei Facebook (63Prozent) und Instagram (61Prozent).
Lediglich bei TikTok sieht es etwas anders aus: Befragte zwischen 12 und 15, die Nachrichten auf jener Plattform nutzen, holen sich diese etwas häufiger von Influencern oder sonst im Internet aktiven Inhaltsproduzierenden (46 Prozent) als von britischen Rundfunkanstalten (42 Prozent).
Auf sämtlichen anderen relevanten Plattformen wie YouTube, Facebook, Instagram, Snapchat und eben ironischerweise vor allem Elon Musks "X" nutzen laut Studie britische Kinder und Jugendliche jedoch häufiger Nachrichten von etablierten Rundfunkanstalten.
Jenseits der Plattformen wird die Auswahl dünn
Zudem gibt es auch in anderer Hinsicht wenig Evidenz, die Nutzung von Plattform-News extrem zu beschränken: Fast die Hälfte der 12- bis 15-Jährigen (41 Prozent) äußert (Mehrfachnennungen waren möglich, bezogen auf den vergangenen Monat), Nachrichten (auch) durch Gespräche in ihren Familien zu erhalten. Immerhin 39 Prozent der Befragten nutzen dafür direkt Fernsehnachrichten/Streaming-Dienste.
Allerdings ebenso bemerkenswert: Andere mediale Zugänge zu Nachrichten werden der Studie zufolge von Kindern und Jugendlichen weitaus seltener genutzt, darunter Radio (20 Prozent), TV-Websites oder -Apps (16 Prozent) sowie Podcasts (14 Prozent) oder gar gedruckte Zeitungen (6Prozent) sowie überraschend ebenso wenig auch die Webseiten/Apps von Zeitungen (sechs Prozent).
Die klassischen Nachrichtenwege verlieren den Anschluss
Abschließend noch ein Blick auf einige sozioökonomischen Aspekte, welche die Studie thematisiert: Rund ein Drittel (34 Prozent) der befragten 12- bis 15-Jährigen gibt an, sich für Nachrichten zu interessieren. Jeweils ziemlich genau ein weiteres Drittel zeigt sich hier neutral oder aber ausdrücklich nicht-interessiert.
Dabei ist der Anteil an News-Interessierten bei Jugendlichen aus materiell privilegierteren Verhältnissen mit ca. 50 Prozent etwa doppelt so hoch wie jener bei den finanziell Ärmeren.
Das erscheint bedenklich und kann mit dem kommunikationswissenschaftlichen Modell wachsender Wissensklüfte erklärt werden:
Wer von Kindesbeinen vertraut ist mit den angesagten Neuigkeiten, bleibt eher dran und kann den Wissens-Vorsprung gegenüber weniger Privilegierten oft sogar noch ausbauen.
Von jenem nicht an Nachrichten interessierten Drittel geben 54 Prozent an, die News seien "langweilig". Das ist laut Studie der meistgenannte Grund (Mehrfachnennungen möglich) für Nachrichten(ver-)meidung.
Wer möchte schon als "Nicht-Engagiert" gelten?
Diese Skepsis gegenüber Nachrichten bezeichnen die Forschenden als "lack of engagement" und damit erstaunlich negativ. Wer möchte schon als "Nicht-Engagiert" gelten?
Weitere 35 Prozent bewerten die Nachrichtenangebote als "depressing", 24 Prozent empfinden sie als beunruhigend/verstörend ("upsetting"). Elf Prozent der jungen Nachrichtenvermeider erklären, sie vertrauten den News nicht.
Sind das nun (zu) viele oder eher wenige junge Leute? Den BBC-Angeboten auf "Social Media" sprechen von allen befragten jungen Leuten jedenfalls nur acht Prozent ihr Misstrauen aus, bei der privatwirtschaftlichen etablierten Konkurrenz sind es einerseits gar nur fünf (ITV) bzw. andererseits auch nur zehn Prozent (Channel 4) der Befragten.
Allesamt kaum Gründe oder auch nur Anlässe, "Social Media" mit strenger Altersbeschränkung zu versehen - weder in Großbritannien, noch in Deutschland oder der EU.