Das Bild des jungen Mannes mit der Gehwegplatte

Business as usual beim Hamburger Schanzenfest: linke Szene, Autonome, Polizei und ein paar Schnäppchen

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Mehr als 2000 uniformierte Beamte plus eine entsprechende Anzahl von Wasserwerfern und Räumfahrzeugen hatte Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) am vergangenen Samstag aufgeboten, um das selbstorganisierte und unkommerzielle Straßenfest im berühmt-berüchtigten Stadtteil Sternschanze im Zaum zu halten. Bereits am Tag zuvor hatte es am Rande einer Anti-NPD-Kundgebung gewalttätige Ausschreitungen gegeben, Ahlhaus wollte vorbereitet sein.

Doch die Szene hatte offenbar kein Interesse an einer Straßenschlacht. Bis weit nach Mitternacht feierte sie sich selbst: bunt, laut und fröhlich. Fast sah es so aus, als müssten Ahlhaus' Mannen unverrichteter Dinge wieder abziehen. Doch dann flogen die ersten Steine, Glasscheiben splitterten und eine Polizeiwache wurde angegriffen. Damit lieferte eine kleine, militante Minderheit Ahlhaus die Steilvorlage – und die politische Legitimation – für sein militärisches Szenario: Das Fest wurde geräumt, die noch anwesenden Besucher kassierten Prügel.

Die mediale Aufbereitung dessen, was die Welt in der kommenden Nacht von Hamburg erwarten sollte

„Überall gingen an diesem Wochenende Menschen gegen Rechtsextremisten auf die Straße. Nur in Hamburg kam es mal wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen“, leitete heute-Nachrichtensprecherin Petra Gerster am vergangenen Samstagabend ihren Bericht ein. heute lieferte dazu Bilder von einem jungen Mann, der versuchte, mit einer Gehwegplatte die Scheibe eines Polizeiautos einzuschlagen. Der Wagen war besetzt, der Beamte flüchtete aus dem Auto, zückte seine Pistole und gab einen Warnschuss in die Luft ab. Im Rahmen der Auseinandersetzungen kam es zu 60 Fest- und Ingewahrsamnahmen.

Das Bild des jungen Mannes mit der Gehwegplatte in der Hand bestimmte die Berichterstattung in den Medien. Kein Wort davon, dass auch in Hamburg am Freitag mehrere Tausend Menschen friedlich gegen einen Nazi-Aufmarsch protestiert hatten. Die NPD hatte zu einer Kundgebung in der Hamburger Innenstadt aufgerufen, um gegen die ihrer Ansicht nach „rechtsfreie Zone“ Sternschanze zu demonstrieren. Das hatte vor ihnen schon der ehemalige Richter und spätere Innensenator Ronald Barnabas Schill (Schill-Partei) versucht, und war damit gescheitert.

Nun will die NPD die Sache in die Hand nehmen und für Recht und Ordnung auch in der Sternschanze sorgen. Knapp Hundert Nazis wurden von mehreren Tausend Uniformierten beschützt, um deren Recht auf Meinungsfreiheit durchzusetzen. Gegen den Nazi-Aufmarsch gab es verschiedene Proteste, u. a. eine Kundgebung vom Hamburger Bündnis gegen Rechts (HBgR), einem breiten Spektrum von antifaschistischen Organisationen, über Gewerkschaften und Kirchen bis hin zu Sozialdemokraten und Grünen.

Die Auschwitzüberlebende Esther Bejarano war dort als Hauptrednerin geladen. Daneben gab es eine Kundgebung aus dem autonomen Antifa-Spektrum, die mit einer Straßenschlacht endete, deren Höhepunkt der Angriff auf den besetzten Streifenwagen war. Die Medien zeigten indes nicht Esther Bejarano, sondern ausschließlich Gewaltszenen. Diese Bilder, gemischt mit Aufnahmen von gewaltsamen Auseinandersetzungen bei früheren Straßenfesten in der Sternschanze, dienten der medialen Aufbereitung dessen, was die Welt in der kommenden Nacht von Hamburg erwarten sollte.

