Zwei-Klassen-Medizin: Wenn die Krankenversicherung zur Kostenfalle wird
Privatversicherte klagen über steigende Beiträge. Die Zwei-Klassen-Medizin gerät politisch unter Druck. Verbände fordern ein Umdenken.
Für viele privat Krankenversicherte sind die Beiträge zum Jahresanfang gestiegen. Medienberichte häufen sich: Immer mehr Rentner sehen steigende Monatsbeiträge als existentielle Belastung.
Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) hat mitgeteilt, dass ab Anfang 2026 für rund 60 Prozent der Versicherten deutliche Beitragserhöhungen angesagt sind. "In den vergangenen Jahren kam es bei privaten Krankenversicherungen immer wieder zu erheblichen Beitragsanpassungen", meldet die Verbraucherzentrale NRW.
Hierzulande ist etwa jeder Zehnte privat versichert, der Rest gesetzlich versichert. Der Verband der Privaten Krankenversicherung beschwichtigt:
"Schaut man sich den langfristigen Beitragsverlauf in der Privaten und Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) an, stellt man fest, dass die Entwicklung trotz der aktuellen Beitragserhöhung sehr nah beieinander liegt. Zwischen 2006 und 2026 sind die Beitragseinnahmen in der PKV je Versicherten um durchschnittlich 3,4 Prozent pro Jahr gestiegen. In der GKV liegt der Wert bei 3,9 Prozent, hat das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) berechnet."
Auch haben privat Versicherte Vorteile gegenüber gesetzlichen: "Wer privat versichert ist, kann damit rechnen, dass er deutlich schneller an einen Arzttermin kommt als Normalsterbliche, also gesetzlich Versicherte. 30 Prozent der Kassenpatienten mussten mehr als zwei Monate auf ihren Termin beim Facharzt warten", berichtete Stiftung Warentest.
Das ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey unter 500 Befragten im letzten Jahr.
Anders als bei einer gesetzlichen Krankenkasse sind die Beiträge bei der privaten Versicherung nicht vom Einkommen des Versicherten abhängig. Die Prämie muss jeden Monat gezahlt werden, unabhängig von der Höhe des Einkommens. In jungen Jahren werden so in der Regel – verglichen mit der gesetzlichen Versicherung – erhebliche Beiträge gespart, Versicherungsvertreter versuchen mit diesem Argument Lebensversicherungen zu vermitteln. Im Alter empfehlen Versicherungskonzerne oftmals die Umstellung des Tarifes.
"Ersparnisse durch Tarifwechsel können häufig mit Leistungseinschränkungen einhergehen, so dass alle persönlichen Umstände des Verbrauchers für eine Abwägung berücksichtigt werden sollten."
Katrin Reinhardt, Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein
Neuer Tarif löst keine tiefgreifenden Probleme
Verbraucherzentralen berichten von vermehrten Beratungsanfragen zu Beitragserhöhungen der privaten Krankenversicherung. Ein neuer Tarif löst jedoch das Kernproblem nicht. "Es gibt einen doppelten Effekt der Selektion, die Einkommensstarken verlassen die gesetzliche Krankenversicherung und die Gesunden", sagt der Gesundheitsökonom Stefan Greß von der Hochschule Fulda.
Diese Menschen fehlen im System der gesetzlichen Krankenversicherung, denn dieses beruhe auf Solidarität.
"Wenn ein Teil der Versicherten sich dieser Solidarität entziehen kann, dann wird das System insgesamt geschwächt."
Stefan Greß
Im Bundestagswahlkampf 2025 forderte die SPD eine Bürgerversicherung für alle und damit die Abschaffung der privaten Krankenversicherung. "Wir setzen auf ein solidarisches System, das allen Menschen gleichen Zugang zu Gesundheitsleistungen in gleicher Qualität ermöglicht", heißt es im Wahlprogramm der SPD:
"Ein solidarisches Finanzierungssystem schafft Vertrauen und nimmt den Bürgerinnen und Bürgern die Sorge vor finanziellen Belastungen. Versicherte dürften nicht durch ihre Wahl der Krankenkasse benachteiligt werden.
Das Beitragssystem soll gestärkt werden und zu einer "solidarischen Bürgerversicherung" werden, so die Sozialdemokraten vor der Wahl. Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung wurde das Thema nicht eingebracht.
Diskussion über die Finanzierung des Gesundheitswesens
Die Diskussion über die Finanzierung des Gesundheitswesens geht weiter. Eine solidarische Krankenversicherung, in die alle einzahlen, fordert etwa Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland.
Die "Einführung einer von allen für alle finanzierten Bürgerversicherung", schlägt IG Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban vor. In diese Bürgerversicherung sollen alle – auch Beamte, Politiker, Selbständige und Besserverdienende – einbezogen werden und einkommensabhängige Beiträge zahlen. Damit würde die zweigeteilte Krankenversicherung in eine gesetzliche und private entfallen.