Emma-Bericht: Russische Kindesentführung nur Propaganda?
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Alice-Schwarzer-Zeitschrift meldet Zweifel an Vorwürfen russischer Kindesentführungen. Über die Schwierigkeit, Propaganda von Realität zu unterscheiden.
Kein Krieg ohne Narrativ. Um Menschen in Zeiten der Menschenrechte für Unmenschlichkeiten zu gewinnen, müssen diese in eine Rahmenerzählung eingebettet werden, die die Wirklichkeit auf einen Kampf von Gut gegen Böse reduziert.
Früher bezeichnete man solche Narrative mit dem Begriff der Propaganda. Ein Begriff, der in früheren Zeiten durchaus positiv konnotiert war. Das ist heute anders.
Heute wird die Verbreitung von Propaganda in erster Linie mit autoritären oder faschistischen Staaten assoziiert. Dabei reicht er über die rein historische Verortung hinaus, bei der den deutschen Nationalsozialisten – Stichwort: Volksempfänger – eine singulär verbrecherische Rolle zugeschrieben wird.
Narrative zur Kriegsmobilisierung
Über diese singuläre Erfahrung hinaus finden sich in der Geschichte aber auch Beispiele, in denen auch die "Guten" Narrative zur Kriegsmobilisierung bedienten.
Erzählungen über deutsche Soldaten, die im Ersten Weltkrieg Köpfe von Neugeborenen auf Bajonette spießten, Iraker, die im zweiten Golfkrieg Brutkästen umstürzten oder Serben, die im Kosovo-Krieg menschliche Föten "grillten", eint dabei eines: Sie illustrieren die Unmenschlichkeit des Feindes, der dann zur Rettung der Menschlichkeit mittels Unmenschlichkeit – dem Töten – Einhalt geboten werden muss.
Und noch etwas eint die Erzählungen: Es handelt sich um Lügen oder nicht überprüfbare Behauptungen. Propaganda hat sich eben in erster Linie an ihrer Wirkung zu bemessen, und nicht an ihrem Wahrheitsgehalt. Auch, wenn Propaganda mit einem wahren Kern als die effektivste gilt.
Ukraine-Krieg: Propaganda und/oder "strategische Kommunikation"
Aber auch heute findet der Begriff Verwendung, zumeist in Bezug auf erklärte oder latente Feindstaaten des sogenannten kollektiven Westens unter Anführung der USA. "Propaganda" gibt es in China, in Nordkorea, im Iran, und seit Februar 2022 verstärkt: in Russland. Deshalb hat die freie Welt aber nicht aufgehört, Kriegsnarrative einzusetzen.
Stattdessen wurde die altbewährte Methode lediglich einer begriffshygienischen Reinigung unterzogen. Und findet heute als "strategischen Kommunikation" Eingang in die militärische Planung. So auch bei der Nato in Bezug auf den Ukraine-Krieg.
Dort hat sich am Beispiel des Massakers von Butscha (zumeist datiert auf Anfang März 2022) gezeigt, welche Wirkung emotionalisierende Erzählungen – das wahllose Töten Unschuldiger – entfalten kann.
Die am 29. März 2022 aufgenommene, mögliche diplomatische Beilegung des Konflikts in Istanbul ist nicht zuletzt auch an der Empörung der internationalen Gemeinschaft über die Grausamkeiten in Butscha gescheitert, die man Russland zur Last legt. Die Regierung in Moskau bestreitet die Grundlagen der Anklagen bis heute.
Ein weiterer Vorwurf, der Russlands Ansehen international in großen Misskredit brachte, lautet, dass die Föderation massenweise ukrainische Kinder aus den besetzten Ostgebieten der Ukraine entführt habe.
Der Vorwurf der systematische Kindesentführungen
In Deutschland haben sich etwa Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) oder Roderich Kiesewetter (CDU), aber auch der alte und neue Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) dieser Vorwürfe bedient, um ihre Standpunkte eines entschiedenen Vorgehens gegen Russland – bekanntermaßen auch auf russischem Territorium – zu untermauern.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (EVP) behauptete im März 2023, von 16.200 entführten Kindern zu wissen und sprach im Zusammenhang mit Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) von einem Kriegsverbrechen.
Nach jüngsten offiziellen Angaben ukrainischer Behörden handelt es sich um rund 20.000 Kinder, die von Russland "systematisch" entführt worden seien.
Ein Artikel der von Alice Schwarzer gegründeten, feministischen Zeitschrift Emma vom 21. August hat nun Zweifel an dieser Erzählung angemeldet und Fragen dazu aufgebracht, inwieweit es sich bei jenen massenweisen Verschleppungen nicht doch um ein Beispiel für "strategische Kommunikation" handeln könnte. Mit welcher Substanz wird dies vorgebracht?
