Die CIA und das Öl

Freigegebene Geheimakten belegen paramilitärische Sabotagepläne der CIA für den Mittleren Osten im Kalten Krieg

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Vor Kurzem veröffentlichte das National Security Archive bislang gesperrte Akten der US-amerikanischen und der britischen Geheimdienste zum Mittleren Osten aus den Jahren 1947 bis 1963. Das zerfallende Empire und die Supermacht befürchteten eine russische Invasion der Ölfelder und planten eine Rückzugsstrategie der verbrannten Erde - hinter dem Rücken ihrer Gastgeber.

Als in den 1950er Jahren die Arabian-American Oil Company (Aramco) in Saudi Arabien die Ölförderung ausbaute, hatten 600 Mitarbeiter und 45 leitende Angestellte des heute wertvollsten Unternehmens der Welt einen streng geheimen Auftrag. Die Ölbohrer versteckten heimlich Flammenwerfer und Sprengstoffe für einen Plan, der weder dem saudischen Königshaus noch der Bevölkerung gefallen hätte. Im Auftrag von Präsident Truman, der eine sowjetische Besetzung der Ölfelder befürchtete, bereitete die CIA eine konzertierte Selbstzerstörung vor. Um den Russen den Zugang zum Öl zu erschweren, erwogen Briten und die USA sogar nukleare Verseuchung.

Auch für Iran, Irak und die Scheichtümer waren entsprechende Pläne mit den Briten abgestimmt. Um die Mentalität dahinter zu verstehen, bedarf es eines vertieften Blicks in die Geheimgeschichte des Ölgeschäfts und dessen Verquickung mit klandestiner Politik.

Standard Oil

Die Liaison zwischen US-Geheimdiensten und der US-Ölindustrie gründet auf eine lange Tradition. Die Rockefellers unterhielten bereits im 19. Jahrhundert einen privaten Geheimdienst, der nicht nur spionierte, sondern das vorwegnahm, was man heute unter CIA-Methoden versteht. Der von den Rockefellers aufgebaute Ölproduzent Standard Oil gründete sein Monopol auf Marktmanipulationen und Konspiration, die schließlich als Ölkrieg von 1872 bekannt wurden. Ein von Standard Oil bestochener Mitarbeiter der konkurrierenden Vacuum Oil Company of Rochester sabotierte den eigenen Betrieb und führte eine Explosion herbei. Die Firma wurde bald darauf von Standard Oil geschluckt.

Standard Oil verfügte bereits 1890 über die meisten Raffinerien und kontrollierte über seine Pipelines 70% des Weltmarkts für Öl. Kartellbedenken begegneten die Rockefellers zunächst durch Ausgründungen wie der deutsch-amerikanischen Petroleumgesellschaft (später Esso). 1911 wurde der übermächtige Monopolist von der US-Regierung in etliche Gesellschaften zerschlagen, die allerdings dennoch von den Rockefellers kontrolliert wurden.

British Petroleum

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die Briten vor allem im damaligen Persien eine Ölindustrie aufgebaut. Die Region lag am Weg nach Indien, damals noch britische Kolonie. Da Russland den Norden Persiens besetzt hielt, begnügten sich die Briten in Absprache mit dem Süden. Hierzu finanzierte die britische Erdölgesellschaft den Shah, paktierte allerdings gleichzeitig mit rivalisierenden Beduinenvölkern. Die Britisch-Persische Ölgesellschaft hatte den Status eines Staats im Staat.

Erster Weltkrieg

Auch in Deutschland hatte man den Wert des Erdöls erkannt und finanzierte ab 1903 zum Import dem Osmanischen Reich eine Bahntrasse über Istanbul nach Baghdad in der damaligen Provinz Mesopotamien. Der britische Geheimagent T. E. Lawrence, später bekannt als "Lawrence von Arabien", organisierte arabische Aufstände und Guerillaangriffe gegen das mit Deutschland verbündete Osmanische Reich und sabotierte die Bahnlinie mit Sprengstoffanschlägen, die man heute Terrorismus nennen würde. Demgegenüber gelang es den Briten, mit einer Pipeline Transportwege für den mächtigen Rohstoff aufzubauen.

