Der Ukraine-Krieg wurde provoziert: Warum das für Frieden zentral ist

Ukrainische Luftabwehr mit Patriot-Raketen aus den USA, 20. April 2023. Bild: АрміяInform

Die Frage der Nato-Erweiterung steht im Mittelpunkt des Krieges. Darum können Waffen aus dem Westen diesen Krieg nicht beenden. Was dann?

George Orwell schrieb in "1984": "Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit."

Regierungen arbeiten unermüdlich daran, die öffentliche Wahrnehmung der Vergangenheit zu verzerren. In Bezug auf den Ukraine-Krieg hat die Biden-Regierung wiederholt und fälschlicherweise behauptet, der Ukraine-Krieg habe mit einem nicht provozierten Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 begonnen.

Jeffrey D. Sachs ist Professor an der Columbia University. Er hat drei Generalsekretäre der UN beraten.

Tatsächlich wurde der Krieg von den USA auf eine Art und Weise provoziert, die führende US-Diplomaten im Vorfeld des Krieges jahrzehntelang vorausgesehen hatten, was bedeutet, dass der Krieg hätte vermieden werden können und nun durch Verhandlungen beendet werden sollte.

Die Erkenntnis, dass der Krieg provoziert wurde, hilft uns zu verstehen, wie man ihn beenden kann. Sie rechtfertigt jedoch nicht den Einmarsch Russlands. Ein weitaus besserer Ansatz für Russland wäre es gewesen, die Diplomatie mit Europa und der nicht-westlichen Welt zu verstärken, um den Militarismus und Unilateralismus der USA zum Thema zu machen und dagegen zu opponieren.

Der unerbittliche Druck der USA, die Nato zu erweitern, stößt in der ganzen Welt auf breite Ablehnung, sodass russische Diplomatie anstelle eines Krieges wahrscheinlich wirkungsvoller gewesen wäre.

Das Biden-Team verwendet unablässig das Wort "nicht provoziert", zuletzt in Bidens großer Rede zum ersten Jahrestag des Krieges, in einer aktuellen Nato-Erklärung und in der jüngsten G7-Erklärung. Die Biden-freundlichen Mainstream-Medien folgen dem Weißen Haus einfach.

Die New York Times ist der Hauptschuldige: Sie bezeichnete die Invasion nicht weniger als 26 Mal als "nicht provoziert", in fünf Leitartikeln, 14 Meinungskolumnen von NYT-Autoren und sieben Gastbeiträgen!

In Wirklichkeit gab es zwei Hauptprovokationen der USA. Die Erste war die Absicht der USA, die Nato auf die Ukraine und Georgien auszudehnen, um Russland in der Schwarzmeerregion von Nato-Ländern (Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Türkei und Georgien, entgegen dem Uhrzeigersinn) einzukreisen.

Die Zweite war die Rolle der USA bei der Installation eines russophoben Regimes in der Ukraine durch den gewaltsamen Sturz des prorussischen Präsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch, im Februar 2014. Der Krieg in der Ukraine, bei dem geschossen wurde, begann mit dem Sturz Janukowitschs vor neun Jahren, nicht im Februar 2022, wie uns die US-Regierung, die Nato und die G7-Führer glauben machen wollen.

Der Schlüssel zum Frieden in der Ukraine liegt in Verhandlungen auf der Grundlage der Neutralität der Ukraine und der Nichterweiterung der Nato.

Biden und sein außenpolitisches Team weigern sich, die Wurzeln des Krieges zu diskutieren. Diese anzuerkennen, würde die US-Regierung in dreifacher Hinsicht treffen. Erstens würde es die Tatsache aufdecken, dass der Krieg hätte vermieden oder frühzeitig gestoppt werden können, wodurch der Ukraine die gegenwärtigen Verwüstungen und den USA die bisherigen Ausgaben in Höhe von über 100 Milliarden Dollar erspart geblieben wären.

Zweitens würde es die persönliche Rolle von Präsident Biden in diesem Krieg aufdecken, da er am Sturz Janukowitschs beteiligt war und davor ein entschiedener Befürworter des militärisch-industriellen Komplexes und ein sehr früher Befürworter der Nato-Erweiterung war.

Drittens würde Biden dadurch an den Verhandlungstisch gedrängt und der anhaltende Druck der Regierung auf die Nato-Erweiterung untergraben.

