Arbeitskräftemangel UK: "Schmerzen des Wandels"

Tankstelle, East Barnet, Nord-London, 27. September 2021. Foto: Philafrenzy/CC BY-SA 4.0

Leere Zapfsäulen, leere Supermarktregale - der Brexit? Die konservativen Tories versprechen höhere Löhne, langfristig werde das Land besser dastehen

Leere Zapfsäulen, leere Supermarktregale, zu wenige Lkw-Fahrer, zu wenige Schlachter, ganz generell zu wenige Arbeitskräfte. Diese Schlagzeilen aus Großbritannien kennt inzwischen fast jeder. Die Diagnose in den allermeisten deutschsprachigen Medien lautet, dass dies die erwartbaren Auswirkungen des Brexit seien.

Das sehen die in Großbritannien regierenden Konservativen in mancherlei Hinsicht ähnlich. Doch auf ihrem diese Woche im nordenglischen Manchester stattfindenden Parteitag versuchen sie, der Sache einen positiven Spin zu versetzen.

Phänomene wie der Mangel an Lkw-Fahrern und die dadurch verursachte Benzinknappheit seien nichts weiter als Schmerzen, die beim Wandel von einer Niedriglohn- zu einer Hochlohnwirtschaft zu verkraften seien. Diese Schmerzen seien real, sie können auch zu Versorgungsengpässen zur Weihnachtszeit führen, doch langfristig werde das Land besser dastehen.

"Das Ende eines Wirtschaftsmodells"

Auf den Punkt brachte diese Sichtweise wie so oft Premierminister Boris Johnson. Der sagte der Financial Times zu Beginn des Parteitages, dass jene Menschen, die 2016 für den Brexit und 2019 für eine konservative Alleinregierung gestimmt hätten, sich ein Ende "eines zerbrochenen britischen Wirtschaftsmodell wünschen, welches auf niedrigen Löhnen und niedrigen Qualifikationen sowie einer chronisch niedrigen Produktivität basiert" wünschen würden.

Ähnliches äußerte auch Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng in einem Interview für die konservative Graswurzel-Webseite Conservative Home. Darin erzählt Kwarteng von einem Erlebnis aus dem Wahlkampf während des Brexit-Referendums. Jemand sei auf ihn zugekommen, um ihm zu sagen: "Ich werde für den Brexit stimmen". Der Grund: "Ich habe seit 15 Jahren keine Lohnerhöhung mehr gehabt."

Darum sei es für viele Menschen beim Brexit hauptsächlich gegangen, so Kwartengs Analyse:

Also war immer klar, dass wir, nachdem wir die auf niedrigen Löhnen und hoher Einwanderung basierende Wirtschaftsweise aufgegeben haben, zu etwas anderem übergehen müssen. Jetzt sehen wir diesen Übergang.

Kwasi Kwarteng

Und der werde durchaus von Widerstand aus Teilen des Unternehmerlagers begleitet, "insbesondere jenen, die von einem Zufluss von Arbeitskräften profitieren konnten, um Löhne niedrig zu halten".

Wie dieser Konflikt zwischen Regierung und Wirtschaftsverbänden aussieht, lässt sich konkret am Beispiel der Schweinemast- und Schlachthausindustrie aufzeigen. Hier fehlen laut Branchenangaben derzeit 15.000 Schlachter. 150.000 Mastschweine können deshalb nicht ihrer Verarbeitung zugeführt werden. Deshalb könnten bald massenweise Notschlachtungen durchgeführt werden, Unsummen an Fleisch würden dann buchstäblich auf der Mülldeponie landen.

Laut Angaben des Branchenverbandes BMPA sind einerseits der Brexit und andererseits die Covid-19-Pandemie für die Personalknappheit ausschlaggebend. Viele Schlachter aus osteuropäischen EU-Staaten seien mit dem Brexit in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Durch die Pandemie hätte außerdem nur eine sehr geringe Zahl junger Menschen ihre Fleischer-Ausbildung begonnen.

Der Arbeitskräftemangel

Trotz dieser Entwicklungen bestünden 60 Prozent der in Fleischfabriken arbeitenden Schlachter immer noch aus osteuropäischen Arbeitskräften, auch wenn deren Zahl stetig sinke. Inzwischen gebe es in einer wachsenden Zahl von Betrieben einen Arbeitskräftemangel von 20 Prozent, heißt es in einer BMPA-Analyse vom 28. September.

Zu wenige Briten im arbeitsfähigen Alter würden diesen Job machen wollen, so die Klage. Und eine Lehre würde 18 Monate dauern, sei also auch im besten Fall nicht schnell und massenhaft umsetzbar.

Deshalb wünscht sich die Branche Visa-Erleichterungen, um im Ausland rekrutieren zu können. Doch das britische Innenministerium stellt sich quer. Die konservative Tageszeitung Daily Mail zitiert am 1. Oktober einen Ministeriumssprecher wie folgt:

Die Regierung ruft alle Branchen auf, den Arbeitsmarkt attraktiver für einheimische Arbeitskräfte zu gestalten, indem bessere Ausbildung angeboten, Karriereoptionen verbessert, sowie Löhne und Investitionen erhöht werden.

UK-Ministeriumssprecher

Dies sei keine Lösung, kontert die BMPA. Schon jetzt hätten sich die Löhne in den Schlachtbetrieben schlagartig um 20 Prozent gesteigert, es gebe aber immer noch zu wenig Menschen, die den Job machen wollen.

