27.000 Verluste monatlich: Die Ukraine stößt an ihre personelle Grenze
(Bild: Screenshot)
Polens Premier Donald Tusk legt die Arithmetik des Abnutzungskriegs offen: Die Lücke zwischen Verlusten und Rekruten schrumpft auf ein gefährliches Minimum.
Die Rechnung im Ukraine-Krieg geht nur noch knapp auf – vielleicht zu knapp: 27.000 gefallene und verwundete ukrainische Soldaten pro Monat. Mindestens 30.000 neue Rekruten braucht es, um die Front zu halten.
Diese bittere Arithmetik des Abnutzungskriegs legte Polens Ministerpräsident Donald Tusk am 17. September vor dem polnischen Sejm offen. Die Lücke zwischen personellen Verlusten und Ersatz schrumpft auf ein gefährliches Minimum – vor einem Winter, den Tusk als "katastrophal" bezeichnete.
Die Zahl von 30.000 Rekruten, die Monat für Monat benötigt werden, stammt von Kyrylo Budanow, dem Leiter des ukrainischen Präsidialbüros. In einem TV-Interview sagte er: "Das ist die Mindestanzahl, um den Status quo aufrechtzuerhalten".
Auf die Frage nach gesellschaftlichen Spannungen antwortete er knapp: "Leider müssen wir sie so hinnehmen, wie sie ist. Wir haben keine andere Wahl."
Russlands neue Strategie zielt auf Infrastruktur und Logistik
Moskau hat nach dem, was Tusk den polnischen Parlamentariern sagte, seine Kriegsführung grundlegend verändert. Vorrangiges Ziel sei nicht mehr der Frontdurchbruch, sondern die systematische Zerstörung der ukrainischen Wirtschaft und Logistik.
Anhaltende Angriffe mit "sehr hoher Frequenz und Intensität" treffen demnach sechs große ukrainische Städte, Lager und Verteidigungsgüter.
Ein besonders wunder Punkt: die Eisenbahn. In rund zwölf Wochen seien über 300 Lokomotiven zerstört worden – ein schwerer Schlag für ein Land, dessen Verteidigungslogistik auf Schienentransport angewiesen ist.
Und die Angriffe haben auch die ukrainische Wirtschaft schon erheblich getroffen: Allein im August verlor die Ukraine Steuereinnahmen in Höhe von über 300 Millionen Dollar, so Tusk.
Technologisch setzt Russland dabei auf einen neuen Drohnentyp. Tusk sprach von den jetgetriebenen Drohnen, die in großer Höhe operieren und sich mit "unvergleichlich höherer Geschwindigkeit" bewegen als bisherige Modelle.
Sie seien nicht nur für die Ukraine eine Gefahr – kaum ein Staat sei derzeit in der Lage, diese wirksam abzuwehren. Und die Angriffe rückten immer näher an die Nato-Grenze heran: immerhin nur 2,5 bis 3,5 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt.
Auch Russlands Verluste erreichen historische Höchststände
Der Abnutzungskrieg fordert auf beiden Seiten beispiellose Opfer.
Der ukrainische Generalstab bezifferte die russischen Verluste im Sommer 2026 auf 124.170 Soldaten – verteilt auf 39.290 im Juni, 42.860 im Juli und 42.020 im August. Unabhängig überprüft werden können diese Zahlen nicht und sie sind mit Vorsicht zu betrachten, schließlich ist die Ukraine eine Kriegspartei. Doch sollten sie stimmen, dann entsprächen sie einem Anstieg von 25,8 Prozent gegenüber dem Frühjahr.
Air Chief Marshal Sir Richard Knighton, Chef des britischen Verteidigungsstabs, ging noch weiter. Wie AP News berichtete, sprach er von über 500.000 getöteten russischen Soldaten seit Beginn der Invasion im Februar 2022 und insgesamt 1,5 Millionen Opfern.
Moskau kommentierte die Zahlen natürlich nicht. Weder Russland noch die Ukraine veröffentlichen regelmäßig verifizierte eigene Verlustzahlen.
Dass die russische Armee trotz solcher Verluste weiterkämpft, ist kein Widerspruch. Wie eine Telepolis-Analyse herausarbeitete, hat Moskau seine Frontstärke bislang durch Rekrutierung und Rotation stabilisieren können. Der entscheidende Engpass liegt demnach weniger in der absoluten Zahl verfügbarer Soldaten als in der Fähigkeit, den personellen Verschleiß dauerhaft auszugleichen.
Polens Grenzschutz rüstet auf – Artikel 5 als Bewährungsprobe
Tusk verknüpfte die Lage an der ukrainischen Front direkt mit der Sicherheit der Nato-Ostflanke. Geheimdienste gingen davon aus, dass Russland hybride Angriffe mit Drohnen und Raketen auch auf Staaten plane, die die Ukraine unterstützen. Polen sei unmittelbar betroffen.
Das Szenario: "Zufällige" Grenzverletzungen durch Flugkörper, offiziell als Zwischenfälle deklariert, sollen die praktische Geltung von Artikel 5 unterminieren. Das Ziel sei die Überzeugung, "dass niemand für Lettland oder Litauen sterben will".
Polen reagiert auf diese Herausforderung: Soldaten des 4. und 18. Pionierregiments errichten sogenannte Hesco-Bastion-Schutzräume – mobile Schutzanlagen für Grenzsoldaten. 23 von 28 geplanten Anlagen an Übergängen wie Medyka, Dorohusk und Korczowa seien fertiggestellt.
Sechs Grenzübergänge erhielten zudem Luftabwehrsysteme. F-16-Kampfflugzeuge, Mi-17- und Black-Hawk-Hubschrauber fliegen verstärkt Einsätze.
Was Europäern jetzt klar sein muss
Die Zahlen aus Tusks Rede basieren auf ukrainischen Partnerinformationen, nicht auf unabhängig verifizierten Statistiken. Tusk selbst betonte, sein Szenario sei das "wahrscheinlichste", nicht das einzig mögliche.
Dennoch zeichnen alle verfügbaren Quellen – ukrainischer Generalstab, britischer Verteidigungsstab, polnische Dienste – ein übereinstimmendes Bild: Der kommende Winter wird zum kritischsten Moment des bisherigen Krieges.
Wenn Energieinfrastruktur und Grenzübergänge zerstört werden, droht der Ukraine ein logistischer und humanitärer Kollaps. Hilfslieferungen wie die polnischen Generatoren des vergangenen Winters wären dann kaum noch möglich.
Gleichzeitig warnt Tusk vor pro-russischen politischen Kräften in Europa, die unter "Friedensparolen" den Widerstandswillen schwächen könnten.
Der 17. September – Jahrestag des sowjetischen Einmarschs in Polen 1939 – war für diesen Appell kein zufällig gewähltes Datum.