Aus den Archiven geht unwiderlegbar hervor, dass die amerikanische und die deutsche Regierung dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow wiederholt versprachen, die Nato werde sich nicht einen Zentimeter nach Osten bewegen, wenn die Sowjetunion das Militärbündnis des Warschauer Paktes auflöse.

Dennoch begannen die USA bereits Anfang der 1990er-Jahre mit der Planung einer Nato-Erweiterung, lange bevor Wladimir Putin russischer Präsident wurde. Im Jahr 1997 legte der nationale Sicherheitsexperte Zbigniew Brzezinski den Zeitplan für die Nato-Erweiterung mit bemerkenswerter Präzision fest.

US-Diplomaten und die ukrainische Führung wussten sehr wohl, dass die Nato-Erweiterung zu einem Krieg führen könnte. Der große amerikanische Staatswissenschaftler George Kennan bezeichnete die Nato-Ausdehnung als "verhängnisvollen Irrtum" und schrieb in der New York Times:

Es ist zu erwarten, dass ein solcher Beschluss die nationalistischen, antiwestlichen und militaristischen Tendenzen in der russischen Öffentlichkeit entfachen, sich negativ auf die Entwicklung der russischen Demokratie auswirken, die Atmosphäre des Kalten Krieges in den Ost-West-Beziehungen wiederherstellen und die russische Außenpolitik in eine Richtung lenken wird, die uns ganz entschieden nicht gefällt.

Der Verteidigungsminister von Präsident Bill Clinton, William Perry, erwog aus Protest gegen die Nato-Erweiterung seinen Rücktritt. Als er sich an diesen entscheidenden Moment Mitte der 1990er-Jahre erinnerte, sagte Perry im Jahr 2016 Folgendes:

Unsere erste Tat, die uns wirklich in eine falsche Richtung gebracht hat, war die Erweiterung der Nato um osteuropäische Staaten, von denen einige an Russland grenzten. Damals arbeiteten wir eng mit Russland zusammen, und es begann sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Nato eher ein Freund als ein Feind sein könnte ..., aber es war ihnen sehr unangenehm, die Nato direkt an ihrer Grenze zu haben, und sie appellierten eindringlich an uns, damit nicht weiterzumachen.

Der Elefant im Raum: Die Vergrößerung der Nato

2008 schickte der damalige US-Botschafter in Russland und heutige CIA-Direktor William Burns ein Telegramm nach Washington, in dem er ausführlich vor den ernsten Risiken der Nato-Erweiterung warnte:

Die Nato-Bestrebungen der Ukraine und Georgiens treffen nicht nur einen wunden Punkt in Russland, sondern geben auch Anlass zu ernsten Bedenken hinsichtlich der Folgen für die Stabilität in der Region. Russland sieht darin nicht nur eine Einkreisung und Bestrebungen, Russlands Einfluss in der Region zu untergraben, sondern befürchtet auch unvorhersehbare und unkontrollierbare Folgen, die russische Sicherheitsinteressen ernsthaft beeinträchtigen würden. Experten zufolge ist Russland besonders besorgt darüber, dass die starken Meinungsverschiedenheiten in der Ukraine über die Nato-Mitgliedschaft – ein Großteil der ethnisch-russischen Gemeinschaft ist gegen den Beitritt – zu einer größeren Spaltung führen könnten, die mit Gewalt oder schlimmstenfalls mit einem Bürgerkrieg einhergeht. In einem solchen Fall müsste Russland entscheiden, ob es eingreift; eine Entscheidung, die Russland nicht treffen möchte.

Die ukrainische Führung wusste ganz genau, dass ein Drängen auf eine Nato-Erweiterung auf ukrainisches Territorium Krieg bedeuten würde. Der ehemalige Selenskyj-Berater Oleksij Arestowytsch erklärte in einem Interview 2019, "dass unser Preis für den Nato-Beitritt ein großer Krieg mit Russland ist."

Zwischen 2010 und 2013 setzte Janukowitsch im Einklang mit der öffentlichen Meinung in der Ukraine auf Neutralität. Die USA arbeiteten verdeckt daran, Janukowitsch zu stürzen, wie ein Audio-Mitschnitt der damaligen stellvertretenden US-Außenministerin Victoria Nuland und des US-Botschafters Geoffrey Pyatt zeigt, die Wochen vor dem gewaltsamen Sturz Janukowitschs die Nachfolgeregierung planten.

