Der Eigenverbrauch - alles Schlechte kommt aus Amerika

Auf dem Dach der Neuen Messe Freiburg steht eine Anlage, die klein genug ist, um unter geltende Eigenverbrauchsregelung zu fallen. Bild: C. Morris

Peak demand parity - wenn mehr erneuerbarer Strom erzeugt als verbraucht wird. Worüber keiner redet. Teil Zwei

Der folgende Beitrag ist vor 2021 erschienen. Unsere Redaktion hat seither ein neues Leitbild und redaktionelle Standards. Weitere Informationen finden Sie hier.

Von Beginn an war die Vorstellung von Netzparität eine beliebte Idee in den USA, wo der Solarsektor mangels einer richtigen Energiepolitik von einer Zeit träumte, in der jeder auch ohne staatliche Förderung Solar aufs Dach stellt, weil der Solarstrom billiger als der Strom aus der Steckdose ist. In Deutschland und anderswo in Europa hatte man ja Einspeisetarife sowieso, und da lohnte sich ein Solardach bereits. Wieso wurde dann der "Eigenverbrauch" als Vorbereitung für die Netzparität überhaupt erfunden?

In Ländern ohne Einspeisetarife wäre die Netzparität der Zeitpunkt, so der Kalifornier Adam Browning, ab dem man Solar endlich installieren würde; in Ländern mit Einspeisetarifen wäre sie die Schwelle, ab der man ohne dedizierte Politik – d.h., ohne Subventionen – auskommt.

Browning leitet die Organisation Vote Solar, die sich für das sogenannte net-metering einsetzt, die am verbreitetste Solarpolitik in den USA. Anstatt dass jede produzierte Kilowattstunde an Solarstrom bepreist und vergütet wird wie in Deutschland, läuft in den USA der Stromzähler einfach rückwärts. Das heißt, dass die Amerikaner den regulären Strompreis ab Steckdose rückerstattet bekommen. Die Einspeisetarife sollen wir also ab Netzparität aufgeben und auf eine Art Net-Metering umsteigen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz bereitet uns sogar mit der "Eigenverbrauchsregelung" darauf vor, worauf wir im nächsten Beitrag eingehen werden.

Die Vorstellung, dass man Einspeisetarife nicht mehr braucht, wenn der Strom vom Netz teurer ist als der Solarstrom, ist auch in Deutschland weit verbreitet. Eicke Weber, Leiter des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), sagte mir 2008 auf die Frage hin, was er von der Aussicht auf die Netzparität erhalte: "Sobald der Einspeisepreis geringer als der Haushaltsstrompreis ist, wird es lukrativer sein, den Ertrag der PV Anlagen zunächst zur Deckung des privaten Strombedarfs abzurechnen und nur die Differenz zum Einspeisepreis."

Es gibt aber ein Problem mit Net-Metering. Erzeugt man in den USA mehr, als man verbraucht, verschenkt man oft den Überschuss an den Energieversorger. Nur in Ausnahmefällen zahlt das EVU etwas für diesen Überschuss, und selbst dann bekommt man oft nicht den vollen Preis, sondern die sogenannten "vermiedenen Kosten", die einen Bruchteil des Strompreises ausmachen. Deswegen machte Weber auch klar, dass Deutschland nicht wirklich auf Net-Metering umsteigt: "Der Kunde kann zunächst seinen eigenen Strombedarf aus der selbst hergestellten PV Energie decken und nur den Rest netto zum Einspeisetarif einspeisen."

Anders ausgedrückt: In Deutschland wird man ab Netzparität den höheren (!) Netzpreis bis zum Überschuss bekommen, der gerne zum niedrigeren Einspeisetarif vergütet wird. Man redet heute nur davon, die Einspeisetarife für die PV zu senken und doch sollen wir nach Erreichen der Netzparität noch mehr als den dann geltenden Einspeisetarif bezahlen. Bei den (begrenzten) Einspeisetarifen auf Hawaii ist die Netzparität schon erreicht; die Einspeisetarife liegen unter dem Netzpreis, wie ichhier (auf englisch) beschrieben haben. Und das aktuelle deutsche EEG bereitet den Boden schon dafür mit einer Erneuerung namens "Eigenverbrauch" vor.