Das britische Versprechen an die beteiligten Araber auf einen unabhängigen Staat nach Beseitigung des Osmanischen Reichs war ein Betrug, da sich Frankreich und die Krone die Region nach dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 unter Ignoranz der dort lebenden Parteien aufgeteilt hatten. Der 1917 erfolgte Leak des Abkommens durch Russland befeuerte in der Arabischen Welt ein bis heute andauerndes Misstrauen gegen den Westen.

Die Nachfrage nach Öl war im Ersten Weltkrieg dramatisch gestiegen, da Churchill die britische Flotte auf den flüssigen Treibstoff umgerüstet hatte, der seinen Schiffe höhere Geschwindigkeiten verlieh als denen der noch mit Kohle befeuerten deutsche Kriegsmarine. Zudem ermöglichte das Öl dem von Churchill eingeführten Panzer Mobilität. Die Deutschen importierten lediglich in geringem Umfang aus Rumänien Benzin. Der unterschiedliche Zugang zum moderneren Treibstoff erwies sich als wesentlicher Faktor zum Kriegsausgang.

Automobil

Mit Aufkommen der von Henry Ford etablierten Automobilindustrie boomte in den 1920ern die Nachfrage nach dem Rohstoff erneut. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs erhob auch die Krone Anspruch auf die vormalige Provinz Mesopotamien. Der britischen Unterhändlerin Gertrude Bell gelang es jedoch, Churchill davon zu überzeugen, einen von ihr entworfenen souveränen Staat zuzulassen und dort ein Königreich zu etablieren: Irak. Das bei den Shiiten unbeliebte irakische Königshaus bezog seine Macht von Gnaden des Empire.

Die Briten bauten im Irak ihr Monopol aus und schlossen insbesondere Standard Oil von Schürfrechten aus, was New York erzürnte. Dem damaligen Nahost-Spezialisten im US-Außenministerium, Allen Dulles, gelang es jedoch, einen Fuß in die Tür zu bekommen, da die US-Gesellschaften über bessere Finanzierung zum Aufbau der Förderindustrie verfügten.

Seven Sisters

1928 trafen sich die drei Chefs der Konzerne Anglo-Persian Oil Company (heute BP), der Royal Dutch Shell und Standard Oil im schottischen Achnacarry scheinbar nur zu einer Jagdgesellschaft. Tatsächlich aber vereinbarten sie unter größter Geheimhaltung ein verdecktes Kartell auf den Ölfeldern im Mittleren Osten. Wie schon beim Sykes-Picot-Abkommen spielten Landesgrenzen und Politiker für die Ölmänner bei der geheimen Landnahme keine Rolle. Vier weitere US-Ölkonzerne stießen später zu dem geheimen Kartell, das Jahrzehnte danach als Seven Sisters bekannt werden sollte.

Von den westlichen Regierungen waren Widerstände nicht zu erwarten, Geschäfte in Übersee störten Kolonialmächte traditionell nicht, die US-Seite verfügte über beste Kontakte zum kriegsbegeisterten vormalige US-Marineminister Franklin Delano Roosevelt, der als Gouverneur von New York inzwischen nach dem Präsidentenamt griff. Es sollte dem Kartell gelingen, seine Existenz fast ein Vierteljahrhundert zu verheimlichen. Als die US-Kartellbehörde 1952 gegen die Seven Sisters ermittelten, überzeugte FBI-Chef J. Edgar Hoover Präsident Truman mit einem geheimen Schreiben, dass das Unternehmen im besten Interesse der USA wäre.