Die Grenzen der Menschenfreundlichkeit britischer Konservativer

Mit ihrer Rede vom nötigen Lohnwachstum sind die Tories mitnichten plötzlich zu Arbeiterfreunden mutiert, auch wenn sie sich nicht erst seit dem Brexit als "Arbeiterpartei" zu gerieren versuchen. Der Menschenfreundlichkeit britischer Konservativer sind seit jeher enge Grenzen gesetzt.

Am Beispiel der Logistikbranche wird das derzeit besonders deutlich. Hier fehlen zwischen 50.000 und 100.000 Fahrer. Dafür gibt es vielschichtige Gründe. Zum einen gehen geburtenstarke Jahrgänge in Rente, ein europaweites Phänomen. Schon seit Jahren kommen zu wenig neue Fahrer nach.

Die Löhne in der Branche sind stark rückläufig. Die Arbeitszeiten sind hingegen lang. Logistikkonzerne setzten deshalb zunehmend auf osteuropäische Fahrer. 20.000 von ihnen fehlen nun schlagartig, einerseits weil sie aufgrund des Brexit ihre Arbeitsgenehmigung verloren haben, andererseits weil sie aufgrund der Covid-19 Pandemie in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind und nun keine Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit in Großbritannien mehr anstreben.

Auch auf dem europäischen Festland gibt es einen Fahrermangel, und auch hier werden inzwischen bessere Löhne gezählt als noch vor zwei Jahren.

Die Vergabe von 5.000 temporären Visa für ausländische Fahrer ist deshalb nichts weiter als ein Tropfen auf den heißen Stein. Branchenforderungen nach weitreichenderen Ausnahmeregelungen für ausländische Fahrer, wie sie vom Branchenverband Road Haulage Association gefordert werden, wollen die Tories aufgrund ihrer vorgeblichen Lohnerhöhungsstrategie aber nicht nachkommen.

Während die Tories auch hier in der Öffentlichkeit arbeiterfreundliche Rhetorik anschlagen und die Frachtunternehmer zur Zahlung höherer Löhne animieren, setzt sie in der Praxis Schritte mit einem für die Fahrer potentiell gemeingefährlichen Inhalt. So existiert bereits seit Monaten ein Noterlass, der die maximal zulässige tägliche Fahrzeit von neun Stunden auf zehn Stunden erhöht. Zweimal pro Woche darf ein Fahrer auch elf Stunden am Stück fahren.

Inzwischen wurde die Gültigkeit dieser Regelung auf bis Ende Oktober verlängert. Das erzeugt Protest der Gewerkschaften. Eine Branche, in der die Regierung einfach längere Arbeitszeiten erzwingen könne, werde keine neuen Arbeitskräfte anziehen, heißt es in einer Stellungnahme der Gewerkschaft Unite. Die Regelung wird als Sicherheitsrisiko bezeichnet, vor allem in den kommenden Wintermonaten drohe eine Zunahme von Fahrunfällen übermüdeter Lkw-Fahrer.

Wachsende Zahl von Streiks

Kaum eine Branche in Großbritannien ist vom Fachkräftemangel ausgenommen. Laut der britischen Handelskammer haben 70 Prozent aller Betriebe Probleme bei der Personalrekrutierung. Das betrifft sogar die City of London, deren Interessensverband "the City UK" schon seit Längerem über einen wachsenden Fachkräftemangel klagt.

Dem steht gegenüber, dass die Kampfbereitschaft der Belegschaften im privaten Sektor und im Industriebereich zunimmt. Gerade erst hat die Mitgliedschaft der Großgewerkschaft Unite mit Sharon Graham eine neue Generalsekretärin mit syndikalistischem Habitus gewählt. Graham möchte die betriebliche Schlagkraft ihrer Gewerkschaft erhöhen und branchenübergreifende Tarifverträge und bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen.

Schon jetzt ist eine wachsende Zahl von Streiks beobachtbar. Diese haben zwar mehrheitlich einen defensiven Charakter, können aber mit dem Personalmangel im Rücken möglicherweise in eine offensive Richtung umschlagen. Im Gesundheitsbereich, hier sind rund eine Million Posten unbesetzt, kündigt sich für die kommenden Monate ebenfalls ein Lohnkampf ab.

Eine auf mehrere Jahre verteilte, von der Regierung vorgeschlagene Gehaltserhöhung um drei Prozent wurde von einer Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder inzwischen abgelehnt.

Ein neues Sicherheitsgesetz

Es ist deshalb fraglich, wie lange die Regierung ihre ohnehin nur hauchdünnen arbeiterfreundlichen Credentials aufrechterhalten kann. Finanzminister Rishi Sunak hat auf dem Tory-Parteitag bereits eine Rückkehr zu "fiskalischer Strenge", also zur Sparpolitik angekündigt. Gleichzeitig ist ein neues Sicherheitsgesetz in der parlamentarischen Zielgeraden, welches explizit "disruptive" Protestformen illegalisieren will.

Schon im März hat das Parlament in Westminster einem Gesetzentwurf zugestimmt, der verdeckt arbeitenden Mitgliedern der Sicherheitsbehörden Straffreiheit bei im Einsatz ausgeübten Verbrechen wie zum Beispiel Vergewaltigung, Folter oder Mord Straffreiheit zusichert.

Dass es sich hier nicht um leere Drohgebärden handelt, ist im Ärmelkanal sichtbar. Hier geht die britische Marine inzwischen mit Drohnen und Schnellbooten gegen Flüchtlingsboote vor, um sie Richtung Frankreich abzudrängen.

Marginalisierte Personengruppen können sich von dieser Regierung nichts erwarten, außer Repression. Das könnten auch Lohnabhängige zu spüren bekommen, sollten die Konflikte härter werden.