Deutschland: Wirklich immun gegen die Opioid-Epidemie?

Oxycontin-Tabletten und Grablicht

Deutschland bleibt von der Opioid-Krise verschont: Rückläufige Verordnungen und stabile Kontrollmechanismen verhindern US-amerikanische Zustände.

Die Verwendung von Opioiden als Teil des pharmakologischen Arsenals ist so alt wie die Disziplin der Pharmakologie selbst. Schon die alten Griechen und die Europäer von der Renaissance bis heute waren mit Opium vertraut. Es diente einerseits als starkes Schmerzmittel, andererseits aber auch als Suchtmittel.

Eine erste Opioid-Epidemie ist bereits in den 1880er Jahren dokumentiert, als Morphium weltweit in einem gänzlich unregulierten Umfeld verkauft wurde. Kurz danach kam es mit der Heroin-Epidemie erneut zu einer Welle süchtig machender Medikamente.

Doch schon bald bemerkten Ärzte und Apotheker, dass die Patienten immer höhere Dosen benötigten und abhängig wurden. Heroin entwickelte sich damals zu einer Freizeitdroge. Zwar stellte Bayer im Jahre 1913 die Produktion von Heroin ein, aber Heroin blieb als Droge erhalten.

Offensichtlich hatte man in den 1980er Jahren die Erinnerung an die Heroin-Epidemie vollständig vergessen oder gar absichtlich verdrängt. Und das Wissenschaftsmagazin universitas der Universität Freiburg in der Schweiz stellte 2023 fest:

Ein entscheidender Schritt in die falsche Richtung präsentierte sich in Form eines kurzen Briefes, der 1980 in der angesehenen Zeitschrift New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Darin kam man – in drastischem Gegensatz zu den bekannten Fakten – zum Schluss, dass "trotz des weit verbreiteten Einsatzes von Betäubungsmitteln in Krankenhäusern, die Entwicklung einer Abhängigkeit bei medizinischen Patienten ohne Suchtanamnese selten ist". Dieser Artikel in fünf Sätzen wurde später zum Kernstück einer aggressiven Marketingkampagne von Purdue Pharma.

Purdue Pharma, der Hersteller von Oxycontin, einer sich langsam freisetzenden Form des starken Morphinanalogs Oxycodon, hatte im Jahre 1985 in den USA die Zulassung als bahnbrechendes Palliativmittel erreicht. Vermarktet wurde es hauptsächlich wegen seiner vorgeblich "nicht süchtig machenden" Eigenschaften für chronische Schmerzen.

Im Rahmen einer aggressiven Marketingstrategie vermarktete das Unternehmen das Medikament bei Ärzten. Dabei stützte es sich auf falsch dargestellte wissenschaftliche Erkenntnisse, beispielsweise in der Zeitschrift New England Journal of Medicine sowie auf kostenlose Reisen und andere Aufmerksamkeiten für Ärzte. Argumentiert wurde, dass Oxycodon aus Oxycontin nur langsam absorbiert werde und daher nur als Schmerzmittel wirke und keine euphorisierende Wirkung erzeuge.

Das Schmerzmittel Oxycontin der Firma Purdue hat der Eigentümerfamilie Sackler beachtliche Gewinne beschert. Begünstigt wurde die Verkaufsentwicklung des Schmerzmittels durch die Tatsache, dass das Medikament süchtig macht. Im Herbst des vergangenen Jahres hatte man befürchtet, dass die Opioid-Welle auch Deutschland erreichen könnte, da seit Jahren in Deutschland auffällig viele Opioide verordnet wurden.

Deutschland scheint von der Opioid-Krise verschont zu bleiben

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellt nun auf der Basis einer Untersuchung, die das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) im Auftrag des BfArM durchgeführt hat, fest, dass es keine Hinweise auf eine "Opioid-Krise" in Deutschland gebe, denn die Zahl der Verordnungen von opioidhaltigen Schmerzmitteln sei rückläufig. Unter der Nummer 02/25 veröffentlichte das Institut am 11. März dieses Jahres:

Die Verordnung von opioidhaltigen Schmerzmitteln (Analgetika) war in Deutschland zwischen 2005 und 2020 rückläufig. Das ergibt eine vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beauftragte Untersuchung von Krankenkassendaten. Ausgewertet wurden Abrechnungsdaten von ca. 25 Millionen Personen. Danach ist die Verordnung von Opioid-Analgetika zwischen 2005 und 2020 um 19 Prozent gesunken.

Der Beginn der sogenannten "Opioid-Krise" in den USA war hingegen von einem starken Anstieg der Verordnungen opioidhaltiger Analgetika geprägt. Insgesamt bestätigen und erweitern diese Ergebnisse die Erkenntnisse aus früheren Studien, dass es in Deutschland keine Hinweise auf eine sogenannte Opioid-Krise gibt.

Etwa ein Fünftel der Personen mit einer Neuverordnung eines Opioid-Analgetikums erfüllte während des Betrachtungszeitraums mindestens einmal die Kriterien für einen Langzeitgebrauch. Der häufigste potenzielle Grund hierfür waren nicht-tumorbedingte chronische Schmerzen. Die Ergebnisse zu Missbrauch und Abhängigkeit lassen zwar vermuten, dass insbesondere in der Altersgruppe 20 bis 39 Jahre in manchen Fällen ein nicht indikationsgerechter Gebrauch stattfindet, doch die entsprechenden Anteile sind gering.

Opioidhaltige Analgetika spielen eine zentrale Rolle in der Schmerztherapie, insbesondere bei der Behandlung starker akuter und chronischer Schmerzen. Ihr langfristiger Einsatz bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen bleibt jedoch umstritten.

Ganz offensichtlich ist Deutschland eine Opioid-Krise erspart geblieben. Zwar ist der Opioid-Verbrauch in den vergangenen Jahrzehnten auch in Deutschland gestiegen, jedoch zeigte sich dabei keine parallele Zunahme von opioidbedingten Todesfällen wie in den USA. Ein Grund dafür könnte sein, dass das deutsche Gesundheitswesen über alles gesehen, auch wissenschaftlich besser aufgestellt ist, als oft befürchtet.

Da sich das Projekt des BIPS nur auf die Verordnungen opioidhaltiger Analgetika in Deutschland anhand der Abrechnungsdaten Gesetzlicher Krankenkassen stützt, könnte die Situation bei den Privaten Krankenkassen von diesem Ergebnis durchaus abweichen und sollte daher noch näher betrachtet werden.