Nikitin & Co.: Die Pläne der exilrussischen Neonazi-Miliz in der Ukraine

Der Kommandeur des russischen Freiwilligenkorps (RDK) Denis Kapustin bzw. Nikitin alias White Rex mit Kämpfern im Hintergrund. Bild: armyinform.ua / CC BY 4.0
Die Anti-Putin-Paramilitärs unter ihrem Neonazi-Anführer Nikitin wollen weiter Anschläge in Russland verüben. Auch ein Bündnis mit Prigoschin hält man für denkbar. Und was ist mit den Kontakten in die USA?
Je länger der Krieg in der Ukraine andauert und die militärische Pattsituation die Kräfte auf beiden Seiten zerrreibt – während der Nato-Gipfel in Vilnius das klare Signal aussendet [1], dass mit einem schnellen Ende nicht zu rechnen sein wird –, umso stärker könnten extremistische Kräfte in den Konflikt eingreifen.
Eine dieser Gruppen ist das sogenannte Russische Freiwilligenkorps (RDK). Dabei handelt es sich um eine bewaffnete Gruppe in der Ukraine, die an der Seite des ukrainischen Militärs gegen Putin kämpft.
Ihr Kommandeur ist der notorische Neonazi [2], in Köln aufgewachsene rechtsradikale Hooligan, Mixed-Martial-Arts-Kämpfer und -Organisator sowie Gründer der rechtextremistischen Marke "White Rex", Denis Kapustin, der sich selber den Nachnamen Nikitin gegeben hat.
Ende Mai und Anfang Juni war diese exilrussische Miliz offensichtlich beteiligt an Angriffen auf russisches Territorium. Dabei wurden die Provinzen Kursk, Belgorod und Brjansk überfallen [3], mutmaßlich mithilfe von US-Militärfahrzeugen [4]. Schon im März drangen die RDK-Kämpfer in die Grenzregion Brjansk vor.
Solche Angriffe, die ein Warnsignal für Washington und seine Verbündeten [5] sein sollten, da sie zeigen, wie leicht der Ukraine-Krieg außer Kontrolle geraten kann, sollen in naher Zukunft weiter stattfinden. Das bestätigte Nikitin gegenüber der Bildzeitung [6].
Man bereite "wieder Aktionen auf dem Heimatboden vor", also auf russischem Territorium, so Nikitin gegenüber den deutschen Reportern in der Ukraine. Man habe für "Ende des Monats" wieder etwas "Großes" vor. Genaueres wollte er nicht dazu sagen.
Im Moment gehe es vor allem darum, so Nikitin, die ukrainische Gegenoffensive zu unterstützen, die nicht so schnell ablaufe, wie erhofft. Gleichzeitig hält er ein Bündnis mit dem Oligarchen, Putin-Kontrahenten und Führer der paramilitärischen Einheit Wagner, Jewgeni Prigoschin, für möglich.
Prigoschin musste nach dem gescheiterten Aufstand gegen Moskau nach Weißrussland emigrieren. In einem Deal wurde das mit Putin ausgehandelt.
Nikitin hat gegenüber Journalisten immer wieder betont – wie bereits im April in der US-Zeitschrift Newsweek [7] –, dass seine Miliz "direkt unter dem Kommando von Kiew" operiere und der Angriff auf Brjansk von den ukrainischen Behörden genehmigt worden sei. Auch gegenüber der Bildzeitung betont er die Unterstützung vonseiten der Ukraine:
Wir werden insofern unterstützt, dass wir uns vollkommen auf Logistik und Infrastruktur von der ukrainische Armee verlassen können. Dabei geht es um den Transport von Verwundeten innerhalb der Ukraine, um Logistik insgesamt oder um allgemeine Informationen, auch wo wir uns niederlassen können und was die Zusammenarbeit mit der Grenzpatrouille angeht. Wir können ja als große bewaffnete Gruppe sonst nicht einfach rein- und rausgehen.
