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Der Schlüssel zum Ursprung der menschlichen Sprache steckt in der Phonetik des Pavians

Makaken in Taiwan. Foto: CC0 Public Domain

Ist die menschliche Sprache sehr viel älter, als man bisher geglaubt hat? - Teil 3

Zu Teil 1: Die Zunge des Pavians [1]

Zu Teil 2: Was der Affe spricht [2]

Es klingt unglaublich, nicht wahr? Aber unsere nächsten Verwandten, die Hominiden - Gorilla, Schimpanse, Orang-Utan - besitzen nicht einmal ein elementares Pidgin. Man kann von ihnen nicht sagen, dass sie uns in spätestens sechs Millionen Jahren sprachlich eingeholt haben werden. Einzig die Bonobos piepsen sich gegenseitig im Befehlston an, in einem elementaren Binärkode, wie eine amerikanische Ampel: "Walk!", "Don't Walk!" - "Tu das. Tu das nicht." Und sie verstehen die Message, weil sie die Blicke des Sprechenden deuten können. "Gib mir die Nuss." - "Nimm du den Stock dort." Das ist immer noch um Etliches weniger als Tarzans berühmtes "Me Tarzan. You Jane."

Andererseits wiederum taten unsere Wissenschaftler sich schwer damit, ihre Scheuklappen abzuwerfen. 150 Jahre lang weigerten sie sich, den Neandertaler als "Menschen" anzuerkennen, sie sprachen ihm beharrlich die Sprachfähigkeit ab. Mal fehlte ihm das Zungenbein, bis sich endlich einmal eines fand, in Israel. Dann wieder lag sein Kehlkopf zu hoch, wie bei den Hominiden. Er hätte also gar kein normales Timbre, wie wir es gewohnt sind, aufweisen können; bestenfalls hätte er alles, was er sagte, mit Falsetto-Stimme auf den einen Vokal "E" reduzieren müssen [3].

Allan Wilson, der neuseeländisch-amerikanische Genetiker, der die These vom afrikanischen Ursprung aller heute lebenden Menschen entwickelte, vermutete ebenfalls, dass Neandertaler "sprachlos" gewesen sein müssten. Sie starben aus, meinte er, weil beim Sex zwischen Homo sapiens und Neandertalern sprachlose Kinder gezeugt worden wären, die als "Dorftrottel" für die nächste Generation sexuell wenig anziehend gewesen sein dürften. Das war durchaus noch die gängige These, als Wilson 1991 starb.

Heute müssen wir annehmen, dass es einen Grund gegeben hat, warum sich alle Hominiden aus der Welt zurückgezogen haben. Die gigantischen Orang-Utans Südostasiens starben schon zur Homo-erectus-Zeit aus, vermutlich als Jagdbeute ihrer menschlichen Widersacher. Einzig ihre "zwergenhaften" Verwandten, die heutigen Orangs, überlebten auf sicheren Inseln und auf hohen Baumwipfeln. (Bis eben gerade noch.) Der kongolesische Berg-Gorilla, der George Schaller und Dian Fossey so begeisterte ("Gorillas im Nebel"), überlebte in unzugänglichen Regionen und dank seines dichten Fells. Leider bietet das keinen Schutz vor den Gewehren der heutigen Jäger, die sein Fleisch kochen und seine getrockneten Pfoten als Aschenbecher verkaufen.

Erfolgreiche Affenspezies, neben dem Menschen, die auf der ganzen Erde verbreitet sind, gibt es nur zwei. Makaken und Paviane. Jeder kennt die Bilder der japanischen Makaken, wie sie mit dichtem Fell zu Hunderten im Schnee sitzen [4] oder neugierig gaffende Menschen um Nüsschen anbetteln. Jeder kennt die YouTube-Filmchen von den verzweifelten Menschen in Indien, die aufdringliche Paviane aus ihren Küchen zu vertreiben versuchen. Und ebenso die Makaken [5].

Makaken könnten sprechen, machen es aber nicht

Aber erst in unseren Tagen, in allerjüngster Zeit, kamen Wissenschaftler auf die Idee, einmal diese - wie der Mensch - erfolgreich in der ganzen Welt verbreiteten und hochkommunikativen Tiere unter die Lupe zu nehmen (bzw. unters Röntgengerät zu legen). Der in Wien arbeitende amerikanische Kognitionsbiologe Tecumseh Fitch und Kollegen durchleuchteten den Mundraum lebender Makaken beim Fressen, Grimassenschneiden und Laute-von-sich-geben. Mit diesen Daten schufen sie ein Computerprogramm, um das Sprechvermögen der Makaken zu erkunden.