Nuland macht in dem Telefonat deutlich, dass sie sich eng mit dem damaligen Vizepräsidenten Biden und seinem nationalen Sicherheitsberater Jake Sullivan abstimmte, demselben Team aus Biden, Nuland und Sullivan, das jetzt im Mittelpunkt der US-Politik gegenüber der Ukraine steht.

Nach dem Sturz Janukowitschs brach der Krieg im Donbass aus, während Russland die Krim beanspruchte. Die neue ukrainische Regierung beantragte die Nato-Mitgliedschaft, und die USA bewaffneten die ukrainische Armee und halfen ihr bei der Umstrukturierung, damit sie mit der Nato gemeinsam operieren konnte. Im Jahr 2021 sprachen sich die Nato und die Biden-Regierung mit Nachdruck für eine Zukunft der Ukraine in der Nato aus.

Im unmittelbaren Vorfeld des russischen Einmarsches stand die Nato-Erweiterung im Mittelpunkt. Putins Entwurf für den Vertrag zwischen den USA und Russland (17. Dezember 2021) forderte einen Stopp der Nato-Erweiterung. Auf der Sitzung des russischen Nationalen Sicherheitsrates am 21. Februar 2022 bezeichnete die russische Führung die Nato-Erweiterung als Kriegsursache. In seiner Ansprache an die Nation an diesem Tag erklärte Putin die Nato-Ausdehung zu einem zentralen Grund für die Invasion.

Der Historiker Geoffrey Roberts schrieb kürzlich:

Hätte der Krieg durch ein russisch-westliches Abkommen verhindert werden können, in dem die Nato-Erweiterung gestoppt worden wäre und eine neutralisierte Ukraine im Gegenzug Garantien für eine ukrainische Unabhängigkeit und Souveränität erhalten hätte? Durchaus möglich.

Im März 2022 meldeten Russland und die Ukraine Fortschritte auf dem Weg zu einer schnellen Beendigung des Krieges auf der Grundlage der Neutralität der Ukraine durch Verhandlungen. Nach Angaben von Naftali Bennett, dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten, der als Vermittler fungierte, war eine Vereinbarung in greifbare Nähe gerückt, bevor die USA, Großbritannien und Frankreich sie blockierten.

Während die Biden-Regierung die russische Invasion als nicht provoziert bezeichnete, bemühte sich Russland 2021 um diplomatische Optionen, um einen Krieg zu vermeiden, doch Biden lehnte Diplomatie ab und bestand darauf, dass Russland in der Frage der Nato-Erweiterung kein Mitspracherecht habe. Im März 2022 drängte Russland auf Verhandlungen, während das Biden-Team erneut eine diplomatische Beendigung des Krieges blockierte.

Wenn wir erkennen, dass die Frage der Nato-Erweiterung im Mittelpunkt dieses Krieges steht, verstehen wir, warum die Waffen der USA diesen Krieg nicht beenden werden. Russland wird eskalieren, soweit es notwendig ist, um die Erweiterung der Nato um die Ukraine zu verhindern.

Der Schlüssel zum Frieden in der Ukraine besteht in Verhandlungen auf der Grundlage der Neutralität der Ukraine und der Nicht-Erweiterung der Nato. Das Beharren der Biden-Administration auf der Nato-Vergrößerung um die Ukraine hat die Ukraine zu einem Opfer falsch verstandener und unerreichbarer militärischer Bestrebungen der USA gemacht.

Es ist an der Zeit, dass die Provokationen aufhören und Verhandlungen zur Wiederherstellung des Friedens in der Ukraine geführt werden.

Der Artikel erscheint in Kooperation mit dem US-Medium Common Dreams. Übersetzung: David Goeßmann.

Jeffrey D. Sachs ist Universitätsprofessor und Direktor des Zentrums für nachhaltige Entwicklung an der Columbia University, wo er von 2002 bis 2016 das Earth Institute leitete. Außerdem ist er Präsident des UN Sustainable Development Solutions Network und Kommissar der UN Broadband Commission for Development. Er war Berater von drei Generalsekretären der Vereinten Nationen und ist derzeit SDG-Beauftragter von Generalsekretär Antonio Guterres. Sachs ist der Autor des kürzlich erschienenen Buches "A New Foreign Policy: Jenseits des amerikanischen Exzeptionalismus" (2020). Zu seinen weiteren Büchern gehören: "Building the New American Economy: Smart, Fair, and Sustainable" (2017) und "The Age of Sustainable Development," (2015) mit Ban Ki-moon.

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