Der als "Mr. Five Percent" bekannt gewordene Unterhändler Calouste Gulbenkian steckte für die Ölkonzerne ein Gebiet aus der Türkei, dem Irak und Saudi-Arabien ab - ohne Rücksicht auf die aktuellen politischen Verhältnisse.

Sullivan & Cromwell

Die Rockefellers bedienten sich der auf Außenhandel spezialisierten New Yorker Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell. Rechtsanwalt William Nelson Cromwell hatte einst für ein Rekordhonorar in Washington für die Fertigstellung des Panamakanals lobbyiert, dessen französische Gesellschaft insolvent gegangen war. Rechtsanwalt Algernon Sydney Sullivan hatte trickreich die Auffanggesellschaft finanziert und in Panama u.a. verdeckt eine Revolution organisiert, so dass Washington schließlich das US-Militär aufmarschieren ließ und damit den Bau absicherte.

Die renommierte Wirtschaftskanzlei organisierte mit US-Steel die Rüstungsindustrie und wickelte für die Wallstreet das Auslandsgeschäft ab. Die Kanzlei finanzierte u.a. den Wiederaufbau deutscher Industrie und repräsentierte deutsche Konzerne wie das Chemiekartell IG Farben. Seit den 1920er Jahren wurde Sullivan & Cromwell von den Gebrüdern Allen Dulles und John Foster Dulles geleitet. Prominente Mandanten waren rechtsgerichtete Rassisten wie Henry Ford und Nazi-Bankier Prescott Sheldon Bush.

Zweiter Weltkrieg

In Kooperation mit der IG Farben lieferte Standard Oil an Nazi-Deutschland selbst nach Kriegseintritt der USA noch Treibstoffe, was schließlich in einen unpatriotische Skandal mündete. Die Nazi-Affäre, die Prescott Bush zeitweise in der Existenz gefährdete und die Dulles-Brüder in Washington Einfluss kostete, wurde politisch beigelegt. Auch Stalin belieferte Hitler mit Öl, das dessen Panzer, Transporter und Luftwaffe trieb. Der strategische Wert von Stalins Ölfelder in Baku gilt manchen als ausschlaggebendes Ziel für Hitlers Überfall auf Russland. Die erhoffte Eroberung von Baku war dem Strategen wichtiger als die Unterstützung der eingeschlossenen Armee bei Stalingrad.

Zu den Zielen der deutsche Luftwaffe gehörten auch Ölfördereinrichtungen im heutigen Irak, um die Briten vom kriegswichtigen Treibstoff abzuschneiden. Den lieferten stattdessen die USA nebst Kriegsgerät über den Atlantik. Als die Deutschen und Italiener in Nordafrika einmarschiert waren, um dort Zugang zum Öl in Libyen und Ägypten zu erlangen, schnitten die Alliierten ausgerechnet den Treibstoffnachschub ab.

Room 3603

Die New Yorker Industriellen-Elite traf sich monatlich diskret im Raum 3603 im Rockefeller-Center, um Informationen über das Ausland auszutauschen. Organisator der Geheimtreffen war der rechtsgerichtete Rechtsanwalt und Weltkriegsveteran General William Donovan. Während des Zweiten Weltkriegs gründete diese Clique das paramilitärische Office of Strategic Services (OSS). Dieser neue Kriegsgeheimdienst sollte weniger spionieren, sondern verdeckte Kommandoaktionen ausführen, Desinformation betreiben und sabotieren.

Die Führungsebene des OSS stellten die Söhne der Milliardäre, die nach Kriegsabenteuern dürsteten. Der unkonventionelle Geheimdienst fungierte auch als Kaderschmiede für die künftige Elite der USA. Von Anfang an hatte das OSS neben patriotischen Zielen unverblümt wirtschaftliche Interessen im Blick, die auch nach Kriegsende knallhart in Süd- und Mittelamerika verfolgt werden sollten. Einflussreichster OSS-Agent war der Sullivan & Cromwell-Anwalt Allen Dulles, der von der Schweiz aus die Nazis über seine deutschen Geschäftspartner ausspionierte, aber auch anrüchige Geschäfte für seine rechtsgerichtete Clique tätigte. In den letzten Kriegsjahren bereitete Dulles heimlich mit abtrünnigen Nazis den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion vor.

