Nord-Stream-Anschlag: Es war wohl die Ukraine

Eine Pipeline aus der Blasen austreten

Die Hinweise auf staatliche ukrainische Unterstützung bei der Sprengung der Nord-Stream-Gaspipelines verdichten sich (Symbolbild)

(Bild: guteksk7/Shutterstock.com)

Der Fall Nord-Stream wird klarer. Hinweise auf staatliche ukrainische Unterstützung verdichten sich. Welche Konsequenzen erwachsen daraus?

Der Fall Nord-Stream scheint sich langsam aber sicher aufzuklären (Telepolis berichtete). Deutsche Ermittlungsbehörden haben nach Recherchen von ARD, Süddeutscher Zeitung und Zeit sämtliche Mitglieder des mutmaßlichen Sabotagekommandos identifiziert, das für die Sprengungen der Nord-Stream-Pipelines im September 2022 verantwortlich sein soll.

Wie die ARD gestern exklusiv berichtete, habe sich im Zuge der Ermittlungen der Verdacht erhärtet, "dass die Gruppe vom ukrainischen Staat unterstützt wurde".

Das Wall Street Journal berichtete zuvor, der Plan zur Sprengung soll von ukrainischen Militärs und Wirtschaftsvertretern gefasst worden sein. Die Federführung habe beim damaligen Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj gelegen. Präsident Wolodymyr Selenskyj habe der Aktion zugestimmt.

Erste Festnahme in Italien

Bundespolizei, Bundeskriminalamt und Generalbundesanwaltschaft ermittelten gegen sieben ukrainische Staatsangehörige, gegen sechs von ihnen liegen Haftbefehle vor. Ein siebter Verdächtiger soll 2024 als Soldat im Kampf gegen Russland getötet worden sein.

Die Ermittlungen erhärten den Verdacht einer staatlichen ukrainischen Unterstützung der Gruppe, obwohl die Ukraine eine Beteiligung weiterhin zurückweist. Der mutmaßliche Anführer der Operation, der 49-jährige Serhij K., wurde vergangene Woche während eines Familienurlaubs im italienischen Rimini festgenommen.

Gegen ihn lag ein europäischer Haftbefehl vor. K. bestreitet laut italienischen Medien die Vorwürfe und lehnt eine Auslieferung nach Deutschland ab. Am kommenden Mittwoch soll eine Anhörung in Italien stattfinden. Die deutschen Ermittler gehen davon aus, dass K. als Koordinator der siebenköpfigen Mannschaft fungierte, die mit der in Deutschland angemieteten Segeljacht "Andromeda" die Anschläge verübte.

Das Team bestand nach Erkenntnissen der Fahnder aus einem Skipper, einem Koordinator, einem Sprengstoffexperten und vier Tauchern, darunter eine Ukrainerin einer privaten Kiewer Tauchschule.

Sprengstoff in 80 Metern Tiefe

Die Saboteure sollen vier Sprengstoffpakete von dem Boot herabgelassen haben, gefüllt mit jeweils 14 bis 27 Kilogramm eines Gemischs aus Hexogen und Oktogen. Taucher brachten den Sprengstoff dann in rund 80 Metern Tiefe an den Rohren an.

Spuren des Sprengstoffs fanden sich sowohl unter Wasser als auch im Inneren der "Andromeda". Tatortermittler des BKA untersuchten die vom Rostocker Hafen Hohe Düne gecharterte Jacht zentimeterweise.

Das Schiff lieferte den Fahndern zahlreiche Beweise: Fingerabdrücke, DNA-Proben und Sprengstoffrückstände. Selbst Beschädigungen am Heck konnten Taucherflaschen zugeordnet werden.

Hinweise auf staatliche Unterstützung

Was laut den Ermittlern auf eine offizielle staatliche Unterstützung der Ukraine hindeutet: Die Verdächtigen reisten mit echten ukrainischen Pässen durch Polen nach Deutschland, die jedoch auf falsche Namen ausgestellt waren. Ein mutmaßlicher Saboteur soll im vergangenen Jahr im Auto des ukrainischen Militärattachés aus Polen nach Kiew gebracht worden sein, möglicherweise um einer Festnahme zu entgehen.

Ein weiterer Verdächtiger, Wsewelod K., erhielt nach dem russischen Angriffskrieg bei der Bundeswehr in Wildflecken eine militärische Fortbildung im Rahmen einer Ausbildungshilfe. Das BKA fand seine DNA sowohl auf Bundeswehr-Unterlagen als auch auf der "Andromeda". Er soll später als ukrainischer Soldat gefallen sein.

Probleme bei internationaler Zusammenarbeit

Polen hat zudem offenbar kein Interesse an einer Aufklärung gehabt. Polnische Behörden sollen monatelang gemauert haben, angeblich existierten keine Videoaufzeichnungen aus dem Hafen von Kolberg mehr, wo die "Andromeda" Station gemacht hatte. Ein Staatssekretär im polnischen Innenministerium machte sich öffentlich über die Ermittlungen lustig und sprach von "Touristen".

Als deutsche Ermittler 2024 einen Verdächtigen in Polen ausfindig machten, ließen polnische Behörden das Festnahmeersuchen tagelang liegen. Der Beschuldigte konnte über die Grenze in die Ukraine fliehen, offenbar im Auto eines ukrainischen Diplomaten. Aus Sicht der Ermittler ist die Tat kriminalistisch weitgehend aufgeklärt.

Die Festnahme in Italien gilt bereits als großer Erfolg, auch wenn noch nicht alle DNA-Spuren eindeutig zugeordnet werden konnten.

Die Pipelines waren in den Nullerjahren für den Transport von russischem Gas errichtet worden. Während Nord Stream 1 zum Zeitpunkt des Anschlags bereits nicht mehr in Betrieb war, stand die kurz zuvor fertiggestellte Nord Stream 2 kurz vor der Betriebsgenehmigung. Ein Strang der Nord Stream 2 Pipline ist noch intakt.

Für das politische Berlin sind die Erkenntnisse brisant und werfen weitere Fragen auf. Wussten deutsche Behörden von den Plänen, nachdem bekannt ist, dass einer der Beteiligten bei der Bundeswehr ausgebildet wurde? Inwiefern waren die USA in den Plan eingeweiht oder sogar daran beteiligt, wie die Recherchen des Investigativjournalisten Seymour Hersh nahelegen? Und welche Konsequenzen erwachsen jetzt daraus?

Bislang hat sich weder die Bundesregierung noch die ukrainische Regierung zu den Berichten geäußert.