Es stellte sich heraus, dass sie die gleichen Vokale wie wir Menschen (a, e, i, o, u) und zahlreiche Konsonanten (p, b, k, g, h, und m) mühelos hinbekommen können - sie haben also alle Voraussetzungen, um wie Menschen zu sprechen. "Das Modell zeigt", schrieb Fitch in einer Aussendung, "dass es für Affen ein Leichtes wäre, viele verschiedene Sprachlaute zu produzieren, um daraus Tausende unterschiedliche Worte zu formen." Tatsächlich ließen sich die mit künstlichen Affenstimmen hergestellten Sätze wie "Will you marry me?" oder "Joyeux noel", kaum von menschlichen Stimmen unterscheiden - die englischen Sätze klängen sogar irgendwie "Amerikanisch", hieß es.

Warum die Makaken trotzdem nicht sprechen? Fitch meinte, sie hätten zwar einen sprechtauglichen Vokaltrakt, aber die für Sprache nötige Voraussetzungen im Gehirn, um kontrolliert Laute zu äußern und zu kombinieren, fehlten bei ihnen.

Ähnliche Resultate kamen aus Frankreich. Eine Gruppe um Joel Fagot an der Universität Aix-Marseille, unweit von Marseille, identifizierte Laute bei Pavianen, die mit menschlichen Vokalen und Konsonanten verwandt sind. Dieser aufwändige Prozess führte zu der Schlussfolgerung, dass Paviane die gleichen Laute produzieren wie menschliche Kinder im Alter von etwa 12 Jahren. Der Mangel eines tiefer gelegenen Kehlkopfes wurde dabei als vernachlässigenswert eingeschätzt.

Die französischen Wissenschaftler kamen zuletzt zu dem Schluss, dass die menschliche Sprache nicht etwa "de novo" (völlig unvermittelt) vor circa 100.000 Jahren entstanden ist, sondern dass ein äquivalentes proto-vokalisches System auch schon bei unserem letzten gemeinsamen Vorfahren mit den heutigen Pavianen vor rund 25 Millionen Jahren angenommen werden kann und dass dieses System den Grundstein für alle heute existierenden menschlichen Sprachen abgegeben hat.

Und die Zunge des Pavians wurde auch - obwohl sie etwas länger ist als die von Gene Simmons - in ihrer Funktionalität als der menschlichen Zunge voll vergleichbar erkannt. Hierzu gab es zwei anatomische Studien an je einem männlichen und weiblichen Pavian, die bereits vor dem Beginn des Projekts eines natürlichen Todes gestorben waren.

Geheimnis noch nicht ganz gelöst

Das Geheimnis der menschlichen Sprache ist damit aber noch nicht gelöst. Das Broca-Areal und das Wernicke-Zentrum im Gehirn, vergleichbar dem Ohr-und Mund-Teil eines altertümlichen Telefonhörers - also wichtig für Verständnis und Äußerung von Sprache -, gibt es auch im Gehirn der kleinsten Äffchen. Dort dienen diese Teile anderen Funktionen, aber wir begegnen proto-sprachlichen Elementen in allen unseren äffischen Verwandten. Und nicht nur dort.

Eine Tonaufnahme des typischen Abendgesanges einer Amsel - vergleichbar mit den Sechs-Uhr-Nachrichten im Radio - erweist sich als eine komplexe Komposition, wenn man die Aufnahme einmal langsamer ablaufen lässt. Umgekehrt, nimmt man eine Unterwasseraufnahme des Gesanges eines typischen Blauwals, und beschleunigt die Abspielgeschwindigkeit, vermeint man, dem Gesang einer Amsel zu lauschen. Diese Ähnlichkeiten mögen rein zufällig sein, aber sie sind zu auffällig, um völlig ohne jede Bedeutung zu sein.

Nicht weniger überraschend sind die musikalischen Leistungen eines - schließlich nur halb-walnußgroßen - Katzengehirns, das sich an Musik erinnert, die das Tierchen in seinen ersten sechs Lebensmonaten gehört hat. Nicht anders beim Menschen. Musik, die das Baby in frühester Kindheit hörte, erscheint auch dem 20-Jährigen "vertraut", je nachdem angenehm oder unangenehm. Ich selber konnte erleben, dass der Berliner Dialekt, den ich nur etwa bis zu meinem vierten Lebensjahr gehört hatte, nach kurzer Zeit, als ich mit 37 Jahren Berlin ausführlicher besuchte, wieder komplett restauriert und präsent war. Und auch heute noch versinke ich, wenn ich einmal vor Zorn oder Frust kein Wort mehr hervorbringe und nur noch spotze und stammele, fast automatisch auf die tiefste Stufe meiner sprachlichen Sozialisation und werde wieder zum Berliner.