Aramco

Bereits in den 30er Jahren hatte der US-Konzern Chevron in Saudi Arabien nach Öl gesucht. Standard Oil war zur Stelle, als dem Haus Saud mit Aufkommen künstlicher Perlen die Haupteinnahmequelle weggebrochen war. Nach der Konferenz von Jalta bereiste 1945 US-Präsident Franklin Delano Roosevelt auf einem Zerstörer die arabische Welt und empfing u.a. den saudischen König Ibn Saud, dessen Land vom Zweiten Weltkrieg verschont geblieben war. Dieser überreichte als Geschenke goldene Dolche, die symbolischer für das Verhältnis beider Nationen nicht sein konnten: Die USA stellten Militär, die Saudis bezahlten - mit Schürfrechten an die von vier US-Ölkonzernen gegründete Arabian-American Oil Company (Aramco). Die einst im Geiste von Religionsfreiheit und Menschenrechten gegründete Demokratie USA finanzierte und beschützte seither die mittelalterliche Theokratie der Saudis.

Roosevelt teilte dem britischen Botschafter brüsk mit, man überlasse den Briten das Persische Öl, die Felder im Irak und in Kuwait könnte man teilen. Das saudische Öl jedoch beanspruchten die USA fortan alleine. Die wegen Kriegskosten an die USA verschuldeten Briten mussten dies hinnehmen. Im ursprünglich britischen Protektorat Kuwait investierte Prescott Bushs Sohn George Herbert Walker Bush in Ölquellen.

Central Intelligence Agency

Nachdem Truman das cowboyhafte OSS wegen Ineffizienz beseitigte, lobbyierte der Vorsitzende des privaten Think Tanks Council on Foreign Relations, Allen Dulles, für einen zivilen Geheimdienst, der lediglich Informationen sammle. Tatsächlich aber fassten in der neuen Central Intelligence Agency (CIA) etliche OSS-Veteranen Fuß, und mit ihnen die verdeckten Operationen. Geführt wurde die CIA von einem Militär, jedoch kontrollierte Dulles persönlich die Abteilung für "spezielle Pläne", intern als "Department of Dirty Tricks" bekannt.

Selbstzerstörung

1948 befürchteten die USA nach der Berlin-Blockade weitere Aktionen der Sowjets. Eine militärische Verteidigung der Ölfelder durch die USA und Briten und ihre örtlichen Verbündeten beurteilten Militärs als unrealistisch.

Die CIA prüfte verschiedene Pläne, wie das Öl vor dem Zugriff der Sowjets bewahrt werden könnte. Eine Vorschlag, die Bohrlöcher mit Zement zu verschließen, wurde als zu zeitaufwändig verworfen. Die CIA erwog auch die radioaktive Verseuchung der Ölfelder, was die Infrastruktur erhalten hätte. Die Strategen verwarfen den Plan jedoch, weil man befürchtet, Moskau könne arabische Arbeiter zur tödlichen Arbeit zwingen.

Die USA diskutierten ihre Pläne mit den Briten, mit denen sie sich in Kuwait, Kathar und Bahrrain die Ölfelder teilten. Die Kolonialmacht wies die US-Pläne 1951 zunächst zurück, da deren Geheimhaltung insbesondere vor den Gastgebern als riskant erschien, die eine solche Verletzung des Gastrechts kaum gebilligt hätten. Ein möglicher Leak des Staatsgeheimnisses (wie er 1996 durch ein Versehen geschah), hätte das Ende der wirtschaftlichen Beziehungen zur Folge haben können. Schließlich ließen sich die Briten doch noch auf den Plan ein. Für Iran und Irak, die bei einer sowjetischen Invasion als erstes betroffen gewesen wären, erschien jedoch eine Sabotage als zu langwierig. Auch von Washingtons Vorschlägen, die Einheimischen zum Anzünden der Ölfelder zu bewegen, hielt London wenig.