Kooperation mit Rotem Kreuz und UN-Organisationen
Der Autor Helmut Scheben hatte bereits Ende Juli auf der Schweizer Online-Plattform globalbridge.ch über "Ungereimtheiten und Widersprüche innerhalb der Narrative vom 'russischen Kinderräuber'" geschrieben.
Zu diesen zählt Scheben insbesondere, dass Russland mit internationalen Hilfsorganisationen wie dem Internationalen Roten Kreuz (IKRK), UN-Organisationen wie UNICEF und dem UNHCR und seit Oktober 2023 auch mit dem Golfstaat Katar zusammenarbeite, um Kinder zu ihren Eltern zurückzubringen, die 2022 aus dem Kriegsgebiet geflüchtet seien.
Dabei beruft sich Scheben allerdings auf Angaben des "russischen Kinderschutzbüros", wie sie der in Deutschland verbotene Sender Russia Today am 8. Juni veröffentlichte.
Diesen Angaben zufolge seien etwa 2.000 Kinder aus Waisen- und Sozialheimen von Hilfskräften aus dem Donbass sowie dem russischen Militär nach Russland evakuiert worden. Verletzte und traumatisierte Kinder hätten in russischen Pflegeeinrichtungen oder Reha-Kliniken Behandlung erhalten, während rund 380 Kinder vorübergehend in russischen Pflegefamilien untergebracht worden seien.
Schließlich argumentiert Scheben mit einem Bericht des Yale Humanitarian Research Lab (HRL) vom März, welchem zufolge von etwa 19.000 "zwangsdeportierten" ukrainischen Kindern 1.236 (nicht wie angegeben 1.366) Kinder identifiziert und in die Ukraine zurückgeführt werden konnten.
Allerdings führt das HRL die Zahlen nicht als Beleg gegen, sondern für die gezielte Russifizierung mittels Adoptionen an.
Scheben führt dagegen den Erfolg der Rückführungen im Wesentlichen auf die Kooperation Russlands zurück. Das wiederum will aber nicht recht zu den früheren Anschuldigungen des HRL passen, wonach Russland sich einer „vorsätzlichen Verschleierung“ schuldig gemacht habe.
Russischer Unterhändler: "Kein einziges entführtes Kind"
Die Online-Plattform Nachdenkseiten, die mit Florian Warweg einen ehemaligen RT-Autor beschäftigt, hatte bereits im Juni behauptet, eine "Verschwörungserzählung des Westens" stürze in sich zusammen, weil offizielle Vertreter der Ukraine im Zuge der neuerlichen Verhandlungen mit Russland eine Liste von (nur) 339 vermissten Kindern übermittelten.
Dabei bezogen sich die Nachdenkseiten allerdings wiederum auf eine russische Quelle: auf eine Meldung der russischen Nachrichtenagentur Interfax.
Damit, so die Argumentation, seien Behauptungen wie die von Kathrin Göring-Eckardt (Grüne) entkräftet, wonach die Namen der (oben genannten) 20.000 Kinder bekannt seien. Diese Darstellung deckt sich mit der des russischen Chefunterhändlers Wladimir Medinski:
Es gibt kein einziges entführtes Kind. Es gibt Kinder, die von unseren Soldaten unter Einsatz ihres Lebens gerettet, unter Gefahr herausgeholt und aus dem Kampfgebiet gebracht wurden. Und wir suchen nach Eltern, und wenn Eltern auftauchen, bringen wir sie zurück.
Wladimir Medinski, zitiert von Interfax
Auch abgesehen von der einseitigen Quellenlage sind damit die Anschuldigungen gegenüber Russland offenbar nicht vom Tisch.
Erst vergangene Woche berichteten noch mehrere deutsche Medien – unter Bezug auf die (EU-kofinanzierte) NGO Save Ukraine davon, dass Russland entführte Kinder im Internet zur Adoption anbiete.
Die ukrainische NGO spricht von einem "Sklavenkatalog". Entsprechende Vorwürfe waren bereits 2024 in der öffentlichen Berichterstattung zu finden. Auch die neuesten Berichte halten weiter an der Zahl von 20.000 entführten Kindern fest.
Nach Aussagen von Menschenrechtsorganisationen, darunter etwa die von Joshua Hofert von Terre des Hommes aus dem Jahr 2023, gebe Russland nur vor, den Kindern zu helfen, ziele aber stattdessen darauf ab, diese zu "instrumentalisier(en) und manipulier(en)".
Die grundlegende Unterstellung niederer Absichten des Feindes bleibt damit also bis heute unberührt. Zweifel und Fragen an den Darstellungen bleiben.