Die ukrainische Regierung in Kiew bestreitet zwar [8], dass man das exilrussische Freiwilligenkorps unterstütze. Ein ukrainischer Beamter habe jedoch, so Anatol Lieven, unter vier Augen eingeräumt, dass eine "Zusammenarbeit" stattgefunden habe [9]. Es ist zudem kaum vorstellbar, dass die Gruppe ohne Unterstützung überhaupt militärisch operieren und an Waffen gelangen kann.
White Rex: Hooligan-Gewalt, weiße Vorherrschaft und die US-Connection
Der Anführer der Anti-Putin-Kämpfer in der Ukraine Denis Kapustin alias Nikitin ist seit langem eine feste Größe unter den europäischen Extremisten, Rechtsradikalen und gewalttätigen Neonazis.
Nikitin wurde in Russland geboren, zog mit seiner Familie im Alter von 17 Jahren nach Köln und radikalisierte sich als rechter Hooligan in der Ultra-Szene. Stolz erzählt er [10], dass er schon früh ein gerahmtes Foto von Joseph Goebbels in seinem Zimmer aufgehängt habe, während er an Straßenschlachten am Rande von Fußballspielen teilnahm.
Seitdem propagiert er die Ideologie einer Überlegenheit der weißen Rasse ("white supremacy"). Um sein rassistisches Weltbild zu verbreiten, gründete er die Marke "White Rex" (steht für: White, Heterosexual, Reactionary, Xenophobe, also: Weiß, Heterosexuell, Reaktionär, Fremdenfeindlich), unter der T-Shirts, Hoodies und Sportklamotten mit Nazi-Symbolen und Sprüchen wie "Angry Europeans" verkauft werden [11].
Zugleich organisierte [12] er Mixed-Martial-Arts-Veranstaltungen und nahm an sogenannten Waldkämpfen teil. Sein Ziel: Orientierungslose Jugendliche als Kämpfer rekrutieren.
Aber es geht ihm nicht nur um Kämpfe und Macho-Gehabe untereinander. Nikitin beteiligte sich schon früh an Gewalt gegen Migranten und Angriffe auf Minderheiten. Nachdem er wieder nach Russland zurückgekehrt war, sagte er 2018 einem Reporter des britischen Guardian [13]:
Wenn wir jeden Tag einen Einwanderer töten, sind das 365 Einwanderer in einem Jahr. Aber Zehntausende von ihnen werden trotzdem kommen. Mir wurde klar, dass wir die Folgen bekämpfen, aber nicht den Grund dafür. Deshalb kämpfen wir jetzt um die Köpfe, nicht auf der Straße, sondern in den sozialen Medien.
Im Jahr 2017 schloss sich Nikitin dem rechtsextremen Asow-Bataillon an, einer paramilitärischen Neonazi-Einheit in der Ukraine. Um sein nationalistisches Programm auszuweiten, nahm er Kontakte zu Neonazis in den USA auf [14].
Mit einer prominenten Figur der US-Szene, Robert Rundo [15], dem Gründer der Straßenschlachten-Gang "Rise Above Movement", begann er im Januar 2021 einen Podcast [16], in dem die beiden u.a. über sogenannte "active clubs" diskutieren, faschistische Kampfgruppen, die sich in den Vereinigten Staaten verbreitet haben. Außerdem geht es um weißen Nationalismus oder Propagandastrategien, während der Sturm auf das US-Kapitol vom 6. Januar 2021 gefeiert wird.
Ein weiterer Neonazi Christopher Pohlhaus, der die sogenannte "Blood Tribe" in den USA anführt, trat ebenfalls in dem Podcast auf. Seitdem hat Pohlhaus scheinbar engere Verbindungen zu Nikitin geknüpft.
Auf Telegram teilte er jedenfalls kürzlich mit, dass er seinem Freund "Denis" in der Ukraine helfen wolle. Er plane, in die Ukraine zu reisen, um eine "Pipeline für Neonazis" aufzubauen, um derart freiwillige Kämpfer ins Kriegsgebiet zu schleusen.