Während manche die geplante Sabotage der eigenen Industrie als eine militärische Operation ansahen, setzte sich schließlich die Strategie durch, die Aufgabe verdeckt durch Zivilisten zu erledigen. Die CIA organisierte daher bei Aramco Agenten, die sie nach dem Need-to-Know-Prinzip zur Selbstzerstörung ihrer Anlagen anleitete. Mit der Organisation befasste man den vormaligen Sicherheitschef eines Ölkonzerns George Prussing, der in die CIA gewechselt war. Die CIA infiltrierte Aramco auch mit eigenen Leuten, die undercover über die Fortschritte des Sabotageprogramms berichteten.

Prussing wählte gezielt Anlagen aus, deren Zerstörung die Infrastruktur für etwa sechs Monate lahmlegen sollte, etwa weil die Sowjets nicht über Ersatzteile verfügten. Nach einem Abzug sollte der Westen hingehen schnell zur Restauration in der Lage sein. Die Agenten wurden u.a. mit Flammenwerfern und sogar Thermitgranaten ausgerüstet, deren hohe Temperaturen Öl hätte entzünden können.

Zwar hatten die Briten gegenüber den USA entsprechende Sabotagepläne für den Iran abgelehnt. Heimlich aber bereiteten sie ebenfalls die Selbstzerstörung vor. Die Geheimhaltung vor den USA war die Bedingung der britischen Ölindustrie gewesen, allerdings teilte das Empire aus pragmatischen Gründen ihr Geheimnis schließlich doch mit der Supermacht und befasste mit der Sache den MI6. Auch die anderen Ölgesellschaften wurden in die Operationen eingebunden.

Iran

Ungemach drohte in Persien nicht von den Russen. Die hatten ihre Truppen bereits 1946 friedlich das Gebiet abgezogen, hinterließen allerdings eine starke kommunistische Partei. Die Briten, die dem Shah von Persien dessen Präferenz zu Hitler verübelten, schickten ihren Ex-Partner ins Exil und ersetzten ihn durch dessen jüngsten Sohn. Der gewählte iranische Staatschef Mossadegh verstaatlichte die Ölindustrie und warf die Briten 1951 aus dem Land. Die Sabotage geschah nicht technisch, sondern durch Boykott iranischen Öls. Zudem fehlten Mossadegh qualifizierte Arbeiter.

Nachdem Dwight D. Eisenhower Eisenhower 1953 Präsident wurde, kündigte Aramco die Zusammenarbeit beim Sprengprogramm auf, da man keinesfalls die saudischen Gastgeber weiter hintergehen wollte. Stattdessen plante die CIA nun, die Sabotage mit zivileren Methoden durchzuführen oder mit konventionellem Militär zu erledigen. Dennoch versteckten von der CIA angeleitete Aramco-Männer weiterhin unter ihren Betten Bomben, um notfalls Pipelines zu sprengen.

Dulles & Dulles

Eisenhower hatte die Außenpolitik an die beiden Anwälte der Ölindustrie delegiert, die ihm als Strippenzieher der Republikanischen Partei das Präsidentenamt besorgt hatten: John Foster Dulles amtierte als Außenminister und führte die Welt in den Kalten Krieg, der die Rüstungsindustrie glücklich machte. Allen Dulles wurde CIA-Direktor. Beide Brüder behielten gleichzeitig ihre Position bei Sullivan & Cromwell und waren nach wie vor am Auslandsgeschäft der US-Industrie beteiligt. Einer der Mandanten war zufällig der Shah von Persien.