Doppelmoral für PV?

Oft wird in der Debatte um die Einspeisetarife so getan, als ginge es nur um die Photovoltaik. Dabei lag der Preis der Windkraft schon seit eh und je bei 5 bis 9 Cent pro Kilowattstunde, und auch der Strom aus Biomasse hat die Netzparität schon erreicht.

Frage: Wieso ist die Netzparität so wichtig für die Photovoltaik und nicht für die Biomasse und die Windenergie? Antwort: Es gibt keinen Grund, da gelten unterschiedliche Maßstäbe. Die Konfusion zeigte aber eindrucksvoll, dass der Begriff "Netzparität" aus den USA kommt und gar nicht hierher nach Deutschland gehört. Zum Beispiel behauptet der englischsprachige Wikipedia-Eintrag Eintrag zu feed-in tariffs, dass Einspeisetarife "help accelerate the move toward grid parity." Das Englische verlinkt nach dem EEG, wo aber richtigerweise von der Netzparität als Ziel der Einspeisetarife keine Rede ist (das Wort kommt nicht einmal vor). Wäre sie ein Ziel, müssten vor allem die Einspeisetarife für die Windenergie kräftig steigen, nicht sinken, denn sie liegen ja bereits weit unter dem Preis ab Steckdose.

Man kann natürlich gegen den Vorwurf der Doppelmoral argumentieren, dass nur die Photovoltaik den eigenen Stromverbrauch ersetzen und dass deswegen die Netzparität nur für die PV gelten könne. Ein Eigenheimbesitzer wird natürlich kein riesiges Windrad für eine Million Euro im Garten oder ein großes Biomasse-Blockheizkraftwerk im Keller aufstellen, aber man kann durchaus ein kleines Solardach in der Größe des eigenen Stromverbrauchs haben. Diese Argumentation geht aber mehrfach ins Leere:

  • PV-Anlagen bis zu einer Größe von 500 Kilowatt können im aktuellen EEG die Option des Eigenverbrauchs nutzen. Ein normales Hausdach hat vielleicht drei oder vier Kilowatt an Solarmodulen, und selbst ein riesiges Schwarzwald-Bauernhaus nimmt normalerweise nur ein paar Dutzend Kilowatt auf. Um eine Vorstellung zu bekommen, wie groß eine 500-kW-Anlage wäre, schauen Sie sich das Bild vom Dach der Messe Freiburg oben an. Diese Anlage hat eine Leistung von 440 kW. Es geht hier also gar nicht darum, dass Einfamilienhäuser ihren kompletten Strombedarf durch Solardach decken. Wie der Fachjournalist Heiko Schwarzburger in der Zeitschrift photovoltaik richtig analysiert hat, lohnt sich die aktuelle Eigenverbrauchsregelung derzeit vor allem für mittelständische Betriebe.
  • Es gibt durchaus Windkraftanlagen kleiner als 500 kW. So verkauft der führende deutsche Hersteller Enercon eine E-33 mit einer Leistung von 330 kW. Würde eine Mittelstandsfirma eine solche Turbine beispielsweise auf dem eigenen Parkplatz errichten und dafür die Eigenverbrauchsvergütung statt des Einspeisetarifs bekommen, würde die Vergütung von rund 9 Cent auf eher 23 Cent steigen. Außerdem wurden im EEG bis 2009 nur große Windräder vergütet, nicht die kleinen Windgeneratoren, die man sich aufs Dach oder in den Garten stellen kann. Seit 2009 gibt es aber auch für die Kleinen einen Einspeisetarif – aber ohne Eigenverbrauchsoption.
  • Gleiches gilt für die Biomasse, aber dort ist die Lage noch unverständlicher, weil die Biomasse ja regelbar ist. Die kleinste Einheit, für die es einen Einspeisepreis für die Biomasse gibt, liegt bei bis zu 150 kW, auch weit unter der 500-kW-Grenze für die Eigenverbrauchsregelung. Und es gibt auch durchaus Mini-Kraftwärmekopplungsgeräte (KWK) wie das WhisperGen, das auf Erdgas läuft – aber Biomethan in der Qualität von Erdgas gibt es ja bereits. Das WhisperGen hat eine elektrische Leitung von einem Kilowatt und die Grüße eines Geschirrspülers – quasi eine Blockheizkraftwerk als Weißware. Warum sollen Solardächer den höheren Netzpreis vergütet bekommen und solche KWK-Anlagen nicht?