Ein friedliches Bild

Am Samstagnachmittag bot die Schanze ein friedliches Bild: die Szene feierte. Reggae, Punk, Turkish Techno und Latinpop bespielten die Massen. DIE LINKE und die Grünen mussten ihre Informationsstände wieder abbauen – keine Parteienwerbung. Türkische Linke durften bleiben, denn sie machten keinen Wahlkampf. Daneben Flohmarkt - Klamotten, Schuhe, Taschen, Spielzeug, Kleinkunst, Handwerk, Kleinelektrogeräte, Geschirr, Kleinmöbel und vieles mehr. Die ultimative Gelegenheit, allen Tand und Trödel unter die Leute zu bringen, der sich im letzten Jahr so angesammelt hat.

Ein buntes, fröhliches Treiben, selbstorganisiert und unkommerziell. Fast jedenfalls, denn natürlich verlegten auch die ansässigen Geschäftsleute ihre Verkaufsfläche auf die Straße. Über der gesamten Szenerie prangte ein Riesentransparent, mit einer Leine von einer Straßenseite zur anderen gespannt. „Oury Jalloh – Kein Vergeben, kein Vergessen!“ war darauf zu lesen. Damit sollte an den Afrikaner Oury Jalloh erinnert werden, der im Januar 2005 unter höchst fragwürdigen und nie geklärten Umständen in einer Zelle auf der Polizeiwache in Dessau verbrannte.

Vorgegebene Regeln

Tausende kamen, schauten, staunten und kauften. Bereits am Nachmittag standen mehrere Tausend Uniformierte bereit, um gegebenenfalls bei gewalttätigen Ausschreitungen einzugreifen. Das Schanzenfest findet gewöhnlich einmal im Jahr statt und spielt sich nach scheinbar vorgegebenen Regeln ab, die in stillschweigender Übereinkunft von allen Beteiligten eingehalten werden: Zunächst wird gefeiert, dann, bei Einbruch der Dunkelheit, werden kleine Barrikaden gebaut und Feuerchen gezündet – Material dafür gibt es reichlich, denn unterdessen hat sich der Stadtteil in eine selbstorganisierte Müllhalde verwandelt, notfalls finden sich ein paar Holzpaletten beim türkischen Gemüsehöcker an – Flaschen fliegen, Glasscheiben splittern, daraufhin treten die Uniformierten auf den Plan, räumen, sperren ab, und knüppeln.

Dazwischen vor den Lokalen auf der Piazza, der beliebten Amüsiermeile gegenüber dem alternativen Stadtteilkulturzentrum Rote Flora, Touristen aus Blankenese, Pinneberg und Niederbayern, die die Szenerie mit ihren Kamerahandys festhalten. Entweder, um sie Daheimgebliebenen zuzusenden „Mama, guck mal, wo ich gerade bin“, oder um sie für die Nachwelt zu erhalten „Schanze reloaded 2009, ich war dabei“.

Im Juli dieses Jahres verletzte die Staatsmacht die Spielregeln – und zwar grundlegend: Das Fest wurde bereits am frühen Abend angegriffen, ohne dass es einen Grund dafür gegeben hätte. Die „Gegner“ waren friedliche Festbesucher, die rücksichtslos beiseite geschoben wurden: Familien mit Kindern, ältere und behinderte Menschen. Die paar militanten Autonomen, die schnell zur Stelle waren, wurden durchs Viertel gejagt. Die Stimmung heizte sich auf, und ein Polizeiwagen wurde in Flammen gesetzt. Die Polizei rächte sich, indem Beamte sie Tränengas in das Jolly Roger warfen, ein Lokal, das vorwiegend von Fans des FC ST. Pauli besucht wird, und den Ausgang versperrten. Angeblich hatten dort gewalttätige Jugendliche Unterschlupf gefunden.