Kermit Roosevelt, Neffe des Präsidenten, leitete die legendäre CIA-Operation Ajax, eine inszenierte Revolution königstreuer Rebellen. Nachdem der Shah auf dem Pfauenthron reinstalliert war, galt dessen Loyalität nunmehr ganz den USA. Die Briten blieben fortan draußen und firmierten ihre nun nicht mehr persische Ölgesellschaft in British Petroleum um, später nur noch "BP".

Revision

1956 sinnierten die Briten über eine nukleare Zerstörung der Ölförderung im Irak, da sich im Zweiten Weltkrieg konventionelle Fliegerbomben insoweit nicht als effektiv erwiesen. Das Sabotageprogramm am Boden wäre nur in Kooperation mit den Ölfirmen realistisch, die im Iran nun verstaatlicht waren. Eine Zusammenarbeit mit der irakischen oder iranischen Regierung kam nicht infrage. Großbritannien hätte mit Agenten lediglich die riesigen Anlagen im irakischen Kirkuk unbrauchbar machen können. Die nukleare Option wäre jedoch nur gemeinsam mit den USA realistisch gewesen. Eine Antwort der US-Seite ist nicht überliefert. Stattdessen prüfte Prussing, ob der Originalzerstörungsplan für die Anlagen im Iran funktionierte, was er positiv einschätzte.

1957 überdachte man die Pläne zur Selbstzerstörung. Als dringlicheres Problem wurde der zunehmende arabische Nationalismus erkannt, dem jedoch nicht durch entsprechende Sabotage hätte begegnet werden können. Die Befürchtung, die geplante Verletzung des Gastrechts könnte durchsickern und die Scheichs verstimmen, überwog den Nutzen. Daher gab man die klandestinen Sabotagepläne auf und baute die passive Verteidigung der Ölfelder etwa gegen Luftangriffe aus. Für den Fall eines Rückzugs stimmte man nun mit den Regenten vor Ort eine militärische Vernichtung ab.

Texas

Der Boom der texanischen Ölindustrie machte die ultrarechten Spekulanten Clint Murchison und H. L. Hunt zeitweise zu den reichsten Männern der Erde. Die bekennenden Rassisten bespendeten u.a. den Ku Klux Klan und die amerikanische Nazi-Partei. George H. W. Bushs Firma Zapata Oil soll der CIA als Cover-Organisation bei den verdeckten Operationen gegen Castros Kuba gedient haben. Allein die Liaison mit den Saudis brachten den Bushs nach plausiblen Schätzungen eineinhalb Milliarden Dollar ein.

Präsident John F. Kennedy, dessen Macht nicht am Ölgeschäft oder der Rüstungsindustrie hing, wollte das einträgliche Wettrüsten beenden und die CIA abschaffen. Nachdem Kennedy eine Reise nach Texas nicht überlebte, füllte sein texanischer Stellvertreter und Nachfolger Lyndon B. Johnson die Auftragsbücher der Rüstungsindustrie mit dem Vietnamkrieg.

Vom Durst nach Öl profitierte insbesondere die Hughes Tool Company mit ihrem konkurrenzlosen Ölbohrmeißel. Hughes Aircraft erarbeitete sich ein Monopol für Rüstungselektronik, der rechtsgerichtete Texaner Howard Hughes wurde schließlich zum reichsten Mann der Welt. Für die CIA entwickelte Hughes heimlich u.a. die Spionagesatelliten und stellte dem Geheimdienst seine landesweit verteilten Kinos als verdeckte Basen für illegale Inlandsaktivitäten zur Verfügung. Die Kooperation der CIA mit Hughes gipfelte Anfang der 1970er Jahre im Azorian Project, der wohl aufwändigsten Geheimdienstoperation aller Zeiten.

