Die Produktion von Präsenz

Nach seiner "Ökonomie der Aufmerksamkeit" versucht sich Georg Franck nun an einer politischen Ökonomie des Geistes - die Analyse eines ironischen Versprechens von "Präsenz"

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Das Achten aufs Achten der anderen ist ein Zusammenhang, der nicht reißt.

Georg Franck

Vor rund sechzig Jahren, und längst im kalifornischen Exil, diskutierte Max Horkheimer im Kreis seiner Vertrauten über das Woher und Wohin der westlichen Zivilisation. Es war sicher nicht der einzige makroperspektivische Versuch, ihrer düsteren Entwicklung eine Erkenntnis abzuringen und diese zeitdiagnostisch anzuwenden – man denke nur an Lewis Mumford oder Sigfried Giedion. Anders als diesen wurde Horkheimers Kreis eine längerfristige Aufmerksamkeit zuteil, denn die Protokolle – publiziert als „philosophische Fragmente“ – schienen mit ihren Zentralbegriffen noch lange den Nerv der Zeit zu treffen. Einer von ihnen war die „Kulturindustrie“. Damit wurde das Phänomen bezeichnet, dass mittlerweile auch geistige und kulturelle Leistungen dem kapitalistischen Profitmotiv unterworfen sind.

Was einst als radikale These gegen den Euphemismus einer Volks- oder Massenkultur präsentiert wurde, manifestiert sich heute in banaler Alltäglichkeit jedem, der es wagt, am Samstagabend den Fernseher einzuschalten: am Fließband produzierte Kultur für die Massen, Nonsense von und mit sogenannten Stars bis zum Erbrechen, zynische Bevormundung durch Medienmacher und Drehbuchschreiber. Man wird insgesamt mit einer „Professionalität“ konfrontiert, der mit ihrem Diktat dessen, was „Sache ist“, nicht mehr mit herkömmlicher Kritik beizukommen ist.

Auch eine Ironie der Geschichte: Die Kritisierten sind nicht weiter belangbar, da sie sich hinter Ironie und noch mehr Zynismus verstecken, und da sie genau wissen, dass ihre Leistung belächelt oder verachtet wird, während sie trotzdem und gerade damit reüssieren. Es ist das Harald Schmidt-Syndrom: ein schlechter Scherz vielleicht, hat aber nie behauptet, etwas anderes zu sein. Prämiert wird nicht, was vor welcher Instanz auch immer „wirklich zählt“, sondern das, was am besten dieser neuen, mediengestützten Ökonomie der Aufmerksamkeit entspricht.

Den Blick für diesen Kontext der symbolischen Prämierung, die hinter und neben allen monetären Verwertungsinteressen steht, hat vor einigen Jahren Georg Franck mit einem großen und viel beachteten Essay geöffnet, der sich dem grassierenden Kapitalmarkt der Beachtung und der Beachtlichkeit (vulgo: Prominenz und Quote) widmete (Aufmerksamkeit - Die neue Währung). Der Bezug von Aufmerksamkeit durch andere Menschen ist mehr wert als jedes andere Einkommen, so die zentrale These. Franck lieferte eine faszinierende Analyse des Phänomens, dass in einer entfalteten Medienkultur Ruhm über der politischen Macht steht, Prominenz über dem wirtschaftlichen Reichtum, das Projekt über dem Werk und Publizität über der akademischen Position.

Nun liegt das Gegenstück zu dieser Analyse vor, und es ist ein profunder Entwurf zum Thema Dekontextualisierung in der Aufmerksamkeitskultur geworden. Obwohl die Darstellung sehr zugänglich gehalten wurde und die Theorie dieser politischen Ökonomie des Geistes auch sprachlich brillant abgefasst ist, lässt sich dieser Beitrag nicht einfach auf den Punkt bringen. Zunächst aber: Es handelt sich nicht um eine schlichte Fortsetzung kulturapokalyptischer Ansätze, die seit jener Kritik der Kulturindustrie bekannt sind, wohl aber um eine Übersetzung der damals angeschnittenen Thematik in gegenwärtige Verhältnisse.

