Winterkrieg in der Ukraine: Wie Russland trotz Panzerverlusten voranschreitet

Russland schreitet voran, trotz erheblicher Panzerverluste. Neue Daten zeigen, wie Moskau seine militärische Strategie anpasst. Ein unerwartetes Kräfteverhältnis zeichnet sich ab.

Seit Oktober läuft Russlands Winteroffensive. Zwar können fortlaufend territoriale Erfolge verzeichnet werden, doch die ukrainische Front hält den Angriffen der russischen Truppen stand – zu einem Durchbruch mit weitreichenden Bewegungen kommt es bisher nicht.

Der Krieg in der Ukraine ist auch kein Bewegungskrieg mehr, wie das noch in den ersten Kriegsmonaten der Fall war, sondern er ist zu einem Abnutzungskrieg, zu einem Stellungskrieg geworden.

Britische Ansichten: Russland verlor 365 Panzer

Jetzt hat das britische Verteidigungsministerium russische Verlustzahlen veröffentlicht: Die russischen Landstreitkräfte hätten laut Angaben des britischen Geheimdienstes seit dem frühen Oktober des vorigen Jahres bis zum 29. Januar insgesamt 365 Kampfpanzer verloren.

Die Zahlen müssen allerdings mit Vorsicht zur Kenntnis genommen und können nur als Indikator angesehen werden, denn das britische Verteidigungsministerium ist anfällig für Falschprognosen und seltsame Einschätzungen.

Prognosen zum Kriegsmaterial

So prognostizierte es mehrmals, dass Russland das Kriegsmaterial ausgegangen sei, zum Beispiel Raketen, Marschflugkörper oder Munition. Beinahe legendär ist der Tweet des britischen Verteidigungsministeriums, dass die ukrainische Frühlingsoffensive durch das ukrainische Unterholz aufgehalten werde.

365 Kampfpanzer seien also laut britischem Geheimdienst seit Anfang Oktober für Russland verloren gegangen. Wenn man diesen Zeitraum mal grob in 115 Tage übersetzt, dann ergibt das einen durchschnittlichen Verlust von 3,17 Kampfpanzern pro Tag (365÷115=3,17).

Auch hier wieder die Einschränkung: Handelt es sich bei diesen Zahlen um Totalverluste oder zählen darunter auch Fahrzeuge, die wieder geborgen und instand gesetzt werden können?

Russlands Panzerproduktion im Fokus

Geht man der Einfachheit halber von Totalverlusten aus, dann kommt die eigentlich interessante Zahl: Im gleichen X-Post gibt das britische Verteidigungsministerium bekannt, dass Russland "wahrscheinlich mindestens 100 Kampfpanzer pro Monat erzeugen kann".

Wenn man also die angenommene, russische Monatsproduktion an Kampfpanzern durch 31 Tage teilt, so ergibt sich ein durchschnittlicher Wert von 3,23 Panzern pro Tag – und damit übertrifft die russische Panzerproduktion leicht die Verluste an Kampfpanzern, die das russische Heer erleidet – und das trotz laufender Winteroffensive.

Der lettische Verteidigungsminister geht sogar noch Mitte Dezember von einer russischen Produktion und Reparatur von bis zu 150 Kampfpanzern pro Monat aus.

Die unerwartete Stärke Russlands

Selbst bei einer angenommenen Produktionsrate von nur 100 Kampfpanzern pro Monat würde Russland in nur zwei Monaten mehr Panzer produzieren als alle Länder des gesamten Nato-Raumes zusammengenommen.

100 bis 150 Panzer pro Monat bei unter 100 eignen Panzerverlusten pro Monat – zusätzlich kann Russland noch auf eine gigantische Menge an eingelagerten Panzern zurückgreifen. Laut des Portals Global Firepower Index soll Russland noch über 14.777 Panzer verfügen, die Zahlen stammen aus dem vorigen Monat.

Kampf der Ukraine gegen russische Übermacht

Das sind Zahlen, die unmissverständlich deutlich in die Richtung weisen, wonach die Ukraine diesen Krieg nicht gewinnen kann. Den ukrainischen Streitkräften gelingt es augenscheinlich seit Oktober nicht, auch nur den monatlichen Zulauf an neuen russischen Kampfpanzern niederzukämpfen.

Und das, obwohl sich die Ukraine seit Oktober in der für sie günstigeren Verteidigungsposition befindet. Normalerweise erleidet der Angreifer mehr Verluste als der Verteidiger. Weiter kann aus diesen Zahlen geschlossen werden, dass die russische Armee jeden Monat an Stärke gewinnt. Trotz Offensive.