Enrico Mattei

Die Befürchtungen vor einer sowjetischen Invasion erwiesen sich als unbegründet. Doch der Kommunismus bedrohte die Interessen der Seven Sisters inzwischen aus Italien. Dort hatte der Manager Enrico Mattei den Konzern AGIP bzw. ENA aufgebaut und entwickelte eine unerhörte Importstrategie: So paktierte Mattei mit den ärmsten Staaten im Nahen Osten und im Ostblock, die er fair entlohnen wollte. Marokko und Tunesien wollte er etwa zu 50% beteiligen. Mattei pumpte auch Geld in die algerische Unabhängigkeitsbewegung, was ihm die Feindschaft der rechtsgerichteten Organisation de l’armée secrète (OAS) einbrachte.

Mattei erklärte 1960 nach Verträgen mit der Sowjetunion und China das Monopol der US-dominierten Seven Sisters im Erdölmarkt für beendet Für Washington waren Geschäfte mit dem Osten spätestens nach dem Embargo während der Kubakrise nicht akzeptabel. Mattei rekrutierte seine Leibwächter aus ehemaligen Partisanen, deren Loyalität er sicher sein konnte. 1962 entdeckte Matteis Pilot rechtzeitig Sabotage. 1963 wurde Mattei bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz dennoch getötet. Ein Enthüllungsjournalist sowie Polizisten und Carabinieri, die den Fall untersuchten, wurden ermordet. 1986 erklärte der spätere italienische Chef des Militärgeheimdienstes, es habe sich um einen Abschuss gehandelt. Eine 1995 durchgeführte Exhumierung ergab, dass Mattei durch eine Explosion deformiert wurde.

OPEC

Nicht die Sowjetunion, sondern die Gastgeber durchkreuzten die Pläne der Seven Sisters. Dem Beispiel Mossadeghs, die westliche Ölindustrie einfach zu verstaatlichen, folgten nach und nach etliche andere Länder. Nach dem Vorbild des einst geheimen Kartells der Seven Sisters gründeten 1960 Staaten im Mittleren Ostens und in Südamerika unter konspirativen Umständen in Baghdad die Organization of the Petroleum Exporting Countries (OPEC). Selbst die aufs engste mit den USA verbündeten Saudis verstaatlichten Aramco in den 1970ern.

Nichts Neues unter der arabischen Sonne

Nelson Rockefeller, der es politisch zum Gouverneur von New York gebracht hatte und wie sein Vorgänger Roosevelt zum Staatschef aufsteigen wollte, scheiterte stets bereits bei den Primarys. Hughes illegale Wahlkampfspenden und Richard Nixons CIA-Methoden führten zum Watergate-Skandal. Nach dem ruhmlosen Rücktritt Nixons wurde Ölmann Rockefeller ohne Wahl nun wenigstens zum Vizepräsident berufen. Bush wurde 1976 Direktor der CIA und gleitete auf einem Ölfilm in den 80er Jahren ins Weiße Haus. Als Außenminister setzte er seinen Anwalt James Baker ein.

Als Saddam Hussein 1990 die Ölfelder in der Diktatur Kuwait besetzte, demonstrierten Bush und 28 an Erdöl interessierte Staaten mit einem historisch beispiellosen Luftangriff, wem das Öl tatsächlich gehörte und wie man es in Kriegsmaschinen einzusetzen hatte. Hussein praktizierte die Strategie der verbrannten Erde und zündete beim Rückzug die Ölfelder an. Bushs ebenfalls aus dem Ölgeschäft stammender Sohn George W. Bush machte die Chevron-Managerin Condoleeza Rice zur Außenministerin und nutzte 9/11 und erfundene Massenvernichtungswaffen, um gemeinsam mit den Briten 2003 den Irak zu okkupieren. Als erstes besetzten die Truppen das Ölministerium, die Verhinderung von Sabotage hatte also Priorität. Später kam heraus dass Shell, BP und die US-Ölindustrie wie schon 1928 die Schürfrechte vor dem Krieg aufgeteilt hatten.

Von Markus Kompa aktuell im Westendverlag erschienen: Der Politthriller Das Netzwerk.