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Wegen Protesten gegen Rentenreform: Ratingagentur straft Frankreich ab

"Wir sind damit noch nicht fertig." Proteste gegen Rentenreform, Lyon, 6. April 2023. Foto: Pemberlaid/ CC BY-SA 4.0

BonitĂ€t des Landes herabgesetzt: Politische Blockaden und die sozialen Bewegungen werden als Risiko fĂŒr Macrons Reformagenda eingestuft. Die Regierung reagiert trotzig.

Das hatten PrĂ€sident Emmanuel Macron und die französische Regierung nicht erwartet. Die Ratingagentur Fitch hat die Gelbe Karte gezogen und Frankreichs KreditwĂŒrdigkeit von AA auf AA minus herabgestuft.

Die GrĂŒnde, weshalb man die BonitĂ€tsnote des Landes heruntergesetzt hat, sind vielschichtig. Von der Bestnote AAA, die Deutschland erhĂ€lt, ist Frankreich nun drei Stufen entfernt. Ein zentraler Grund dafĂŒr sind die Dauerproteste gegen die Rentenreform.

Nach Ansicht der Veranstalter wurden am 1. Mai insgesamt 2,3 Millionen Menschen auf mehr als 300 Protestveranstaltungen [1] mobilisiert. Die Polizei reduziert die Zahl auf 800.000. Die Gewerkschaften und Linkspolitiker sprechen dagegen von einem "historischen" 1. Mai. Was die Gewerkschaften lĂ€ngst ankĂŒndigten, bekrĂ€ftigte auch die linke Europaparlamentarierin und Ko-Chefin der französischen Linksfraktion, Manon Aubry, :

Der Kampf gegen die Rentenreform ist nicht beendet.

Manon Aubry [2]

Seit Monaten wird gegen die Reform von Macron, gegen die sich laut Umfragen eine deutliche Mehrheit stellt, wird im ganzen Land protestiert und gestreikt [3].

Dass die Schlacht nicht gewonnen ist, obwohl das Reformgesetz die Kammern passiert hat, davon geht auch die US-Ratingagentur aus. Sie sieht darin ein großes Problem: Fitch glaubt, dass der "soziale und politische Druck, der durch die Proteste gegen die Rentenreform deutlich wurde, die Haushaltskonsolidierung erschweren" werde.

StÀrkung von radikalen KrÀften

Die Agentur verweist in ihrer BegrĂŒndung des Downgrading darauf, dass die Regierung ihre Mehrheit bei den Wahlen im Juli 2022 verloren hat und sie eine Abstimmung ĂŒber die Reform in der Nationalversammlung umgangen hat, "indem sie die verfassungsmĂ€ĂŸigen Befugnisse nach Artikel 49.3 nutzte". Das werde wahrscheinlich "radikale und gegen das Establishment gerichtete KrĂ€fte" weiter stĂ€rken.

Politische Blockaden und (manchmal gewalttĂ€tige) soziale Bewegungen stellen ein Risiko fĂŒr Macrons Reformagenda dar und könnten Druck fĂŒr eine expansivere Fiskalpolitik oder eine Umkehrung frĂŒherer Reformen erzeugen.

Fitch Rating [4]

Finanzminister Bruno Le Maire reagierte trotzig und bezeichnete die EinschÀtzung als "pessimistisch". Die Agentur unterschÀtze die Folgen der Strukturreformen, die in den letzten Monaten von der französischen Regierung verabschiedet wurden, erklÀrte Le Maire.

Ich glaube, dass die Fakten die EinschÀtzung der Agentur Fitch entkrÀften.

Bruno Le Maire [5]

Der Finanzminister betonte, dass man die Strukturreformen fortsetzen werde und das auch könne. Le Maire beklagte und kritisierte, dass Fitch die positiven Prognosen der Regierung in Paris nicht abnimmt.