Diese ganz frühe Sprachschicht habe ich auch bei Babys gesehen, die noch gar nicht sprechen konnten. Ich sprach einmal eine Mutter in Wien an, auf Englisch, deren Kind im Kinderwagen nur einen einzigen Vokal geäußert hatte. Bereits in diesem Vokal war das englische Sprachbild der Mutter perfekt abgebildet.

Zwei Schlussfolgerungen möchte ich hier noch anschließen: Die menschliche Sprache scheint eine genetische Mutation darzustellen, die plötzlich, unter bestimmten Umständen aufgetreten ist, sicher nicht in der Savanne, und sich all jener, bereits in den Affenfamilien von langer Hand vorbereiteten Sprech-Werkzeugen zu bedienen lernte. Um das zu können, um diese komplexe Kombination von Lauten zu schaffen, bedurfte es einer bestimmten Größe und inneren Verdrahtung des Gehirns. Die Paviane, Makaken, und die großen Hominiden, besitzen diese Eigenschaften nicht.

Auch wir modernen Menschen beginnen mit der Sprache manchmal schon mit 15 Monaten und zuweilen erst mit dreieinhalb Jahren. Die Eltern sind besorgt, sie gehen zum Sprachtherapeuten, sie lassen die Ohren des Kindes untersuchen (ob das Mädchen vielleicht schwerhörig ist) und so weiter. Nein, sie ist normal. Und plötzlich, mit dreieinhalb Jahren, beginnt sie zu plappern, in fertigen Sätzen. Und hört nicht mehr auf.

Es scheint da wie bei der Fahrenheit 451 zu sein.1 [6]

Es bedarf eines gewissen Hubraums im Gehirn, bevor Sprache einsetzen kann. Das kann beim Dreijährigen zu dem verspäteten Sprachbeginn, zum "Einstein-Syndrom" führen. Aber Sprache "kommt", erst nach der Geburt, weil das Gehirn erst heranreifen muss, aber es ist klar, dass der ganze Evolutionsprozess, der einen Cousin des Pavians zum Menschen werden ließ, sprachgesteuert verlaufen musste. Und verlaufen ist. Denn wir sind es, die auf der Spitze des Empire-State-Buildings stehen - und nicht etwa King Kong.

Es fragt sich indessen, ob z.B. die Hobbits auf Flores, indem sie stets weiter schrumpften, diesen Prozess nicht irgendwann unterschritten, in sein Gegenteil verkehrten, ob die Limbo-Latte nicht zuletzt zu niedrig hing, um ihnen ein Leben als Menschen zu ermöglichen. Aber es ist leicht zu sehen, dass sprachliche Kommunikation, praktisch auf dem gewöhnlichsten Telenovela-Level, fast schon auf der Stufe der Paviane und Makaken, vollkommen ausgereicht hätte. Hunger, Liebe, Eifersucht.

Sogar die kleinsten Äffchen sind perfekte "Space Invaders"-Spieler. Aber irgendwann, vielleicht tatsächlich erst vor 30.000 Jahren, war der Homo sapiens dann auf einmal zu jenen Sprach- und Gedächtnisleistungen fähig, die es ihm erlaubten, die einfachen Abzählreime bei der Fertigung des Faustkeils beiseite zu legen und komplexe Werkzeuge zu erschaffen. Die Zeit des modernen Menschen hatte begonnen. Was dafür wohl den Kick geliefert hat? Ich vermute, einfach die große Zahl, Synergien der gegenseitigen Beeinflussungen.


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[2] https://heise.de/-3618679
[3] https://en.wikipedia.org/wiki/Origin_of_speech
[4] https://www.youtube.com/watch?v=s1M361MVwkw
[5] https://www.youtube.com/watch?v=sZ6Mqx6Nop4
[6] https://www.heise.de/tp/features/Der-Schluessel-zum-Ursprung-der-menschlichen-Sprache-steckt-in-der-Phonetik-des-Pavians-3630724.html?view=fussnoten#f_1