Der saudische Sonderweg - ein Motiv für 9/11?

Ein bislang kaum bekannter Konflikt zwischen den USA und Saudi-Arabien vom Sommer 2001 lässt 9/11 in neuem Licht erscheinen. Welche Rolle spielten die Streitigkeiten damals? Und warum fanden die Anschläge eigentlich am 11. September statt?

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Bis heute ist nur wenig bekannt, dass das saudische Herrscherhaus im Sommer 2001 einen radikalen Kurswechsel plante. Auf offiziellen diplomatischen Kanälen wurde der US-Regierung damals übermittelt, dass die Saudis künftig ihre Politik generell nicht mehr mit den USA abstimmen würden. Die Anschläge vom 11. September machten diese Loslösungspläne nur wenige Wochen später zunichte.

Die vertraute Beziehung zwischen Prinz Bandar bin Sultan, dem saudischen Botschafter in den USA von 1983 bis 2005, und US-Präsident George W. Bush ist legendär. Doch es war mehr als nur persönliche Sympathie, was die beiden ehemaligen Kampfjetpiloten miteinander verband. Die Freundschaft zwischen Bandar und Bush repräsentierte immer auch die besondere Geschäftsbeziehung zwischen Saudi-Arabien und den USA, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Deren Kern ist simpel: Die Saudis liefern Öl und lassen die eingenommenen Gelder umgehend wieder zurück in die USA fließen - für Waffen und große Infrastrukturprojekte. Amerikanisches Geld landet so am Ende wieder größtenteils bei US-Konzernen.

Dieses sogenannte "Petrodollarrecyling" ist nicht nur eine wesentliche Stütze der amerikanischen Volkswirtschaft, sondern auch der US-Währung selbst. Würden die arabischen Staaten mit den Saudis an der Spitze ihr Öl nicht mehr in Dollar abrechnen, sondern in Euro, wie es etwa der irakische Diktator Saddam Hussein einige Zeit vor der Invasion seines Landes entschieden hatte, dann würde die globale Nachfrage nach Dollars dadurch so stark einbrechen, dass die monetäre Vormachtstellung der USA in ernste Gefahr geriete.

Amerika und die Saudis sind so in einer engen ökonomischen Symbiose miteinander verbunden. Dies bringt auch eine enge politische Allianz mit sich, die jedoch immer wieder in Gefahr gerät. Denn die politischen Systeme beider Länder könnten ungleicher kaum sein. Die saudische Bevölkerung lebt in einer der rückständigsten Diktaturen der Welt, Reformen und eine politische Öffnung hin zu mehr Mitbestimmung der Bürger werden von Seiten des allmächtigen Herrscherhauses nur zögerlich gewährt. Dazu ist der Konflikt zwischen Israel und Palästina ein weiterer beständiger Unruhefaktor für die saudische Innenpolitik.

Als Anfang 2001 in Israel der Hardliner und Ex-General Ariel Scharon Präsident wurde, und das arabische Satellitenfernsehen immer häufiger die Bilder der israelischen Besatzung in den Palästinensergebieten direkt in die saudischen Wohnzimmer brachte, stieg auch der Druck auf die eigene Führung. Die Wahrnehmung der einfachen saudischen Bürger war klar: Israel handelte mit Billigung der USA, die zugleich engster Verbündeter der ungeliebten eigenen Herrscherclique waren. Der Volkszorn brodelte.

George W. Bush trifft den saudiarabischen Botschafter Prinz Bandar bin Sultan auf Bushs Ranch inTexas. Bild: U.S. Government

Im März 2001, Präsident Bush war gerade zwei Monate im Amt, erschien Bandar im Weißen Haus. Er überbrachte eine Botschaft vom saudischen Kronprinzen, der de facto das Land regierte. Neue Fortschritte im Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern seien von größter Bedeutung, so der Botschafter. Nur auf dieser Grundlage ließe sich eine verlässliche Koalition der moderaten arabischen Staaten schmieden - auch im Kampf gegen Saddam Hussein.1

Die US-Regierung ihrerseits stand unter Druck der Israel-Lobby, die historisch gewachsen starken Einfluss auf die amerikanische Politik hat. Die Regierung Scharon aber war an diplomatischen Zugeständnissen an die Palästinenser kaum interessiert. Sie verlegte sich eher auf eine Politik der militärischen Stärke und Überlegenheit. Charakteristisch dafür war Scharons später getroffene Entscheidung, eine Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland zu errichten.