Die Ratingagentur hat ihre bisherige Wachstumsprognose fĂŒr das Land abgesenkt. Hatte sie noch im November fĂŒr das laufende Jahr ein Wachstum von 1,1 Prozent vorhergesagt, geht die Agentur nun nur noch von 0,8 Prozent aus. Auch hierbei wird auf Proteste und Streiks verwiesen. Die Prognose fĂŒr 2024 wurde von 1,9 Prozent auf 1,3 Prozent gesenkt.

Hohe Staatsverschuldung und die Folgen

Verwiesen wird auch auf die hohe Staatsverschuldung. Mit 111,6 Prozent der Wirtschaftsleistung sei das der "höchste Wert" unter den mit AA bewerteten Staaten "und mehr als doppelt so hoch" wie der AA-Medianwert.

Der Schuldenstand sei im Vergleich zu Ende 2021 rĂŒcklĂ€ufig gewesen, was auf ein solides nominales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und den Abbau eines LiquiditĂ€tspuffers zurĂŒckzufĂŒhren war, der sich wĂ€hrend der Covid-Pandemie angesammelt hatte.

Der Puffer sei teilweise zur Finanzierung des großen Energieversorgers EDF benutzt worden, der angesichts einer ausufernden Verschuldung und eines Rekordverlusts wieder vollstĂ€ndig verstaatlicht [6] werden musste.

Fitch prognostiziert, dass die Staatsschulden bis Ende 2027 weiter stetig auf 114,3 Prozent des BIP ansteigen, das dann "etwa 17 Prozentpunkte ĂŒber dem Niveau vor der Pandemie" liege. Dass die Regierung nach ihrem neuen StabilitĂ€tsprogramm das Haushaltsdefizit bis 2027 auf 2,7 Prozent senken kann, wird bezweifelt, da die Prognose auf einem stĂ€rkeren Wirtschaftswachstum basiert, als Fitch prognostiziert.

Wir gehen davon aus, dass das Haushaltsdefizit in diesem Jahr 5,0 Prozent des BIP betragen wird und damit ĂŒber dem fĂŒr 2022 erwarteten Wert von 4,7 Prozent liegt, was auf ein schwĂ€cheres Wirtschaftswachstum und höhere inflationsindexierte Ausgaben zurĂŒckzufĂŒhren ist.

Fitch Ratings [7]

FĂŒr 2024 erwartet die Agentur ein Defizit von 4,7 Prozent. Hier spielen natĂŒrlich auch höhere Zinsausgaben fĂŒr den Schuldendienst eine Rolle, die mit der Herabstufung weiter steigen dĂŒrften. Schon im vergangenen Jahr seien sie um 15,2 Milliarden EUR oder 0,6 Prozent des BIP "stark angestiegen", so Fitch.

Die Agentur verweist darauf, dass ein relativ hoher Anteil der Staatsschulden innerhalb der nÀchsten 12 Monate fÀllig werden: "Wir gehen davon aus, dass die Zinszahlungen bis 2024 auf vier Prozent der Einnahmen ansteigen werden, verglichen mit dem AA-Median von 2,9 Prozent."


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.humanite.fr/social-eco/1er-mai/23-millions-de-manifestants-dans-toute-la-france-un-1er-mai-historique-793108
[2] https://twitter.com/ManonAubryFr/status/1653062365775052806
[3] https://www.telepolis.de/features/Frankreich-Beinahe-Diktator-Macron-8116455.html
[4] https://www.fitchratings.com/research/sovereigns/fitch-downgrades-france-to-aa-outlook-stable-28-04-2023
[5] https://www.dw.com/en/france-pledges-structural-reforms-after-fitch-downgrade/a-65470522
[6] https://www.telepolis.de/features/Billige-Atomkraft-Wie-Frankreichs-EDF-mit-Rekordverlust-umgeht-7521171.html
[7] https://www.fitchratings.com/research/sovereigns/fitch-downgrades-france-to-aa-outlook-stable-28-04-2023