Mehr als nur Exportgeschäft: Wie Atomtechnik Russland Verbündete sichert

Uwe Kerkow
Russisches Atomkraftwerk im Bau

Russisches AKW. Foto: Evgenii Sribnyi, shutterstock

Russlands Nuklearexporte schaffen langfristige Partnerschaften mit Ländern des Globalen Südens und unterlaufen westliche Sanktionen.

Keine Sanktionen haben den russischen Atomenergiesektor bislang beeinträchtigen können. Zwar ist die Branche auch als solides Exportgeschäft bedeutend, doch ihre größte Relevanz bezieht sie aus der Geopolitik. Kaum ein Bereich ist so geeignet, langfristige politische Bindungen zu schaffen und westliche Isolierungsbemühungen zu unterlaufen, wie der Export von Atomkraftwerken.

Warum ist das so? Allein der Bau eines Atomkraftwerks dauert etwa zehn Jahre, die Lebensdauer eines Reaktors beträgt etwa 60 Jahre. Die Stilllegung, einschließlich der Entfernung radioaktiver Teile, benötigt weitere 10 bis 20 Jahre. Solche Beziehungen reichen also sogar über die langlaufenden Verträge für Pipeline-Liefergeschäfte hinaus.

Es ist also nicht übertrieben, wenn man annimmt, dass ein Land, das ein Atomkraftwerk importiert sich auf eine bis zu hundert Jahre andauernde Partnerschaft einlässt. Denn es geht nicht nur um den Bau der Kraftwerke. Es geht um das gesamte nukleare Ökosystem und die Finanzierung zu günstigen Bedingungen.

Die New York Times überschlägt den Gesamtumfang der von Rosatom zwischen 2010 und 2020 vergebenen Kredite auf 60 Mrd. US-Dollar.

Langfristige Lieferbindungen

Laut Financial Times entfielen schon vor der Invasion der Ukraine etwa die Hälfte aller internationalen Vereinbarungen über den Bau von Kernkraftwerken, die Lieferung von Reaktoren und Uran, Stilllegung oder Abfallmanagement auf Russland.

Und Russland ist derzeit an mehr als einem Drittel der weltweit im Bau befindlichen neuen Reaktoren beteiligt – darunter in China, Indien, Iran und Ägypten. Die Konkurrenz – China, Frankreich, Japan, Südkorea und die USA – erreichen zusammengenommen nur auf rund 40 Prozent Weltmarktanteil.

2023 hatten am Rande des G7-Gipfels die USA, Großbritannien, Japan, Kanada und Frankreich die Nuklearallianz “Sapporo 5“ gebildet. Das Bündnis zielt darauf ab, Russland zumindest aus dem Markt für Nuklearbrennstoffe zu drängen. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Nukleardiplomatie wird wichtiger für Moskau

Nach der Invasion in der Ukraine wurde die Nukleardiplomatie noch wichtiger für Moskau. Kurz nach Beginn des Krieges verlor Rosatom zwar einen seiner Verträge in Europa: das 1.200-MW-Kraftwerk Hanhikivi in Finnland, dessen Bau eigentlich 2023 begonnen werden sollte.

Konsequent positioniert sich Moskau seitdem als Partner des Globalen Südens. Dabei verleiht die Bedeutung Russlands im Brics-Zusammenschluss zusätzliche Glaubwürdigkeit. Wie unlängst auf dem Valldai-Forum betont der russische Präsident Wladimir Putin immer wieder, dass Russland keineswegs isoliert sei und die Mehrheit der Staaten weltweit ihre Interessen immer selbstbewusster und konsequenter vertreten würde.

Das Unternehmen hat mit Ländern in Afrika und Lateinamerika nahezu zwei Dutzend Absichtserklärungen unterzeichnet, darunter mit Simbabwe, Mali, Burkina Faso und Brasilien. In Ghana hat Russland begonnen, ein Angebot für den Bau des ersten Kernkraftwerks des Landes vorzubereiten – neben Anbietern aus den USA, China, Indien, Südkorea und Frankreich.

