Forencheck: Gewöhnungseffekt von Alkohol, Tropenkrankheiten und Schimmelgefahr

Drei Fragen aus dem Forum. Eine Telepolis-Kolumne.
Auf den Artikel "Wie gefährlich ist Alkohol nun wirklich? [1]" von Stephan Schleim antwortet ein User [2]:
Dass der Konsument Alkohol adaptiert, erwähnt der Autor nur so nebenbei zum Schluss, es ist aber gerade dieser schnelle Gewöhnungseffekt, der Alkohol so gefährlich macht. Viele Konsument leben den Irrglauben, dass Alkohol unterhalb der Rausch Schwelle ungefährlich sei, dass sich diese Schwelle durch regelmäßigen Konsum aber stetig verschiebt wird vergessen.
Tatsächlich wird der Gewöhnungseffekt im Artikel mehrfach erwähnt. Der Gewöhnungseffekt bedeutet, dass immer größere Mengen Alkohol getrunken werden müssen, damit der oder die Konsument:in die gleiche Wirkung spürt. Diese Gewöhnung ist schlecht für den Körper, weil die den Rausch suchende Person deswegen größere Mengen des Zellgifts Alkohol zu sich nimmt.
Laut verschiedenen Gesundheitsaufklärungsseiten tritt der Gewöhnungseffekt von Alkohol schnell ein, wobei die "Alkoholtoleranz" individuell verschieden ist, abhängig von Körpergröße und -gewicht und vom Geschlecht, aber auch vom Enzym Aldehyd-Dehydrogenase, mit dem die Leber Alkohol abbaut. Letzteres wird nicht von allen Menschen in gleicher Menge produziert, Menschen, denen es fehlt, erleben beispielsweise einen schlimmeren Kater.
Der Gewöhnungseffekt entsteht über Prozesse im Zentralen Nervensystem. Alkohol bindet dort an Gamma-Aminobuttersäure (GABA)-Rezeptoren, was auf das Gehirn dämpfend wirkt. Diese Rezeptoren reagieren mit der Zeit weniger stark auf die gleiche Menge Alkohol, d.h. um die gleiche dämpfende Wirkung zu erzielen, muss mehr getrunken werden. Dieser Mechanismus ist übrigens auch problematisch für den Entzug von Alkohol.
Im nüchternen Zustand ist das Gehirn nun übererregbar, der Entzug kann sogar zum Absterben von Hirngewebe führen [3]. Die Hyperaktivität des Zentralen Nervensystems ist auch für das Delirium tremens verantwortlich, dass schwer Alkoholkranke beim Entzug erleben können. Ein schweres Delirium tremens kann auch tödlich ausgehen [4].
Welche Mückenarten übertragen Tropenkrankheiten?
Verschiedene Fragen gab es zum Artikel "Killer aus dem Kleingarten [5]" von Harald Neuber, in dem es darum geht, dass in Berlin wiederholt Exemplare der Asiatischen Tigermücke entdeckt wurden. Die Asiatische Tigermücke ist ein potentieller Überträger verschiedener Tropenkrankheiten.
"Übertragen landläufige Stechmücken keine Tropenkrankheiten?" lautet eine Frage [6], und weiter:
Es ist ja wohl nicht so, daß die Tropenviren ausgerechnet auf Tigermücken warten, um sich zu verbreiten, sondern diesen Transportweg nehmen, weil die Tigermücke nunmal dort heimisch ist, wo die Viren üblicherweise zirkulieren (…) Genaugenommen ist der Mensch das eigentliche Problem, weil er die Krankheit aus den Tropen einschleppt, was der Mücke selber nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit gelingt. Was ich nicht ausschließen will ist die Möglichkeit, daß entsprechende Viren sich auf eine Verbreitung mit einer bestimmten Mücke hin optimiert haben. Aber das dürfte kein so exklusives Geschäft sein, daß sie unbedingt auf diese eine Mückenart angewiesen sind.
Die Krankheitserreger durch ihre blutsaugende Lebensweise weitergeben könnten auch andere Stechmückenarten, so die These.
