Anstieg der Firmenpleiten: Experten sprechen von "Normalisierung" der Wirtschaft

(Bild: Ratfink1973, Pixabay)
Ein Viertel mehr InsolvenzantrĂ€ge als im Vorjahr. Folgen der Pandemie, Energiekrise und Inflation spĂŒrbar. Warum Experten im Anstieg keine Pleitewelle sehen wollen.
Die Zahl der Firmenpleiten steigt weiter an, auch wenn Experten dies als Teil einer "Normalisierung" nach der Pandemie bezeichnen. Im Juli beantragten fast ein Viertel mehr Unternehmen ein regulÀres Insolvenzverfahren als im Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt [1] in Wiesbaden mitteilte.
Obwohl sich der AufwĂ€rtstrend bereits seit einigen Monaten abzeichnet, gehen Experten nicht von einer Pleitewelle aus, sondern von einer RĂŒckkehr zur NormalitĂ€t.
"Trotz deutlichem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen im Juli sehen wir nicht die vielfach erwÀhnte Insolvenzwelle", sagte Christoph Niering, Vorsitzender des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID), der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Der Anstieg der Unternehmensinsolvenzen wird auf verschiedene Faktoren zurĂŒckgefĂŒhrt, darunter die anhaltende KonjunkturschwĂ€che, steigende Energie- und Materialkosten sowie höhere Kreditkosten aufgrund gestiegener Zinsen.
WĂ€hrend der Coronapandemie hatte die Bundesregierung die Insolvenzantragspflichten teilweise ausgesetzt, um eine Flut von Firmenpleiten zu verhindern. Trotz Pandemie und Energiekrise blieb die Zahl der Insolvenzen dank staatlicher UnterstĂŒtzung niedrig. Seit August letzten Jahres steigt sie jedoch kontinuierlich an.
Experten sind sich einig, dass die aktuellen Insolvenzzahlen kein Indikator fĂŒr eine lĂ€nger anhaltende Insolvenzwelle sind, sondern eher auf Nachholeffekte hindeuten. Viele der betroffenen Unternehmen hatten bereits vor der Pandemie mit finanziellen Schwierigkeiten zu kĂ€mpfen. Staatliche Hilfen wĂ€hrend der Pandemie und der Energiekrise haben die Insolvenzen vielerorts hinausgezögert, sodass sich nun eine Art Marktbereinigung abzeichnet.
Das Statistische Bundesamt weist darauf hin, dass Regelinsolvenzverfahren erst nach dem ersten Beschluss des Insolvenzgerichts statistisch erfasst werden. Der tatsĂ€chliche Zeitpunkt des Insolvenzantrags liege daher in vielen FĂ€llen rund drei Monate frĂŒher.
EndgĂŒltige Zahlen liegen fĂŒr den Monat Mai vor. In diesem Monat meldeten die deutschen Amtsgerichte 1.478 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 19 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Die Forderungen der GlĂ€ubiger bezifferten die Amtsgerichte auf knapp vier Milliarden Euro. Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, war das fast doppelt so viel wie im Mai 2022 mit knapp 2,2 Milliarden Euro.
Die meisten Insolvenzen je 10.000 Unternehmen werden derzeit im Bereich Verkehr und Lagerei mit 8,7 FĂ€llen gemeldet. Es folgen die sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen, zu denen z. B. die Zeitarbeit gehört, mit 7,4 FĂ€llen. Die wenigsten Insolvenzen gab es dagegen in der Energieversorgung. Auch das Leibniz-Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung Halle (IWH) [2] hat auf Basis eigener Erhebungen fĂŒr den Juli hohe Insolvenzzahlen festgestellt. Vor allem Industrie und Handel seien betroffen, hieĂ es am Donnerstag.
Besonders betroffen ist demnach die Schuh- und Modebranche, da die KaufzurĂŒckhaltung der Verbraucher in Zeiten hoher Inflation das GeschĂ€ft belaste. FĂŒr die kommenden Monate prognostiziert das Institut jedoch keinen signifikanten Anstieg der Insolvenzzahlen.
Auch wenn der Anstieg der Insolvenzen besorgniserregend erscheinen mag, weisen die Experten darauf hin, dass es sich dabei um einen natĂŒrlichen Prozess zur Bereinigung der Wirtschaft und zur StĂ€rkung gesunder Unternehmen handelt.
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[1] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/08/PD23_314_52411.html
[2] https://www.iwh-halle.de/presse/pressemitteilungen/detail/iwh-insolvenztrend-zahl-der-insolvenzen-bleibt-hoch/
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