Dazu gehört die Einsicht, dass eine sich allgemein durchsetzende „instrumentelle Vernunft“ (Max Horkheimer) bzw. „die kulturelle Logik des Spätkapitalismus“ (Frederic Jameson) und mit ihnen die Verwertungsprozesse des Kapitals nicht länger in Kategorien einer Wirkungsgradsteigerung gefasst werden können, die der klassisch industriellen Produktion entspricht. Weder ein neuer noch ein aufregender Gedanke steht damit im Raum, doch erwartungsgemäß gibt ihm Franck eine interessante Wendung, indem er die „Ökonomisierung mentaler Energie“ zum Dreh- und Angelpunkt seiner Analysen macht.

Starke Medien ...

Diese setzen mit dem Ausflug Ludwig Wittgensteins in die Architektur an, was insofern interessant ist, als an der Spiegelung von Texten und Architektur sich sowohl die philosophische Moderne wie auch die Postmoderne (die u.a. anhand von Peter Eisenmans Entwürfen diskutiert wird) auf den Punkt bringen lassen. Die logische Formalisierung muss vor der natürlichen Sprache kapitulieren – soweit die Einsicht, zu der Wittgenstein sich einst durchgequält hat. Längst aber besorgen inzwischen Maschinen, deren Funktion auf von jedem Kontext befreiten Programmiersprachen beruht, für Formalisierungen ungeahnten Ausmaßes.

Im Übergang vom Industrie- zum Informationszeitalter findet also eine Verschiebung statt, die mit den alten Kategorien (Rationalisierung des Geistigen, Mechanisierung des Denkens) nicht mehr schlüssig erklärt werden kann. Es geht nicht darum, dass der Computer einer neuen Logik entspricht – das wäre ein fataler Irrtum –, sondern darum, nach welcher „Logik“ diese Apparatur zur Bemächtigung von Wirklichkeit eingesetzt wird.

Aus ihr erschließen sich starke Medien, so Georg Franck, wie die Werbung und ihre Markenpolitik. Produkte verkaufen war gestern, heute geht es um die Etablierung von Lebensstilen und Sichtweisen, und die Produkte verkaufen sich dann von selbst. Diese neuen Medien sind ständig dem Bildwitz und der Neuartigkeit von Sichtweisen hinterher, wie sich in der Alltagswahrnehmung dauernd bestätigt. „Sieh hierher“ und „Bleiben Sie dran“ – Werbung kommuniziert nicht, sondern setzt Imperative. Wer in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit die Produktion von Präsenz nicht schafft, geht in diesem Business ohnehin rasch unter. Sie verlangt, um zu funktionieren, nach Ironie, die bekanntlich keiner Zustimmung bedarf (auch dies ein Teil des Harald Schmidt-Syndroms unserer Medienkultur).

Auffallen um jeden Preis, so lautet die vulgäre Übersetzung dieses immer besser funktionierenden Mechanismus. So weit, so gut, aber das ist es nicht, was Francks Analyse heraushebt. Vielmehr werden hier die Mechanismen seziert, nach denen schwächere Medien (im übertragenen Sinn, also Architektur, Kunst, Wissenschaft) zu diesen Tendenzen aufschließen. Anstelle eines Lamento, dass sich alles nur noch um Geldmacherei dreht, wird eine subtile Analyse dessen geboten, was im Ausgang der Postmoderne sich an Märkten und Orientierungen neu entwickelt hat.

Die Analyse immateriellen Kapitals und seiner Reproduktion über soziale und kulturelle Mechanismen hat berühmte Vorbilder, etwa Pierre Bourdieu oder, für die wissenschaftliche Produktivkraft, Bruno Latour. Die Frage ist immer die, wie in den jeweiligen Bereichen Werte geschaffen und tradiert werden. Franck entwickelt seinen Begriff des mentalen Kapitalismus, indem er diese Ansätze referiert, um sie über sich selbst hinauszutreiben.

... postideologische Analyse

Mentaler Kapitalismus ist danach nicht mehr bloß die Tatsache, dass sich auch aus immatriellen Werte eine eigene Art des Profits schlagen lässt, sondern die geradezu perfide Strategie, neuartige Märkte zu schaffen, in denen herkömmliche Formen der Geltung und damit auch der Wertschöpfung völlig außer Kraft gesetzt sind. Dann setzt sich in einer neuen Konkurrenz durch, wer Verluste auf der bewährten Ebene in Gewinne auf der eigenen Ebene zu übersetzen versteht. Es geht um die neuen Spielregeln.