Das ist zumindest bislang nicht erwiesen. Dort, wo Asiatische Tigermücken (Aedes Albopictus) vorkommen, kommen auch zahlreiche andere Mückenarten vor, beispielsweise Mücken der Gattung Anopheles [7]. Von dieser Gattung, die 420 Arten umfasst, können 40 Arten Malaria übertragen, aber keine anderen Krankheiten.
Die Asiatische Tigermücke gehört der Gattung Aedes an und überträgt die Erreger mehrerer Krankheiten, u.a. des West-Nil-Fiebers, des Dengue-Fiebers, des Gelbfiebers und des Chikungunya-Fiebers, aber keine Malaria. Ein ähnliches Portfolio von Krankheiten überträgt auch die Ägyptische Tigermücke (Aedes Aegypti).
Obwohl all diese Krankheiten immer wieder von Reisenden mit nach Deutschland gebracht werden, ist eine Übertragung durch heimische Stechmückenarten nicht bekannt. So sind die 50 hier vorkommenden Arten in der Lage, verschiedene Arboviren zu übertragen [8], an denen auch Menschen erkranken können wie Usutu-, Sindbis- und Batai-Viren.
In der Veröffentlichung von 2014 heißt es auch:
Mit dem Auftreten weiterer Erreger, insbesondere dem West-Nil-Virus, muss in absehbarer Zeit in Deutschland gerechnet werden, da es bereits in den Nachbarländern Frankreich, Österreich und Tschechien zirkuliert.
Und auch hier wird die Asiatische Tigermücke zusammen mit dem Japanischen Buschmoskito genannt, als invasive Arten, "die hohe Vektorkompetenz für verschiedene Pathogene besitzen und gleichzeitig den Menschen als bevorzugte Blutquelle nutzen".
Zusammengefasst: Es ist nicht für alle Zeiten auszuschließen, dass auch andere Mückenarten Tropenkrankheiten übertragen, die Asiatische Tigermücke wäre aber ein echter Game-Changer zum Schlechteren.
Schimmelgefahr in kalten Wohnungen
Wird es zu kalt, steigt in einer bewohnten Wohnung die relative Luftfeuchte schnell auf 100 Prozent, womit sich dann der Pilz an der Wand freut. Gegen Kälte ziehe ich ein paar Schichten mehr an – bei Schimmel in der Atemluft geht's an die Gesundheit, weshalb so eine Wohnung dann nicht mehr bewohnbar ist. (...)
so die Befürchtungen in einem Kommentar [9] auf den Artikel "Gasumlage: Blockieren Liberale Hilfsmaßnahmen für Bürger? [10]" von Bernd Müller.
Die Idee aus den Reihen der FDP, dass Beziehende von ALG2 einen Bonus dafür erhalten sollen, möglichst wenig zu heizen, ist tatsächlich nicht nur sozial bedenklich, sondern könnte auch massenhaft zu Problemen mit den Vermieter:innen führen.
Es ist davon auszugehen, dass gerade ALG2-Beziehende in der Regel zur Miete wohnen. Wenn Mieter:innen durch ihr Wohn- und Lüftungsverhalten Schimmel entstehen lassen, kann das im schlimmsten Fall zur Kündigung durch den Vermieter führen. Ganz abgesehen davon, dass Schimmel eine Gesundheitsgefahr ist, wie im Kommentar angesprochen.
Wie schnell Schimmel in einer Wohnung entstehen kann, hängt in erster Linie von der Substanz des Gebäudes ab. Dringt irgendwo Feuchtigkeit ein oder sind viele Wärmebrücken vorhanden, fangen die Wände schneller an zu schimmeln. Deswegen sind zunächst die Vermieter:innen in der Verantwortung, Schimmel zu beseitigen bzw. zu beweisen, dass der Schimmel nicht durch Mängel am Gebäude entstanden ist.