Dieser grundlose und völlig überzogene Angriff der Polizei auf das bis dahin friedliche Stadtteilfest fand nicht einmal in der Springer-Presse Beifall. 34 ansässige Geschäftsleute unterzeichneten einen öffentlichen Aufruf, indem der Polizeieinsatz scharf kritisiert, sich mit dem Jolly Roger solidarisiert und zu einem zweiten Schanzenfest aufgerufen wurde: Schanze reloaded, 12. September 2009. Zu den Unterzeichnenden zählten die üblichen Verdächtigen wie der linke Buchladen und der Kopierladen, Szenekneipen wie Diwan und Fritz Bauch, aber auch Gemüsehändler, Kioskbesitzer, Brunos Käseladen und das alteingesessene Café Stenzel.

Provokationen

Am 12. September sollte demonstriert werden, dass die Schanze sich von der Polizei das Feiern nicht vermiesen, geschweige denn verbieten lässt. Bis nach 23 Uhr blieb die Stimmung entspannt, Kissen- statt Straßenschlacht war angesagt. Der ganze Platz vor der Roten Flora war demzufolge mit Daunenfedern übersät. Gegen 23:15 Uhr bahnte sich ein Krankenwagen den Weg durch die Menschenmenge am Schulterblatt – ohne erkennbaren Grund und ohne sichtliche Eile. Wenig später gefolgt von zwei Feuerwehrlöschzügen, ebenfalls ohne erkennbaren Grund und ohne sichtliche Eile. „Das ist eine Provokation“, war sich ein Festbesucher sicher. Diese Herausforderung lief, sollte es eine gewesen sein, indes ins Leere: die Fahrzeuge wurden mit Federn beworfen, Umstehende prosteten den Insassen freundlich zu und ließen sie bereitwillig passieren.

Schon eine halbe Stunde später wäre der Plan, die Menge mit den Fahrzeugen zu Gewalttaten zu provozieren, wenn es denn einer war, aufgegangen. Die Stimmung heizte sich langsam aber sicher auf. „Wenn wir bis Mitternacht durchhalten, sind wir gut“, witzelte ein älterer Politaktivist.

Überall standen kleine Grüppchen, die Ereignisse vom Vortag wurden diskutiert. „Wenn der Beamte völlig die Nerven verloren hätte, hätten wir jetzt vielleicht einen Toten zu beklagen“, sagte einer.

Die üblichen kleinen Feuerchen wurden von jüngern Aktivisten entzündet, ältere Rotfloristen behielten sie im Auge und löschten sie gegebenenfalls. Die ersten Flaschen flogen, doch die Hamburger Sparkasse (HASPA) ist für solche Fälle gut vorbereitet, die Scheiben sind bruchsicher, quasi unkaputtbar.

Die Meinungen über die zunehmend aggressive Stimmung gingen auseinander. „Ich finde es wunderbar, dass etwas so etwas heute noch gibt“, sagte eine Alt-68erin mit Blick auf die Flaschenwerfer. „Wenn wir heute einfach nur feiern würden, dann stünde Ahlhaus da wie der letzte Depp mit seinen 2000 Polizeibeamten“, fand hingegen ein anderer.

Doch es kam, wie es scheinbar kommen musste

Flaschen flogen, irgendwann klirrte die erste Glasscheibe und die Lerchenwache, Hamburgs drittberühmteste Polizeistation nach dem Großstadtrevier und der Davidwache, wurde angegriffen. Am Ende wurden 47 Personen in Gewahrsam genommen, allerdings nur gegen einen von ihnen Haftbefehl erlassen.

Die Spezies männlich, jung, stark alkoholisiert und offensichtlich auf Krawall gebürstet – Autonome aus dem Viertel, aber auch zugereiste Jugendliche auf Erlebnistour aus anderen Ortsteilen, bzw., Städten – suchte und bekam „Stress mit den Bullen“. „Das Gewaltmonopol des Staates angreifen“ ist der Szene-interne Begriff dafür. Das gab ihnen das gute Gefühl, sich von „den Bullen“ nicht alles gefallen zu lassen, Ahlhaus die Steilvorlage für sein Militärstaatsszenario und den Medien die Bilder, die sie vom Schanzenfest brauchen.

Allen anderen bleibt die Freude über ergatterte Schnäppchen – und die Hoffnung, den Nippes, nächstes Jahr beim Flohmarkt auf dem Schanzenfest wieder verscherbeln zu können.