Paradigmatisch für diese neuartigen Märkte ist die Marke, doch nicht im Sinne eines Mode-Labels, sondern vielleicht im Sinne Einsteins oder Freuds, deren Theorien kaum einer kennt, bei gleichzeitigem Wissen, dass die irgendwie unheimlich wichtig sind. In fast jeder Produktion, auch in der angeblich objektiv wissenschaftlichen, steckt ein Aspekt dessen, „was andere für wichtig halten“. Unsere kreatürliche Eitelkeit, sagt Franck, wies einer medialen Kultur den Weg, die Metaphysik mit dem Versprechen einer Teilhabe an der Präsenz ersetzt hat.

Man könnte sagen, dass der mentale Kapitalismus dann funktioniert, wenn sich gegen alle Regeln etwas durchsetzt. Franck behauptet das für die dekonstruktionistische Architektur, die im entfesselten Kampf um die Beachtung den Anschein schriller Irrationalität in einen Aspekt der Effizienz verwandelt habe. Dass die Entwürfe des Architekten Peter Eisenman oft gar nicht gebaut wurden, ist in dieser Hinsicht zweitrangig, sie sind so oder so zu Ikonen geworden. Die Stärke dieser Analyse ist nun, dass Franck weder die Intentionen des Architekten noch seinen Willen zur Gestaltung dafür verantwortlich sieht. Sie besagt, dass jenseits des mittlerweile historischen Disputs um Moderne und Postmoderne ein medialer Mechanismus in Kraft tritt, der für die Durchsetzung eines Stils als Repräsentation der Werte und Anliegen jener Gesellschaft sorgt, die dafür bezahlt.

Ob diese Prämierung nun nachvollziehbar erfolgt ist oder nicht – wichtig scheint die Tatsache, dass es kulturelle und soziale Transformationsleistungen gibt, die unabhängig vom Willen ihrer Akteure für eine „Ökonomisierung mentaler Energie“ sorgen. Man muss auch nach den Medien fragen, die dies ermöglichen. Und es scheint, wie wenn unserer Kultur erst jetzt, nach einem halben Jahrhundert ihres professionellen Einsatzes, das Potenzial der Computertechnologie erschließt. „Der Computer“, schreibt Franck im Hinblick auf die architektonischen Dekonstruktionen, „wird zum katalytischen Gerät gemacht, das mehr aus dem Unterbewussten des entwerfenden Subjekts herausholt, als dessen unbewaffneter Anstrengung verfügbar wäre. An die Stelle der entlasteten Routine tritt die forcierte Desorientierung.“

Haben die Maschinen des Industriezeitalters den Maßstab der handwerklichen Produktion explodieren lassen, so ließen die Apparaturen des Informationszeitalters den Maßstab alles Menschlichen implodieren. Kritische Interventionen auf der kulturpessimistischen Schiene sind hier ebenso passé wie überanstrengte Erwartungshaltungen hinsichtlich der neuen Märkte. Im Zeitalter der digitalen Medien ist die Kritik auf eine neue Art und Weise gefordert. Sie muss nach wie vor eine Wahrnehmungsform erarbeiten, die das Ungewöhnliche entdecken und ein Problembewusstsein erzeugen kann. Der Kritiker ist dann mehr Übersetzer denn Interpret, seine Kritik hebt nicht die Welt aus den Angeln, sondern legt die Scharnierstellen bloß, nach denen ihre Mechanismen funktionieren.

Es scheint, als habe im ansonsten recht schlappen Diskurs der Kulturwissenschaften Georg Franck – ein „Technikprofessor“ – nun völlig neue Akzente gesetzt. Frei von gekünstelter Terminologie, doch keineswegs ohne herausfordernd intellektuellen Anspruch, schafft Mentaler Kapitalismus die Beschreibung und die Theoretisierung eines gesellschaftlichen Zustandes, in dem die Produktion von Präsenz dem (damit nicht immer schon gewonnenen) Kampf um das Geld den Rang abgelaufen hat.

Georg Franck: Mentaler Kapitalismus. Eine politische Ökonomie des Geistes, Hanser Verlag 2005. 288 Seiten. 23,50 Euro.