Deutschlands Rolle im Ukraine-Konflikt

Die Lage der Ukraine ist dagegen verzweifelt, anders lässt sich die Situation nicht beschreiben. Nachdem die USA als Waffenlieferant weitestgehend ausgefallen ist, bemüht sich Deutschland, in die entstandene Lücke zu springen.

Das reißt tiefe Löcher in den Bundeshaushalt, das Geld fehlt an andere Stelle, wie zum Beispiel im Sozialbereich oder etwa beim Ausbau der Fahrrad- und Schieneninfrastruktur.

Trotz erheblicher Kosten für den deutschen Steuerzahler und trotz der Tatsache, dass die Waffenbestände der Bundeswehr weiter schrumpfen und damit auch das Abschreckungs- und Verteidigungspotential: Im Vergleich zu den Verlusten, die die ukrainischen Streitkräfte erlitten haben, kann die jüngste deutsche Lieferung nur als Tropfen auf den heißen Stein bezeichnet werden.

Die begrenzte Wirkung deutscher Waffenlieferungen

Kein einziger Panzer steht auf der Liste, nur 24 gepanzerte Mannschaftstransportwagen können geliefert werden.

Nahezu tragikomisch ist der Posten über die 155 Millimeter Granaten: Hier liefert Deutschland insgesamt 1.040 Granaten. Das reicht gerade mal für einen halben Tag bei einem zurzeit angenommenen Verbrauch der ukrainischen Streitkräfte von 2.000 Granaten pro Tag.

In diesem Jahr möchte die deutsche Bundesregierung 7,5 Milliarden Euro an die Rüstungsindustrie überweisen und weitere Waffen an die Ukraine liefern – mit welchem Ergebnis?

Waffenlieferungen – mit welchem Ergebnis?

Mit dem Geld sollen dann auch über 80 Kampfpanzer in die Ukraine geschickt werden – allerdings sind das uralte Leopard 1-Panzer, die nur sehr begrenzten Kampfwert haben und vielleicht noch als selbstfahrendes Geschütz eingesetzt werden können.

Aber selbst wenn Deutschland echte, moderne Kampfpanzer liefern würde: Es wären zu wenig, um zum einen die ukrainischen Verlustraten zu kompensieren und zum anderen mit den russischen Produktionsraten mitzuhalten.

Wenn Russland mindestens 100 Kampfpanzer im Monat produziert und Deutschland unter 100 alte Museumspanzer dieses Jahr liefern will, dann kommt sich das militärisch eben nicht aus: 100 Panzer pro Monat gegen unter 100 pro Jahr – "Wer gewinnt da wohl?", ist man versucht zu fragen.

Frankreichs Beitrag: Munition und Haubitzen

In dem Zusammenhang ist interessant, dass Frankreich ab jetzt 3000 155 Millimeter Granaten an die Ukraine liefern will. Nicht pro Tag, pro Monat. Das reicht für 1,5 Tage. Auch will Frankreich dieses Jahr 78 Caesar Haubitzen des gleichen Kalibers liefern. Mit der dazu gelieferten Munition kann jede gelieferte Haubitze 1,3 Granaten pro Tag verschießen.

Deutschland hat jetzt 25 ältere Leopard 2 mit dem Rüststand A4 aus der Schweiz erhalten, die man willigen Nato-Staaten im Ringtausch für die Ukraine anbieten will. Die Schweiz verbietet den direkten Export in das Kriegsgebiet.

Die bisher gelieferten Leopard 2 sind anscheinend schon weitestgehend niedergekämpft und harren in Litauen ihrer Wiederinstandsetzung, nachdem diese sowohl von russischen Soldaten als auch von ukrainischen Mechanikern beschädigt wurden.

Auch US-Kriegsmaterial ist zurzeit wegen fehlender Wartung laut des Militär-Blogs Bulgarianmilitary nicht einsatzbereit:

Derzeit decken die Vereinigten Staaten den Bedarf der Ukraine an Waffen- und Munitionssystemen nicht ab. Darüber hinaus leisten sie nicht die für die Instandhaltung bereits gelieferter Ausrüstungsgegenstände unerlässliche operative Wartung [MCO]. Dazu gehören wichtige militärische Güter wie M142 HIMARS-Mehrfachraketenwerfer, Patriot-Luftabwehrbatterien, gepanzerte Bradley-Fahrzeuge und Abrams-Panzer.

Bulgarianmilitary

Bemerkenswert an diesen Informationen ist, dass der Abrams-Panzer zwar schon kaputt ist, in der Ukraine aber noch nicht in Kampfhandlungen involviert war.