Der Konflikt vom Sommer 2001

Die Saudis waren beunruhigt über die amerikanische Passivität in diesem Konflikt - und sie reagierten. Im Mai lehnte der saudische Kronprinz Abdullah öffentlich eine Einladung ins Weiße Haus ab. Zur Begründung sagte er, die USA würden die Not der Palästinenser ignorieren.

Bush und Kronprinz Abdullah (2002). Bild: Executive Office of the President of the United States

Anfang Juni 2001 war Bandar zu einem Abendessen bei Bush eingeladen. US-Außenminister Colin Powell und die Sicherheitsberaterin des Präsidenten Condoleezza Rice waren ebenfalls zugegen. Der saudische Botschafter referierte mehrere Stunden lang sehr eindringlich. Die Situation im Nahen Osten verschlechtere sich, so Bandar. Er ergänzte:

Und diese Verschlechterung führt dazu, dass es auf beiden Seiten immer mehr Extremisten gibt, die am Ende als alleinige Gewinner dastehen. Die Vereinigten Staaten und die moderaten, amerikafreundlichen arabischen Staaten werden einen sehr hohen Preis bezahlen. Den Krieg um die Medien und die öffentliche Meinung der Araber haben die USA und die moderaten Staaten zweifellos bereits verloren. Der durchschnittliche Araber sieht jeden Tag schmerzhafte und verstörende Bilder. Frauen, Kinder und Greise, die von Israelis gefoltert und getötet werden.

Bandar betonte, dass sich in der arabischen Öffentlichkeit der Eindruck verfestigte, die USA stünden vollständig hinter Israel, was den amerikanischen Interessen in der Region großen Schaden zufügen würde. Der Botschafter verdeutlichte, dass die USA deshalb einen Weg finden müssten, die Handlungen der israelischen Regierung von ihren eigenen Interessen in der Region zu trennen. Er räumte in diesem Zusammenhang auch ein, dass es zum ersten Mal seit 30 Jahren Probleme mit der innenpolitischen Situation in Saudi-Arabien gebe - eine ernste Gefahr für die Stabilität des Herrscherhauses.2

Im Sommer 2001 verschärfte sich der Konflikt im Nahen Osten. Mehrere Waffenruhen zwischen Israel und Palästina wurden gebrochen. Die USA verhielten sich weiter passiv. Am 27. August sprach Bandar erneut bei Bush vor:

Mr. President, dies ist die schwierigste Nachricht, die ich Ihnen jemals überbringen musste. Eine so schwierige Nachricht musste ich noch keiner Regierung überbringen, seit ich 1982 in Washington angefangen habe.

Er betonte erneut die engen Beziehungen beider Länder und die wachsenden Probleme des Nahost-Konflikts. Bush habe Sharon offenbar erlaubt "im Nahen Osten zu machen, was er will". Die israelische Besatzungspolitik sei jedoch zum Scheitern verurteilt. Bandar verglich sie mit der britischen Politik in den amerikanischen Kolonien im 18. Jahrhundert und der Afghanistanpolitik der Sowjetunion.3

Die Drohung des Kronprinzen

Dann folgte die entscheidende Aussage:

Deshalb wird der Kronprinz alle Kommunikation mit Ihnen einstellen, egal welchen Typs, welcher Art und welcher Form. Saudi-Arabien wird zukünftig alle politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Entscheidungen ausschließlich an seinen eigenen regionalen Interessen ausrichten und amerikanische Interessen nicht mehr mit einbeziehen. Denn es ist offensichtlich, dass die USA die strategische Entscheidung getroffen haben, Scharons Politik zu übernehmen.