Warum wird auf diese Doppelmoral nicht häufiger hingewiesen? Weil die verschiedenen erneuerbaren Sektoren (Wind, Biomasse, und Solar) sich immer als Teile einer zukünftigen Energieversorgung gesehen haben, nicht als einzelne Elemente. Wirft man der Windindustrie vor, beispielsweise die Atomkraft nicht ersetzen zu können, entgegnet die Windbranche: "Das müssen wir auch gar nicht. Solar ergänzt uns wunderbar und die Biomasse ist regelbar." Den Zusammenhalt sieht man vielleicht am besten darin, dass die Zeitschrift des Bundesverbands Windenergie neue energie alle Themen von Wind zu Biomasse und Solar gleichbehandelt.

Doch der Zusammenhalt bröckelt. Wie Karsten Schäfer, Herausgeber der Zeitschrift erneuerbare energien, neulich schrieb, "Man könnte meinen, dass sich die Windbranche auch stark genug fühlt, der Solarbranche die Pistole auf die Brust zu setzen." Aber er warnte davor. Es heißt, es werde zu viel für den Solarstrom ausgegeben. Auf der Messe Husum Windenergie im September sagte BWE-Chef Hermann Albers unverhohlen, die Solarbranche müssen ihre Prognosen für zukünftige Kosten und den Zubau offenlegen. Ein Tabubruch – oder, wie Schäfer es beschreibt: "Damit scheint sich der Zusammenhalt in der Branche aufzulösen."

Aber nicht nur die Windbranche nimmt die Photovoltaik seit neuestem kritisch ins Visier. Auch der Solarthermiesektor hat es anscheinend auf den Solarstrom abgesehen. So schrieb Bärbel Epp, die ehemalige Chefin von Sonne, Wind & Wärme, bei SolarThermalWorld.org, dass "die Einspeisetarife für den Solarstrom zum Albtraum für die Solarthermie" würden. In ihrem Bericht vom Ende November schreibt sie, die Photovoltaik habe allein im Jahre 2009 eine um mehr als achtzehnmal größere Förderung als die Solarthermie bekommen, obwohl die Solarthermie nur ein Viertel so viel koste. Sie weist außerdem darauf hin, dass Griechenland bereits beschlossen hat, dass Photovoltaikanlagen nicht mehr ohne Solarthermieanlagen auf Häusern installiert werden dürften.

Wenn Sie meiner Meinung sind und glauben, dass die Netzparität entweder gleichermaßen für die Photovoltaik, die Biomasse, und die Windenergie gelten soll oder eben für gar keine, dann sollten wir uns im nächsten Beitrag diese Eigenverbrauchsregelung näher anschauen um zu sehen, ob sie prinzipiell in die richtige Richtung führt und nur getweakt werden sollte, oder ob etwas anderes gemacht werden soll. Wir werden sehen, dass die Netzparität gar nicht so wichtig ist, als die Parität mit den Lastspitzen: peak demand parity.

Rettet die deutsche Energiepolitik! – Teil1

Craig Morris leitet Petite Planète und ist Autor des 2005 erschienen Telepolis-Buches Zukunftsenergien. Er bloggt über Allerlei auf Englisch bei Always Greener.