Afrika gilt dabei als zentraler „Wachstumspunkt“, der dazu beitragen soll, den Jahresumsatz von Rosatom von 16,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 bis 2030 auf 56 Milliarden zu steigern.

Weltweiter Vertrieb von Atomtechnologie

2023 begann das Unternehmen Gespräche mit Nicaragua, Usbekistan und Tadschikistan über die Einrichtung medizinischer Zentren. Mit Bolivien schloss Russland 2023 einen Vertrag über ein nukleares Forschungszentrum ab und sicherte sich wenige Monate später einen lukrativen Vertrag zur Lithiumgewinnung.

In der Summe lässt sich sagen, dass Nordamerika und Europa sich dafür entschieden haben, nicht mit Russland zusammenzuarbeiten. Aber vielen anderen Ländern der Welt ist das egal. Sie werden mit dem preiswertesten und für sie vielversprechendsten Partner abschließen.

So hat Putin denn auch wiederholt darauf hingewiesen, dass viele Staaten im Globalen Süden seine Invasion in der Ukraine nicht verurteilt haben. Und Rosatom ist ein zentraler Bestandteil von Moskaus Bemühungen, bei den Ländern des Globalen Südens Einfluss zu gewinnen.

Von Süd-, Zentral- und Westasien …

In Ruppur im äußersten Westen Bangladeschs baut Rosatom das erste Kernkraftwerk des südasiatischen Landes. Mit geschätzten Kosten von rund zwölf Mrd. US-Dollar für die zwei 1.200-MW-Reaktoren ist es eines der bislang größten Infrastrukturprojekte in dem Land mit momentan schätzungsweise 175 Mio. Einwohnern.

In der Türkei baut Russland das erste Kernkraftwerk des Landes, eine 4.800-MW-Anlage in Akkuyu, deren erster Reaktor Ende des Jahres fertiggestellt werden soll. Doch derzeit gibt es Verzögerungen, die mit US-amerikanischen Sanktionen zu tun haben und mit dem Unwillen der türkischen Behörden, dem russischen Konzern Steuervorteile zu gewähren.

Auch neuartige Technologie wird von Rosatom international vertrieben. In diesem Jahr haben Russland und Usbekistan eine Vereinbarung über den Bau von zwei kleinen modularen Reaktoren mit einer Leistung von je 55 MW geschlossen. Das Projekt ist für Rosatom und Russland eine Premiere bei der Einführung der nächsten Generation nuklearer Technologien außerhalb des Landes.

… bis Europa und Afrika

Auch in der EU bleibt Russland nicht komplett außen vor. Der Bau des ersten Blocks des ungarischen 2.400-MW-Kraftwerk Paks, soll im November beginnen und Anfang der 2030er Jahre übergeben werden – inklusive komplett ausgebildeter Belegschaft und der ersten Lieferung von angereichertem Uran.

Und nun hat sich auch Abiy Ahmed, der äthiopische Premierminister, entschieden, ein Abkommen mit Russland über die Planung und den Bau eines Kernkraftwerks in Äthiopien zu unterzeichnen. Dies war einer von mehreren diplomatischen Coups, die Moskau auf seinem ersten Atomgipfel gelungen sind, den der staatliche Energiekonzern Rosatom am Ende September ausgerichtet hat.

Auch Nigers Bergbauminister Ousmane Abarchi gab die Pläne seines Landes bekannt, zwei 2.000-Megawatt-Kernreaktoren in Partnerschaft mit Rosatom zu errichten. Die Militärjunta in Niamey unterhält bereits seit Längerem gute Verbindungen zum Kreml, und das Land war für Frankreich lange als Produzent von Uran bedeutend.

Auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF) Juni sagten der russische Energieminister Sergei Tsivilev und Rosatom den Bau von Solar- und Kernkraftwerken in Burkina Faso und Mali sowie die Ausbildung lokaler Techniker zu.