Diese Botschaft war ein Paukenschlag, der Bush und die gesamte amerikanische Führungsriege in Schrecken versetzte. Sie manifestierte eine klare politische Trennung Saudi-Arabiens von den USA. Dieser Bruch hatte sich bereits länger abgezeichnet. Dem ehemaligen amerikanischen Botschafter in Saudi-Arabien, Chas Freeman, zufolge war bereits nach dem Ende des Kalten Kriegs und des Golfkriegs von 1991 ein Großteil des gemeinsamen Interesses beider Länder geschwunden. Immer mehr Saudis stellten zudem die anhaltende US-Militärpräsenz im Land in Frage.

Chas W. Freeman. Bild: Chas W. Freeman (Public Domain)

Präsident Bush lenkte daher ein, und erklärte in einem noch Ende August eilig aufgesetzten Brief an den Kronprinzen, er glaube fest an das Recht des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung und einen eigenen Staat. Dies war ein Zugeständnis, dass selbst Präsident Clinton in seiner Amtszeit so nie gemacht hatte.

Die Drohung Saudi-Arabiens, von nun an politisch eigene Wege zu gehen und sich nicht mehr mit den USA abzustimmen, kam einem mittleren diplomatischen Erdbeben gleich. Alle, die in irgendeiner Form an dem eingangs beschriebenen milliardenschweren Petrodollar-Geldstrom beteiligt waren oder davon abhingen, gerieten in große Aufregung, da dieses besondere Geschäftsmodell auch auf eine enge politische Kooperation beider Staaten angewiesen war.

Es ist schwer abzuschätzen, was geschehen wäre, wenn Bush nicht so rasch eingelenkt hätte. Wie später bekannt wurde, hatten die Saudis zumindest durchblicken lassen, ein Dringlichkeitstreffen der arabischen Staatsführer einzuberufen mit der Absicht, sich vollständig hinter die Palästinenser zu stellen. Sie erwogen auch, sämtliche Geheimdienstkooperationen mit den USA abzubrechen und die militärische Zusammenarbeit beider Länder neu zu überdenken.

Diese Überlegungen wurden für die USA sehr konkret und bedrohlich, als der Kronprinz am 25. August, zwei Tage vor der Übermittlung seines diplomatischen Paukenschlags, seinen Stabschef, General Salih, der gerade in Washington zu Konsultationen eingetroffen war, anwies, sofort wieder abzureisen, ohne irgendwelche Gespräche mit Pentagon-Vertretern zu führen. Das jährliche Treffen zur Absprache der gemeinsamen Militärbeziehungen beider Länder wurde abrupt abgesagt. Das Pentagon reagierte geschockt.

Der 25. August war auch der Tag, an dem die ersten Tickets der mutmaßlichen Attentäter für die 9/11-Flüge gebucht wurden.4

Warum fanden die Anschläge am 11. September statt?

Natürlich nahm die Planung der Anschläge allen Erkenntnissen zufolge viele Monate in Anspruch. Es ist nahezu undenkbar, dass die gesamte Aktion spontan in zwei Wochen ins Werk gesetzt wurde. Allerdings stellt sich die Frage, inwieweit die Anschlagspläne im Jahr 2001 womöglich fertig zur Ausführung vorlagen - und nur ein politisch geeigneter Moment zum Losschlagen abgewartet wurde. Es ist jedenfalls bislang kein triftiger Grund bekannt geworden, weshalb die Angriffe eigentlich Anfang September stattfanden - und nicht Anfang Oktober, Ende Mai, oder Mitte Juli.