Dennoch sind die Bewohner:innen einer Wohnung die größte Feuchtigkeitsquelle:
Ein Vier-Personen-Haushalt gibt pro Tag zwischen sechs und zwölf Liter Wasser an die Luft ab. Wird diese Feuchtigkeit nicht regelmäßig rausgelüftet, kann sie Schimmel auslösen – sowohl in Wohnungen mit undichten Fenstern und Dächern als auch in energetisch sanierten Häusern mit Wärmeschutzfenstern. In nicht ausreichend oder gar nicht beheizten Räumen ist die Gefahr besonders groß.
Verbraucherzentrale NRW [11]
Gegen Schimmel hilft bekanntlich Stoßlüften und im Winter Heizen. Stoßlüften sollte man nach den Empfehlungen der Verbraucherzentrale drei- bis viermal täglich, mindestens jedoch morgens und abends. Die Zimmer und auch das Schlafzimmer sollten am Tag mindestens auf 16 Grad geheizt werden.
Bei einem schlechten Bauzustand ist oft eine höhere Temperatur erforderlich, um das Schimmelrisiko niedrig zu halten. Versuchen Sie nicht, die ganze Wohnung nur mit einzelnen Heizkörpern zu beheizen. Temperaturunterschiede von mehr als fünf Grad zwischen Räumen innerhalb der Wohnung können schnell zu einem Schimmelproblem führen, zum Beispiel wenn warme, feuchte Luft aus einem Wohnraum in kühlere Räume gelangt. Daher sollten Sie zwischen unterschiedlich stark beheizten Räumen in der Wohnung die Türen schließen.
Verbraucherzentrale NRW [12]
Zu bedenken ist hier auch, dass gerade Menschen mit geringen Einkommen häufiger in Gebäuden in schlechtem Bauzustand wohnen. Wer hier also übermäßig an der Heizung spart, riskiert am Ende seinen Mietvertrag [13]:
Vermieter können dem Mieter wegen Schimmel kündigen, wenn das Heiz- und Lüftverhalten des Mieters den Schimmelbefall verursacht. Mieter haben eine Erhaltungs- und Obhutspflicht bezüglich der Mietwohnung. Verletzen sie diese schuldhaft gibt das dem Vermieter zumindest immer einen Kündigungsgrund für eine ordentliche Kündigung nach 573 Abs. 2 Nr. 1 BGB.
Gerichtsentscheidungen in dieser Sache sind im Einzelfall aber recht unterschiedlich ausgefallen.
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-7200941
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Wie-gefaehrlich-ist-Alkohol-nun-wirklich-7191201.html
[2] https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Wie-gefaehrlich-ist-Alkohol-nun-wirklich/Was-will-uns-der-Autor-sagen/posting-41366886/show/
[3] https://tu-dresden.de/med/mf/die-fakultaet/newsuebersicht/wann-und-wie-schaedigt-alkohol-das-gehirn
[4] https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/spezielle-fachgebiete/freizeitdrogen-und-rauschmittel/alkoholvergiftung-und-entzug#v1026648_de
[5] https://www.heise.de/tp/features/Killer-aus-dem-Kleingarten-7188498.html
[6] https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Killer-aus-dem-Kleingarten/uebertragen-landlaeufigen-Stechmuecken-keine-Tropenkrankheiten/posting-41346943/show/
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Anopheles
[8] https://www.researchgate.net/publication/261880113_Stechmucken_als_Ubertrager_exotischer_Krankheitserreger_in_Deutschland
[9] https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Gasumlage-Blockieren-Liberale-Hilfsmassnahmen-fuer-Buerger/Eine-kalte-Wohnung-ist-das-geringere-Problem/posting-41392960/show/
[10] https://www.heise.de/tp/features/Gasumlage-Blockieren-Liberale-Hilfsmassnahmen-fuer-Buerger-7194784.html
[11] https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/energie/heizen-und-warmwasser/heizen-und-lueften-so-gehts-richtig-10426
[12] https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/energie/heizen-und-warmwasser/heizen-und-lueften-so-gehts-richtig-10426
[13] https://www.mietrecht.org/kuendigung/fristlose-kuendigung-schimmel/
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