Allerdings wird es für Pohlhaus schwierig werden, über Polen oder Rumänien in die Ukraine einzureisen. Diese Länder haben wie die Ukraine auch in der Vergangenheit Extremisten, die am Krieg in der Ukraine teilnehmen wollen, an der Grenze aufgehalten bzw. schieben sie zurück in ihre Heimatländer [17].
Bisher haben sich die anfänglichen Sorgen, dass der Krieg Neonazi-Aktivsten aus der ganzen Welt anziehen könnte, nicht bestätigt. Doch das könnte sich ändern. So stellt ein Bericht des US-Grenzschutzes jüngst fest [18], dass zunehmend US-Extremisten aufgehalten werden müssen, die sich auf dem Weg in die Ukraine befinden, um am "Konflikt teilzunehmen".
Nikitin und sein Neonazi-Freiwilligenkorps, Prigoschin mit den Wagner-Paramilitärs und die rechtsradikalen Asow-Einheiten zeigen, dass im Hintergrund des Ukraine-Kriegs extremistische Kräfte genährt werden, die ihre Chance suchen, die eigene Agenda voranzutreiben und ihre Machtposition zu stärken.
Russland wie die Ukraine spielen beide ein gefährliches Spiel, solange sie deren Dienste für schmutzige Kriegsführungen, verdeckt oder offen, in Anspruch nehmen. Kacper Rekawek, der sich beim "Counter Extremism Project" um ausländische Kämpfer im Ukraine-Krieg kümmert, verweist außerdem darauf, dass die Ukraine ein Problem mit rechtsextremen Elementen in ihren Militärstrukturen bekommen könnte, wenn es in der Zukunft um Aufnahme in die EU oder in die Nato gehen werde.
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[1] https://www.telepolis.de/features/Ukraine-im-Visier-Warum-der-Nato-Gipfel-falsche-Signale-sendet-9212084.html
[2] https://bloodyelbow.com/2021/03/17/white-rex-mma-dangerous-neo-nazi-lifestyle-brand-politics-azov-news/
[3] https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/angriffe-auf-belgorod-in-russland-kaempfe-und-ein-falscher-putin-18943683.html
[4] https://www.nytimes.com/live/2023/05/23/world/russia-ukraine-news
[5] https://www.telepolis.de/features/Ukrainische-Angriffe-in-Russland-sollten-fuer-Washington-ein-Alarmsignal-sein-9069870.html
[6] https://www.bild.de/politik/ausland/politik-ausland/ukraine-krieg-russischer-neonazi-kaempft-gegen-putin-84547894.bild.html
[7] https://www.newsweek.com/meet-russian-rebel-groups-waging-war-within-putins-own-borders-1793715
[8] https://tvpworld.com/70027201/ukraine-denies-any-involvement-in-armed-action-in-russian-belgorod
[9] https://www.telepolis.de/features/Ukrainische-Angriffe-in-Russland-sollten-fuer-Washington-ein-Alarmsignal-sein-9069870.html
[10] https://www.theguardian.com/news/2018/apr/24/russia-neo-nazi-football-hooligans-world-cup
[11] https://bloodyelbow.com/2021/03/17/white-rex-mma-dangerous-neo-nazi-lifestyle-brand-politics-azov-news/
[12] https://www.vice.com/en/article/435mjw/a-russian-neo-nazi-football-hooligan-is-trying-to-build-an-mma-empire-across-europe
[13] https://www.theguardian.com/news/2018/apr/24/russia-neo-nazi-football-hooligans-world-cup
[14] https://theintercept.com/2023/07/08/american-neo-nazis-ukraine-war/
[15] https://bloodyelbow.com/2023/05/26/naz-mma-denis-kapustin-belgorod/
[16] https://www.vice.com/en/article/bvxaqw/two-infamous-white-nationalists-still-have-a-platform-for-their-podcast-somehow
[17] https://ssu.gov.ua/novyny/sbu-vykryla-dvokh-inozemtsiv-na-sprobi-stvorennia-v-ukraini-oseredku-mizhnarodnoho-terorystychnoho-uhrupovannia-neonatsystiv
[18] https://theintercept.com/2023/07/08/american-neo-nazis-ukraine-war/
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