Einschlagsschäden im Pentagon. Bild: U.S. Air Force

Bushs rasches Zugeständnis hatte die für die USA bedrohlichen Entwicklungen vorerst abgewendet und der saudische Kronprinz zeigte sich darüber erfreut und erleichtert. In seiner Antwort vom 6. September drängte er aber, dass der Präsident dies nun nicht nur ihm gegenüber, sondern auch öffentlich sagen müsse. Bush stimmte zu, in der Woche nach dem 10. September dazu eine öffentliche Erklärung abzugeben.5

Über das Wochenende vom 8. zum 9. September diskutierten Diplomaten beider Länder, was als nächstes geschehen sollte: eine Rede Bushs oder Powells? Auch ein Treffen zwischen Bush und Arafat bei den Vereinten Nationen Ende September wurde erörtert. Der US-Präsident reagierte aufgeschlossen auf den Vorschlag, was die Saudis erfreute. Auch ohne eine endgültige Entscheidung dazu war Botschafter Bandar nun in einer euphorischen Stimmung: "Ich hatte den Eindruck, dass hier wirklich eine große Initiative entstand, die uns alle retten konnte."

Die New York Times berichtete am 9. September über diese Verhandlungen und stellte ebenfalls klar, dass der "wachsende Druck" Saudi-Arabiens die USA zum Handeln zwänge. Dessen Außenminister hätte unmittelbar zuvor mehrere arabische Länder bereist, um eine einheitliche Front von Regierungen zu bilden, die beim Treffen der Vereinten Nationen in New York Ende September gemeinsam im Interesse Palästinas auftreten sollten. Die Zeitung zitierte Diplomaten, denen zufolge dieses Vorgehen sehr ungewöhnlich sei, da der Prinz nur selten reise und ein solch hochrangiger Saudi sich auch nie zuvor so offen für Palästina und gegen die USA gestellt habe.

Im gleichen Artikel zitierte die New York Times aus dem Umfeld von Präsident Bush, dass man zu einem Treffen mit Arafat bereit sei, um einen Prozess neuer ernsthafter Friedensgespräche zu beginnen, sofern "die Entwicklungen in den kommenden 10 Tagen" dies zuließen. Der israelische Präsident stimmte den Plänen, der Zeitung zufolge, nur halbherzig zu. Weiter hieß es in Bezug auf eine Rede, die US-Außenminister Powell wahrscheinlich im Umfeld der UNO-Generalversammlung im September halten sollte:

Eine derzeit vorbereitete Rede des Außenministeriums würde erstmals die Grundzüge der Politik dieser Regierung in Bezug auf den Nahen Osten erklären, wie ein Beamter sagte. Darin ginge es um Themen wie einen eigenständigen palästinensischen Staat, auch wenn die konkreten Formulierungen dazu noch nicht geklärt seien. Die Rede würde auch die Bedeutung sicherer Grenzen für Israel thematisieren, sowie möglicherweise die sensible Frage der Siedlungen.

Zu all dem kam es jedoch nicht, nachdem am folgenden Dienstag, dem 11. September 2001, mehrere entführte Flugzeuge ins World Trade Center und ins Pentagon einschlugen.

Nachdem bekannt wurde, dass 15 der 19 mutmaßlichen Entführer Saudis gewesen seien, wurde der Anschlag augenblicklich zu einer schweren Hypothek für die saudischen Herrscher. Mit einem Mal schrumpfte ihr politischer Handlungsspielraum auf ein Minimum zusammen. Forderungen zu stellen oder gar die US-Regierung zu irgendetwas zu drängen, war vollständig unmöglich geworden. Auch eine politische Abspaltung von den USA war nun undenkbar. Stattdessen hatten die Saudis alle Hände voll damit zu tun, sich von den Attentaten zu distanzieren.

Ein Motiv für 9/11?

Da die Anschläge selbst nach wie vor unaufgeklärt sind und eine Verantwortung Bin Ladens mitnichten nachgewiesen wurde, bietet die Episode des im Sommer 2001 geplanten saudischen Sonderwegs Raum für weitere Überlegungen. Gehörte es zum Kalkül der Anschlagsplaner, wer auch immer sie waren, den saudischen Kronprinzen unter Druck zu setzen, um sein Land so weiterhin an die USA binden zu können und eine drohende politische Loslösung zu verhindern? Sollte darüber hinaus der Friedensprozess im Nahen Osten, dessen Fortführung die Saudis mit massivem Druck anmahnten, gezielt torpediert werden? Falls dem so war, so kann ein Erfolg auf breiter Front konstatiert werden.

