600 Drohnen auf Moskau: Kiews Rekordangriff legt Wildberries-Lager lahm

Soldat, der Drohne am Himmel mit Smartphone steuert

(Bild: Parilov/Shutterstock.com)

Kiews Drohnen treffen erneut Wildberries-Lager bei Moskau – Schäden bis zu 5 Milliarden Dollar. Ein Nato-Jet schießt über Rumänien eine Drohne ab.

Die Nacht zum Sonntag hat eine weitere Eskalation im Drohnenkrieg zwischen der Ukraine und Russland mit sich gebracht. Dabei soll Kiew den bisher größten Drohnenschwarm in Richtung der russischen Hauptstadt gestartet haben.

Zu den Zielen zählten auch diesmal Logistikzentren des russischen E-Commerce-Riesen Wildberries. Moskau zahlte mit selber Münze heim und griff die ukrainische Schwerindustrie sowie die Hauptstadt Kiew an, berichtet Reuters.

Eine mutmaßlich russische Drohne zwang einen spanischen F-18-Kampfjet der Nato zum Start, weil sie den rumänischen Luftraum verletzte. Sie wurde letztlich abgeschossen.

Moskaus Oberbürgermeister Sergej Sobjanin sprach davon, dass mit rund 600 Drohnen auf die Hauptstadtregion gezielt wurde. Das russische Verteidigungsministerium gab an, dass landesweit 822 ukrainische Drohnen abgefangen wurden.

Nicht alle von ihnen konnten vom Himmel geholt werden, wie Gouverneur Andrej Worobjow laut Reuters bestätigte. Schließlich kam ein 83-jähriger Mann ums Leben, als eine Drohne auf sein Grundstück stürzte. Und in Podolsk, rund 40 Kilometer südlich von Moskau, wurden drei Menschen verletzt.

Wildberries-Lager in Flammen: Kiews Strategie gegen Russlands Logistik

Im Zentrum der ukrainischen Angriffe stand erneut Wildberries, Russlands größter Onlinehändler und Pendant zu Amazon. Ein Vertriebszentrum des Unternehmens in Koledino, etwa 45 Kilometer südlich von Moskau und einer der wichtigsten Logistikknoten der Region, geriet nach dem Drohnenangriff in Brand.

Wie Reuters mit Videos belegt standen massive Rauchwolken über dem Gelände. Zusätzlich brannte ein Pharmalager in Domodedowo nahe einem der Hauptstadtflughäfen; auch Wohnhäuser und eine Schule wurden beschädigt.

Die Ukraine begründet ihre Angriffe auf Wildberries damit, dass das Unternehmen auf verschiedene Weise in die Kriegführung eingebunden ist. So würde der Konzern mit Drohnenkomponenten handeln, ebenso wie mit Navigationstechnik, die vom russischen Militär genutzt werde.

Der systematischen Kampagne gegen "Russlands Amazon", die seit Mitte Juli läuft, fielen bislang mindestens 20 Lagerhäuser zum Opfer. Analysen von Data Insight gehen davon aus, dass dabei Lagerbestände im Wert von bis zu 5 Milliarden US-Dollar vernichtet wurden.

Das trifft den Konzern hart. Er ist hochverschuldet und hat kurzfristige Kreditverbindlichkeiten von rund 11 Milliarden US-Dollar bei russischen Banken aufgenommen. Um weiteren Schaden von der Volkswirtschaft fernzuhalten, wird in Moskau bereits über eine staatliche Rettungsaktion diskutiert.

Russlands Gegenschlag: ArcelorMittal-Stahlwerk und Kiew unter Beschuss

Die Angriffe verliefen keineswegs einseitig. Russische Streitkräfte attackierten in derselben Nacht das größte Stahlwerk der Ukraine – ArcelorMittal Krywyj Rih in der Heimatstadt von Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Mindestens zwei Menschen starben bei den Angriffen, 14 wurden verletzt. Das Unternehmen teilte laut Reuters auf Telegram mit, dass wichtige Produktionsanlagen in den Bereichen Stromerzeugung und Hochöfen beschädigt und die Produktion teilweise eingestellt wurde.

Ein russischer Raketenangriff auf Kiew am frühen Sonntagmorgen löste Brände in mindestens zwei Stadtteilen aus. Sechs Menschen wurden in der Hauptstadt und ihrer Umgebung verletzt, darunter ein Kind.

Die ukrainische Luftwaffe meldete Angriffe mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen auf die Regionen Kiew, Krementschuk und Krywyj Rih. Die Luftabwehr schoss demnach drei Marschflugkörper und 85 Drohnen ab, doch an 13 Orten wurden Treffer verzeichnet.

NATO-Einsatz über Rumänien: Vierte Drohne in diesem Jahr abgeschossen

Dass der Drohnenkrieg längst über die Grenzen der Ukraine und Russlands hinauswirkt, zeigte ein Vorfall an der sogenannten Nato-Südostflanke.

Um 5:01 Uhr fing ein spanischer F-18-Kampfjet einer Nato-Luftüberwachungsmission eine Drohne ab, die aus Moldau kommend den rumänischen Luftraum 24 Kilometer nördlich der Hafenstadt Galați verletzt hatte, wie das rumänische Verteidigungsministerium mitteilte. Trümmerteile fielen in ein unbewohntes Gebiet zwischen zwei Dörfern.

Das Ministerium machte zunächst keine Angaben zur Herkunft der Drohne. Nato-Sprecher Oberst Martin O'Donnell erklärte jedoch, die Drohne "scheint russischer Herkunft zu sein".

Es war bereits der vierte Drohnenabschuss über Rumänien in diesem Jahr. Im Juli hatten rumänische F-16-Piloten drei russische Drohnen abgeschossen, im Mai war eine Drohne in der Stadt Galați in ein Wohnhaus gestürzt und hatte zwei Menschen verletzt. Ähnliche Vorfälle meldeten auch Polen, die baltischen Staaten und Bulgarien.

Die Angaben beider Kriegsparteien zu Abschusszahlen und Schäden lassen sich nach wie vor nicht unabhängig überprüfen. Die quantitativen Differenzen zwischen den russischen Angaben – Sobjanin spricht von 600 Drohnen in Richtung Moskau, das Verteidigungsministerium von 822 landesweit – verdeutlichen die Schwierigkeit einer verlässlichen Einordnung im laufenden Konflikt.