Saudi-Arabien rückte nach den Anschlägen, ebenso wie Pakistan und andere Länder, fest an die Seite der USA. Dies war keine freie Entscheidung der jeweiligen Regierungen, sondern durch die extreme Polarisierung nach 9/11 (Bush: "Wer nicht für uns ist, ist für die Terroristen") direkt erzwungen.

Nur zwei Tage nach den Anschlägen trafen sich Botschafter Bandar und Präsident Bush vertraulich im Weißen Haus, um die zukünftigen Beziehungen beider Länder zu besprechen. Von einem Dissens war keine Rede mehr.6 Die Gespräche wurden fortgesetzt bei einem Besuch des saudischen Außenministers im Weißen Haus am 20. September. In einer anschließenden Stellungnahme betonte der Minister zwar, es sei erwiesen, dass etwas mit der FBI-Liste der Namen der mutmaßlichen saudischen Flugzeugentführer nicht stimmen würde, dieser Einwand wurde jedoch von den Ermittlern - und auch der Presse - in der Folge ignoriert.

Seither schwelt der Verdacht einer saudischen Beteiligung an den Anschlägen mehr oder weniger deutlich ausgesprochen in der Öffentlichkeit. Im Jahr 2012 verabschiedete der US-Senat sogar ein Gesetz, das die juristische Verfolgung der Saudis in Zusammenhang mit 9/11 ermöglicht. Das Gesetz ist Ergebnis von Lobbyanstrengungen mehrerer einflussreicher US-Senatoren, sowie der Anwaltskanzlei Motley Rice, die einige Opferfamilien der Anschläge vertritt. Der somit aufgebaute öffentliche Druck auf Saudi-Arabien kann zugleich auch als willkommenes Mittel einflussreicher Kreise in den USA betrachtet werden, die Saudis unter Kontrolle zu behalten.

Zwar stimmt es, dass eine ganze Reihe von Saudis, teilweise mit Regierungskontakten, in Verbindung mit den mutmaßlichen Attentätern standen. Und vieles deutet in der Tat auf die Existenz eines gut organisierten verdeckten saudischen Unterstützernetzwerks in den USA vor 9/11 hin. Auch ist es richtig, dass die offiziellen Untersuchungskommissionen diesen Aspekt zu kaschieren versuchten. Ob allerdings Personen in diesem Unterstützernetzwerk auch wirklich Kenntnis von den konkreten Terrorplänen hatten, ist bislang völlig offen - genauso wie die Planung der Anschläge selbst.

Erinnert sei daran, dass die Kronzeugen der amtlichen Darstellung der Planung von 9/11, wie Abu Subaida, Ramzi Binalshibh und Khalid Scheich Mohammed, nach ihrer jeweiligen Festnahme in Geheimgefängnisse verschleppt und gefoltert wurden. Kein amtlicher Ermittler hatte je Zugang zu ihnen. Trotzdem bilden ihre Aussagen weiterhin die Grundlage des offiziellen 9/11 Commission Reports, was selbst US-Medien wie NBC schon vor Jahren - folgenlos - kritisierten Auch die bisherigen Gerichtsverfahren in Zusammenhang mit 9/11 in Guantánamo sind nach allen juristischen Standards kaum mehr als eine Farce.

Vor diesem Hintergrund sind die "Enthüllungen" über eine saudische Beteiligung an den Anschlägen mit Vorsicht zu genießen. Es gibt ein starkes politisches und ökonomisches Interesse, weiterhin Druck auf Saudi-Arabien auszuüben. Zugleich erscheint es fraglich, welches Interesse saudische Regierungskreise an den Anschlägen von 9/11 gehabt haben sollen. Wie geschildert, verloren sie durch die Angriffe beinahe vollständig ihren politischen Gestaltungsspielraum - was vorhersehbar war.

Bei der Frage nach den möglichen Motiven für 9/11 sollten daher die auf die Anschläge folgende Polarisierung, sowie der beschriebene saudisch-amerikanische Konflikt vom Sommer 2001 mit erwogen werden.